Spielen, Lieben, Protestieren

Die Ausstellung Living the City in Berlin macht Lust auf Stadt(-machen). In locker-flockiger Aufmachung werden komplexe Themen und Probleme vermittelt, ohne dabei in Pessimismus abzugleiten.

Text: Stumm, Alexander, Berlin

Spielen, Lieben, Protestieren

Die Ausstellung Living the City in Berlin macht Lust auf Stadt(-machen). In locker-flockiger Aufmachung werden komplexe Themen und Probleme vermittelt, ohne dabei in Pessimismus abzugleiten.

Text: Stumm, Alexander, Berlin

Eine Ausstellung im Auftrag des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat im Rahmen der Nationalen Stadtentwicklungspolitik, ausgerichtet für breite Bevölkerungsschichten – klingt für den architektonischen Fachdiskurs vernachlässigbar. Falsch gedacht! Der Ausstellung Living the City des Kuratorenteams Lukas Feireiss, Tatjana Schneider und TheGreenEyl gelingt der schmale Grat zwischen einfacher Sprache und substanziellem Inhalt. Hinter einer locker-flockigen Aufmachung findet sich eine Reihe komplexer Themen und engagierter Projekte, die Lust auf Stadt(-machen) machen. Die Cool-Kids zeigen damit den gewissenhaften Nerds der parallel stattfindenden „Unvollendete Metropole“-Ausstellung (Besprechung in Heft 24.20), was in Stadt alles drin steckt.
Dass die Kapitel, statt auf in Architektenkreisen beliebte Begriffe wie Infrastruktur oder Mo­bilität zurückzugreifen, schlicht mit „Bewegen“ oder mit „Spielen“ oder „Lieben“ überschrieben sind, irritiert nur im ersten Augenblick. Denn wie oft verstecken sich Architekten und Autoren hinter einer distinguierten Terminologie und schaffen es damit nicht immer, die Dinge beim Namen zu nennen. Living the City gewinnt außerdem durch die Ausstellungsarchitektur, die mit großen Gerüsten offene und geschlossene Räume schafft und die monumentale Eingangshalle des von NS-Architekt Ernst Sagebiel errichteten Flughafens Tempelhof souverän konterkariert. Am meisten überzeugt aber die Auswahl der Arbeiten, die einen Überblick über die verschiedenen Problemlagen gegenwärtiger Städte liefert, dabei aber an keiner Stelle in Pessimismus abgleitet. Den Tenor könnte man mit dem Ärzte-Bonmot umschreiben: „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist, es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.“ Die Veräußerung von kommunalem Grund und Boden, die Privatisierung von Wohnungsbaugenossenschaften, die Kommodifizierung des Stadtraums – allen aufgezeigten Problemfeldern werden Lösungsansätze nebenangestellt. Neben bekannten Arbeiten wie Granby Four Street von Assemble, den Essohäusern von PlanBude oder den Transformationen von Nachkriegsarchitektur durch Lacaton & Vassal finden sich auch einige (Neu-)Entdeckungen. Zum Beispiel im Kapitel über Arbeitsbedingungen das Projekt Fair Building, das zuerst 2016 im Polnischen Pavillon auf der Venedig Biennale zu sehen war. Es widmet sich den Zuständen auf europäischen Großbaustellen und legt die zwar alltäglichen, nichtsdestoweniger skandalösen Konditionen der zumeist auf Subunternehmen ausgelagerten Arbeitskräfte offen, denen Verträge, Krankenversicherung und bisweilen sogar ihre Löhne verwehrt bleiben. Ein anderes Kapitel beschäftigt sich mit der Straße als Protestraum und stellt, ganz im Sinne von Lucius Burckhardts „Wer plant die Planung“ die Frage, wie Bürgerinnen und Bürger ihre Stadt mitgestalten können.
Dazwischen finden sich immer wieder künstlerische Arbeiten, z.B. Fotografien des Öko-Künstlers Tue Greenford, eine Arbeit von Thomas Hirschhorn, oder ein Film von Ita Bêka & Louise Lemoine. Die skulpturale Installation Weltstadt ist eine über mehrere Meter hoch gestapelte Sammlung von Architekturmodellen als „Modellstadt aus Erinnerungen und Träumen“, erbaut von Geflüchteten aus dem Iran, Syrien, Marokko und Pakistan in Kooperation mit dem Berliner Verein Schlesische27. Die Afrofuturistische Vision (2020) des US-amerikanischen Künstlers Olalekan Jeyifous ist eine wilde Collage von Paris, das mitsamt seiner Monumente – als Sinnbilder imperialistischer Macht – von in die Vertikale gezogenen, traditionellen afrikanischen Siedlungselementen, verschiedenen Science Fiction Architekturen und neuen Grünräumen überformt ist und schließlich in einer postkolonialen Pop-Fiktion aufgeht. Auf leisere, nicht minder witzige Art zeigt die Arbeit Wunschrouten (2011) von Jan Dirk van der Burg, dass die Stadt mehr ist als die von Architekten und Stadtplanern vorgesehenen Strukturen und Räume. Der Niederländer fotografierte Trampelpfade. Die von Modernisten wie Le Corbusier als „Wege des Esels“ verachteten, spontanen Spuren stehen dem Kuratorenteam zufolge „für Widerstand, für kleine Gesten des zivilen Ungehorsams. Sie wehren sich gegen einen Ordnungs- und Gestaltungswillen, der sich über alles stülpt und doch im täglichen Gebrauch keinen Sinn macht.“

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