Suchet der Stadt Bestes

Editorial

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin; Friedrich, Jan, Berlin

Fußgängerzone Ludwigstraße in Bad Reichenhall zur Weihnachtszeit, ca. 1970.
Ansichtskarte: Ernst Baumann, Bad Reichenhall

Fußgängerzone Ludwigstraße in Bad Reichenhall zur Weihnachtszeit, ca. 1970.

Ansichtskarte: Ernst Baumann, Bad Reichenhall


Suchet der Stadt Bestes

Editorial

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin; Friedrich, Jan, Berlin

Wenn dieses Heft erscheint, steht Weihnachten vor der Tür – und wir befinden uns in einem zweiten Lockdown ähnlich jenem des vergangenen Frühjahrs, mit geschlossenen Läden aller Branchen, die nicht fürs täg­liche Leben unabdingbar sind. So zwingend die Maßnahme zur Kontakt-Vermeidung in der zweiten Welle der Corona-Pandemie ist – so manchen Ladeninhaber dürfte sie zum Aufgeben zwingen (Gast- und Kulturstätten stehen schon seit dem Anfang November verhängten milden Lockdown im Aus). Die Auswirkungen auf die Zentren werden in naher Zukunft deut­lich werden. Und spätestens dann wird die Stadt als Ort des Handels unumgänglich auch wieder ein Ort des Handelns. Das muss nicht schlecht sein, vergegenwärtigt man sich den Zustand der Hauptgeschäftsstraßen vielerorts. In den letzten zwanzig, dreißig Jahren ließen sich dort zwei Entwicklungen beobachten, und beide führten zu immer weniger Anlass, in einer Fußgängerzone statt online einzukaufen: In den stabileren Städten griff das Filialwesen immer mehr um sich, was dazu führte, dass der Passant in jeder Stadt auf das immer gleiche Angebot, die immer gleiche, meist anspruchslose Gestaltung von Ladeneinrichtung und Werbeanlagen und die immer gleiche Schaufensterdekoration traf. In weniger prosperierenden Orten dagegen war eine Abwärtstrend zu beobachten, der über immer trashigere Angebote zu immer mehr Leerstand führte, mitsamt einer zunehmenden Verwahrlosung von Gebäuden und öffentlichem Raum. Nein, der Innenstadt anno 2019 hinterherzuweinen, gibt es wenig Grund: Was immer kommt, kann öder kaum sein. Aber wird es gut sein? Oder zumindest besser? Wenigstens etwas? Und was können Städte und Hauseigentümer, Developer und Planer tun, um das zu bewirken?
Wunschzettel für die Innenstadt
Über die Ziele sollte Einigkeit schnell zu erzielen sein. Also, her mit den Wünschen fürs Christkind: Die Stadtzentren sollen abwechslungsreicher sein! Sie sollen Raum bieten für Angebote, die spezifisch sind, die es anderswo vielleicht ähnlich, aber nicht genauso gibt. Der Handel darf wie-der „händischer“ werden, wie es Ellen Jacoby, Creativ Director der TAP Holding, Anfang September auf einem Podium in Paderborn formulierte, um die Stärke des Analogen auszuspielen. Der Branchenmix wird wieder größer, mit Angeboten jenseits von Mode, Drogerieartikeln und Backwaren: Spielwaren, Korbwaren, Eisenwaren, Bücher, Blumen, Lebensmittel etc.Es gibt dann auch wieder Räume, in denen nicht Ware aus ferner Herstellung verkauft, sondern wo selbst produziert wird – nicht jedes Gewerbe macht Lärm, nicht jedes ist logistikintensiv, nicht jedes braucht eine Großfläche im Gewerbegebiet. Die Obergeschosse von aufgegebenen Warenhäusern können Platz bieten für Freizeit-, Kultur- und Dienstleistungsangebote, auch Bildungseinrichtungen kehren ins Zentrum zurück. Und auch das Wohnen, gerade um älteren und nicht so mobilen Bürgern eine leichtere Teilhabe am städtischen Leben zu ermöglichen.
Naiv, so viel zu wünschen? Vermutlich. Aber wenn nur die Hälfte davon in Erfüllung geht, ist die Zukunft der Innenstädte nicht düster. Und das ist gar nicht naiv, im Gegenteil: Vieles von all dem zeichnet sich längst ab – in Wien und Paris, na klar, aber auch in Offenbach und Hannoversch Münden. Die Werkzeuge, die beim Handeln helfen, liegen schon auf dem Tisch. Daher nicht ohne Anlass: allen Städten ein frohes Fest!

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