Bauwelt

Seit dem Mittelalter verliefen die Kriege, die Estland erreichten, oft genau hier – am Fluss Narva

Narva ist Grenzstadt, Industriestandort und Projektionsfläche. Bürgermeisterin ­Katri Raik spricht über Sicherheit, Sprache, Identität und die wachsende Vorsicht seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine.­

Text: Heinich, Nadin, München

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Bürgermeisterin Katri Raik vor dem Narva College, dessen Fassade als Abdruck an die alte Börse erinnert (Bauwelt 46.2013).

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Bürgermeisterin Katri Raik vor dem Narva College, dessen Fassade als Abdruck an die alte Börse erinnert (Bauwelt 46.2013).


Seit dem Mittelalter verliefen die Kriege, die Estland erreichten, oft genau hier – am Fluss Narva

Narva ist Grenzstadt, Industriestandort und Projektionsfläche. Bürgermeisterin ­Katri Raik spricht über Sicherheit, Sprache, Identität und die wachsende Vorsicht seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine.­

Text: Heinich, Nadin, München

Beginnen wir mit einer Frage, die Ihnen vermutlich schon oft gestellt wurde: Wie blicken Sie von Narva aus auf Russland? Wie schätzen Sie die aktuelle Bedrohungslage ein?
Es gibt einen Unterschied zwischen meiner Sicht und der vieler Bewohner dieser Stadt. Narva steht seit langem unter starkem Einfluss russischer Medien. Seit der Vollinvasion in der Ukraine ist russische Propaganda in Estland zwar stärker eingeschränkt, in Narva aber bleibt sie präsent – über frei empfangbare Sender in Grenznähe ebenso wie über mediale Inszenierungen auf der russischen Seite des Flusses. Manchmal hat man den Eindruck, die Menschen wiederholen, was Putin am Vorabend gesagt hat. Natürlich gibt es auch estnische russischsprachige Angebote. Aber das russische Fernsehen ist oft attraktiver gemacht – mit Shows, Konzerten, Filmen, großen Budgets. Auf diesem Weg wirkt Propaganda bis nach Narva hinein.
Gleichzeitig ist Narva keine monolithische Stadt, sondern eine Stadt mit tausend Meinungen. Nach Beginn der Vollinvasion standen vor allem viele Jüngere klar auf der Seite Estlands und der Ukraine. Für sie ist Russland der Aggressor, Putin ein Kriegsverbrecher. Ältere Menschen sehen das oft anders. Diese Spannungen verlaufen mitten durch Familien; nicht selten wird über den Krieg gar nicht mehr gesprochen.
In Narva sprechen heute fast alle Russisch.
Wenn wir über die Sprache sprechen, ja: Russisch dominiert den Alltag fast vollständig. Estnisch ist nur in einer kleinen Minderheit der Haushalte die erste Sprache. Zugleich gibt es eine jüngere Generation, die sagt: Wir sind Esten, aber russischsprachige Esten. Auch das gehört zu Narva.
Sie sind Historikerin. Warum ist dieser Anteil hier so hoch? Landesweit liegt der Anteil ethnischer Russen in Estland bei 20,9 Prozent.
Narvas größte Stärke und zugleich seine größte Hypothek ist die Lage. Seit dem Mittelalter verliefen die Kriege, die Estland erreichten, oft ge-nau hier – am Fluss Narva. Das galt im Livländischen Krieg, im Großen Nordischen Krieg, im Ersten Weltkrieg und erneut im Zweiten Weltkrieg. 1944 wurde die Stadt fast vollständig zerstört; ihre Bewohner waren zuvor evakuiert worden.
Nach dem Krieg lag Narva in Trümmern. Viele estnische Vorkriegsbewohner kehrten nicht zurück – teils weil sie es nicht durften, teils weil sie nicht unter sowjetischer Herrschaft leben wollten. Wiederaufgebaut wurde die Stadt zunächst auch mit Hilfe von Kriegsgefangenen, vor allem aber von Neuankömmlingen aus verschiedenen Teilen der Sowjetunion. Mit dem Staudamm, dem Wasserkraftwerk, den Ölschieferkraftwerken und den Industriebetrieben – allen voran der Textilfabrik Kreenholm – wurde Narva zu einer sowjetischen Industriestadt neuen Typs. Die Menschen kamen nicht nur aus Russland, sondern auch aus Belarus, der Ukraine, dem Kaukasus und anderen Teilen der Sowjetunion. Deshalb ist das kulturelle Leben der Stadt bis heute erstaunlich vielfältig. Vor dem Zweiten Weltkrieg war Narva mehrheitlich estnisch geprägt. Nach 1945 begann hier demografisch und kulturell eine völlig neue Geschichte.
Wie war zu Sowjetzeiten das Zusammenleben zwischen Russen und Esten – wie ist es heute?
Estland ist eine kleine Nation. Für uns sind Freiheit und Sprache existen-ziell. Seit den 1990er Jahren haben wir Russland lange mit Samthandschuhen angefasst – auch in der Sprach- und Bildungspolitik. Erst in den vergangenen Jahren hat sich das verändert. Seit der Vollinvasion ist in kurzer Zeit mehr passiert als zuvor in einem Jahrzehnt: Sowjetdenkmäler sind verschwunden, Straßennamen wurden geändert, der Übergang zum Unterricht auf Estnisch wurde beschleunigt. Russische und belarus-sische Staatsbürger dürfen in Estland keine Waffen mehr besitzen.
Seit dem vergangenen Jahr wird in den Kindergärten sowie in den ersten und vierten Klassen nur auf Estnisch unterrichtet. Auf dem Papier ist das klar, in der Praxis sehr viel schwieriger. Welche Sprache sprechen Lehrerinnen und Lehrer tatsächlich im Alltag? Sprechen auch die Kinder Estnisch? Oder wechseln sie doch wieder ins Russische? Damit beschäftigen wir uns jeden Tag.
Wäre es sinnvoll, manche Gesetze, die für ganz Estland gelten, hier etwas weicher auszulegen?
Nein. Narva ist Teil Estlands. Vor vier Jahren hätte ich vielleicht noch anders geantwortet. Aber es geht nicht nur um Sprache. Die eigentliche Frage lautet: Gehöre ich zu Estland oder nicht? Ein erheblicher Teil der Bevölkerung von Narva besitzt nicht die estnische Staatsbürgerschaft, viele Menschen sind nicht im heutigen Estland geboren. Sie fühlen sich hier oft nicht ganz zu Hause – und zugleich auch nicht in Russland. Genau das macht die Lage so komplex.
Die baltischen Staaten engagieren sich sehr stark für die Ukraine und orientieren sich klar an EU und NATO.
Natürlich weiß hier jeder, dass Estland in den vergangenen zwanzig Jahren enorm von Europa profitiert hat. Die Europäische Union ist auch für viele russischsprachige Menschen in Estland etwas Greifbares. Bei der NATO ist das anders. Viele hier denken noch immer: Man sollte Russland bes-ser in Ruhe lassen, keinen Ärger provozieren. Der russische Bär soll schlafen. Die Stimmung in Narva ist deshalb völlig anders als in der Hauptstadt Tallinn. Wenn ich versuche, dem Rest Estlands zu erklären, was in Narva los ist, werde ich oft nicht verstanden.
Wenn der Einfluss russischer Medien so groß ist – ist dann auch eine Mehrheit für Putin?
Darüber spricht man nicht. Wir wissen es nicht. Wenn es zu einem Krieg käme und wir die Menschen evakuieren müssten, würde – so meine persönliche Vermutung – vielleicht ein Drittel hierbleiben, ein Drittel nach Estland gehen und ein Drittel nach Russland.
Denken Sie die Stadt seit der Vollinvasion anders? Hat sich Ihr Blick auf Grenzen und Sicherheit verändert?
Im Alltag sieht man hier erstaunlich wenig Militarisierung. Bei öffentlichen Neubauten wie Schulen oder Kindergärten wird das Thema Schutzräume heute mitgedacht. Aber im Straßenraum sehen Sie keine Betonlandschaften. Die Dragon’s Teeth, die Panzersperren aus Beton, stehen an der Grenzbrücke nach Russland, nicht mitten in der Stadt.
Narva war lange auch logistisch wichtig für die Verbindung zwischen der EU und Russland.
Ja, Narva lag direkt auf dem Weg nach Sankt Petersburg. Viele Menschen kamen aus Russland zum Einkaufen, für Dienstleistungen oder für kurze Aufenthalte. Mit den Visabeschränkungen und dem Einbruch des Grenzverkehrs ist dieses Geschäftsmodell weitgehend weggebrochen. Für Handel, Dienstleistungssektor und Tourismus war das ein harter Einschnitt. Und Narva war schon zuvor wirtschaftlich verletzlich. Die Löhne liegen unter dem estnischen Durchschnitt, die Beschäftigungsprobleme sind größer als in vielen anderen Regionen des Landes.
Sie waren schon einmal Bürgermeisterin, Sie sind heute wieder Bürgermeisterin, Sie waren auch estnische Innenministerin. Was ist Ihre Vision für Narva?
Hätten wir dieses Gespräch vor vier Jahren geführt, hätte ich vielleicht mit großen Hoffnungen von Narva als erstem Schritt nach Europa gesprochen – als einem russischsprachigen Europa. Heute klingt das naiv. Narva war, ist und bleibt eine Industriestadt. Es gibt eine starke Metallindustrie.
Am Stadtrand hat Neo Performance Materials 2025 eine neue Fabrik für Permanentmagnete eröffnet – die größte ihrer Art in Europa. Sie produziert für Elektroautos, Windturbinen, Robotik und Mikroelektronik. Dennoch schrumpft Narva weiter. Von einst mehr als 80.000 ist die Einwohnerzahl auf heute gut 52.000 gesunken.
Als wir das erste Mal telefonierten, sagten Sie, Sie seien müde von internationalen Journalisten. Haben Sie den Eindruck, dass man in Europa – und besonders in Westeuropa – die Lage hier an der Grenze, mit Russland als Nachbarn, realistisch einschätzt?
Manchmal habe ich das Gefühl, ich verbringe den halben Tag damit zu sagen, dass der Krieg nicht kommt – und die andere Hälfte damit, dafür zu arbeiten, dass er nicht kommt. Das ist unser Alltag: mit Menschen sprechen, sie beruhigen, neue Arbeitsplätze schaffen, mit Investoren reden, neue Arbeitgeber in die Stadt holen. Manchmal denke ich, dass Europa uns besser versteht als Tallinn. Aus Tallinn kommt immer wieder die Frage, ob Narva loyal ist – zu Tallinn, zu Estland. Aber die Menschen hier brauchen vor allem eines: Hoffnung auf Zukunft. Große Träume sind in einer solchen Lage schwierig. Auch ich bin vorsichtig geworden.

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