Oberschweineöde

Text: Flagner, Beatrix, Berlin; Hoetzel, Dagmar, Berlin; Redecke, Sebastian, Berlin

Oberschweineöde

Text: Flagner, Beatrix, Berlin; Hoetzel, Dagmar, Berlin; Redecke, Sebastian, Berlin

2004 veröffentlichte Carsten Otte seinen Roman „Schweineöde“ und parodiert darin zynisch die deutsch-deutschen Befindlichkeiten im Arbeitermilieu nach der Wiedervereinigung. Handlungsort ist das Ostberliner Oberschöneweide, das Buch benannte er nach der beliebten Verballhornung des Stadtteils im Berliner Volksmund. Ein Jahr nach der Veröffentlichung gab Samsung den Produktionsstandort Schö­neweide auf und beendete damit die 110 Jahre anhaltende Industriegeschichte des Ortes, der mit 25 Großbetrieben − der AEG als Hauptakteuer − und zwischenzeitlich 25.000 Angestellten einst Europas größtes innerstädtisches Industrieareal war. Mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin zogen ab 2006 Studierende auf das Gelände. Im selben Zeitraum kaufte Sven Herrmann (Seite 22) einige Hallen auf dem Areal, um sie langfristig der Kunstszene zur Verfügung zu stellen. In dem Interview, das Gast­redakteurin Dagmar Hoetzel mit ihm führte, berichtet er, wie der Bebauungsplan angepasst und damit die Nutzung für Kunst und Kultur festgeschrieben werden konnte. Eine Besonderheit ist die Gemeinschaftsordnung, die dem Wohnen eine untergeordnete Nutzungsberechtigung einräumt, solange es dem Erhalt des Gewerbes dient.
Auf der Suche nach einer Neubestimmung für den Ort bleibt er doch eine Produktionsstätte − für Künst­ler wie Bryan Adams, Olafur Eliasson, Jorinde Voigt (Seite 26) oder Alicia Kwade (Seite 34). Die Transformation scheint gelungen zu sein, von Oberschweineöde zu Oberschöneweide!

Offenes Theater, offener Vollzug

2017 sorgte eine Ausstellung im Pariser Pavillon de lʼArsenal für Aufsehen: „Paris Haussmann, modèle de ville“. Die Architekten LAN (Local Architecture Network), Benoît Jallon und Umberto Napolitano, in Zusammenarbeit mit Frank Boutté, werfen einen neuen Blick auf den umstrittenen Baron Haussmann und interpretieren ihn für die Gegenwart. Entstanden ist eine bewundernswert genaue Analyse von stadträumlichen Strukturen, von Proportionen, Grundrissen und Detailelementen mit hunderten von Zeichnungen (Seite 80): für LAN ist Haussmanns Werk bis heute ein Ensemblefähiger Baukasten für die Stadt. Die Architekten plädierten mit der Ausstellung für das Serielle, das „Industrielle“, das dem heutigen beliebig vielseitig geprägten Städtebau fehle. LAN sind auch erfolgreiche Architekten: Sie haben zuletzt in Straßburg ein einfaches, offen gestaltetes Theater als „kleine Stadt“ gebaut. Offenheit zur Stadt ist für sie auch im offenen Strafvollzug möglich. Ihr „Minimum-Security Prison“ in der Vorstadt Nanterre hat bereits Vorbildfunktion.

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