Oliver Thill (1971–2026)
Nachruf
Text: Redecke, Sebastian, Berlin
Oliver Thill (1971–2026)
Nachruf
Text: Redecke, Sebastian, Berlin
Das Buch liegt schon viele Monate auf meinem Tisch: Atelier Kempe Thill 2 von 2024. Die Monographie bleibt dort nicht, weil sie ein zu großes Format für das Bücherregal hat, sondern da sie mir als großes Buch wichtig ist. Mit Blick auf das allgemeine Architekturgeschehen, dem man täglich begegnet und das des Öfteren ratlos macht, sogar ärgert, hat das Buch dort am Ende des Tisches seinen fast schon festen Platz bekommen. Denn es tut gut, ab und zu hineinzuschauen, um sich der Bauten des Ateliers zu erfreuen – gelungen präsentiert mit den Fotos von Ulrich Schwarz: die Offenheit, das sich unmittelbar Erklärende, die einfache Materialität, die Bezüge zum Ort und insgesamt die Großzügigkeit der Sichtweise. Statt Exkurse in die Spielerei, Eleganz in der Selbstverständlichkeit; oft mit geringem Budget entstanden. Die Architekten André Kempe und Oliver Thill im Buch: „Rationalistisch konzipiert und in Pragmatismus eingebettet, gleichzeitig aber auch darüber hinaus.“
Mit dem Tod von Oliver Thill werden Erinnerungen wach an den Weg der beiden Architekten in ihr Berufsleben. Es ist ein besonderer Weg, der mich beeindruckte und sogar ins Staunen versetzte. In einem Vortrag vor drei Jahren erzählte Thill, wie er zur Architektur gekommen sei und wie sich mit dem Fall der Mauer für ihn alles entscheidend veränderte.
Thill wurde 1971 in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, geboren. Architektur hat ihn schon sehr früh geprägt. Basis war der Wiederaufbau nach den Kriegszerstörungen, der ihn umgab und das Stadtzentrum bestimmte. Serielles Bauen einer Moderne im Sinne des Sozialismus. Homogen, für alle gleich und in den Funktionen eindeutig definiert. Bauen in einer festen Logik. Oliver Thill wie auch André Kempe, der aus Freiberg in Sachsen stammt, haben dieses strukturierte Denken und Planen der Bauten in der DDR aufgenommen und tauchten dann, nach 1989, vor diesem Hintergrund in eine andere Welt ein. Einfache, rational entworfene Bauten bleiben die unverrückbare Basis. Sie wurden aber durch die nun gegebenen neuen Möglichkeiten konstruktiv und architektonisch mit Feinheiten, Eleganz und vielen oft nur dezenten Variationen in den Außenbezügen zum Werk von Kempe Thill transformiert – immer in der Intention, das Projekt der Moderne im 21. Jahrhundert fortzusetzen aber auch zu hinterfragen. Doch da ist nicht nur die Moderne und die Moderne der DDR: In seinem Vortrag sieht Oliver Thill einen weiteren Rahmen und schaut weit zurück auf Sebastiano Serlio mit seinen Büchern und natürlich Alberti. Ihn interessiert an der Renaissance die „rationale Strategie“ und die Entwicklung von Prototypen. André Kempe schreibt in Gedenken an seinen Atelierpartner: „Genau wie für mich ging es Oliver nicht schlicht um eine Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Architektur und mit der Moderne, sondern viel mehr um eine Auseinandersetzung mit der gesamten Architekturgeschichte der menschlichen Zivilisation, um ein tiefes Verständnis zu entwickeln, das über die alltägliche Erfahrung weit hinausgeht.“
Und wie ist es gelungen, im Jahr 2000 in Rotterdam zunächst winzig eng und mit vielen Schwierigkeiten das Atelier zu gründen? Am Anfang stand 1999 der Europan-5-Wettbewerbsgewinn für ein großes Wohnbauprojekt in Rotterdam (Bauwelt 26/27.1999). Die Stadt Rotterdam passte zu Oliver Thill, da sie wie seine Karl-Marx- Stadt eine im Krieg zerstörte Arbeiterstadt ist, in der dann auch das Projekt der Moderne prägend wurde. In der Folge widmete man sich vor allem dem einfachen Wohnungsbau. Thill und Kempe entwickelten überzeugende, vor allem pragmatische Lösungen eingebunden ins standardisierte Planungsmodell in den Niederlanden: Einsparen, um an anderen Stellen außergewöhnliche, vor allem räumlich großzügige Konzepte verwirklichen zu können. Es war wohl nur mit unglaublichem Engagement der Architekten möglich, auf neuem Terrain im Nachbarland Fuß zu fassen. Seit 2004 befindet sich das rund dreißigköpfige Büro im Van-Nelle-Gebäude.
Der Weg dorthin begann 1990, in Zeiten des krassen Umbruchs, mit dem Architekturstudium an der TU Dresden. Sogleich lernten sich dort Kempe und Thill kennen und arbeiteten fortan zusammen. André Kempe: „Von Tag eins an haben wir nahezu alle Uni-Projekte gemeinsam erarbeitet in einem fast symbiotischen, sich ergänzenden und sich gegenseitig steigernden Austausch“. Man wollte sehr schnell weiter und erkannte die Chancen. Mit Stipendium und Eigeninitiative ging es zunächst nach Paris. Danach folgte ein Aufenthalt in Tokio. Thill: „Wenn man einmal ein Stipendium erhält, dann bekommt man auch das nächste.“ So wurden aus dem Nichts mit großer Zielstrebigkeit international Erfahrungen gesammelt. André Kempe: „Oliver war wie viele von uns von unstillbarer Neugier und Abenteuerlust besessen. Nach dem Studium wollten weder er noch ich in Deutschland bleiben. Alles schien provinziell. Wir beschlossen, in die weltoffenen Niederlande überzusiedeln.“
Die Bauten des Ateliers Kempe Thill stehen zumeist in dem Nachbarland und in Belgien. Thill fasste den Raum ihrer Projekte weiter von Norditalien über die Schweiz, Deutschland, Nordfrankreich bis nach England und gab in seinem Vortrag diesem Raum eine Fläche in Form einer großen Banane, blau in der Farbe Europas. Das Spezifische der Menschen und Planungsstrukturen in den unterschiedlichen Ländern im Kerngebiet Europas interessierte und motivierte ihn. Vielleicht führten diese Offenheit für Neues und eine menschliche Gabe, über Kulturkreise hinweg souverän auf das Gegenüber eingehen zu können, mit zum Erfolg.
Neben den vielen Wohnungs-, Büro- und Hochschulgebäuden und dem Franz-Liszt-Konzerthaus in Raiding (Bauwelt 37.2006) kamen später Sanierungen und Eingriffe in den Bestand hinzu wie für das Regionalparlament in Eupen (Bauwelt 8.2014), das Konzerthaus De Harmonie in Antwerpen (Bauwelt 8.2022), der Wintercirkus Mahy in Gent (Bauwelt 2.2023) oder der Gebäudekomplex aus den 1970er Jahren der Universität Paris-Saclay. Zu groß und die vertraute Linie der Architekten verlassend entstand 2023 der Bürokomplex Beaumont Eurorennes im bretonischen Rennes. In Berlin baute das Büro ein Studentenwohnheim. Zuletzt gewannen sie zusammen mit Felix Thörner und Christian Kaczmarek den Wettbewerb für einen Neubaukomplex des Deutschen Bundestags.
Nach mehreren Gastprofessuren haben Kempe Thill – auch hier zusammen – an der Leibniz Universität Hannover eine Professur am Institut für Gebäudelehre und Entwerfen mit ihrem Forschungskonzept „Habitate der Zukunft – Prototypen für eine globale Gesellschaft“. André Kempe schreibt abschließend im Text zum Tod seines Büropartners: „Oliver entwarf im besten und umfassendsten Sinne des Wortes rationale Architektur. Er war aber ein sehr emotionaler Mensch mit einem speziellen und provokativem Humor, ein Umstand, den viele Leute, die nur unsere Projekte kennen, überraschend fanden. Seine idealistische Seele offenbarte sich in scharfem Sarkasmus über den Zustand der Architektur und der Welt.“
Oliver Thill, der Europäer aus der früheren Karl-Marx-Stadt, starb am 2. März mit nur 55 Jahren an einem Krebsleiden.







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