Bauwelt

Mal nicht menschenleer

Elina Brotherus‘ Selbstinszenierungen im Museum für Photographie Braunschweig

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

Mal nicht menschenleer

Elina Brotherus‘ Selbstinszenierungen im Museum für Photographie Braunschweig

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

Die finnische Fotografin Elina Brotherus, 1972 in Helsinki geboren, dort und in Frankreich lebend, verfolgt eine sehr eigensinnige künstlerische Praxis. Sie war und ist stets ihr eigenes Modell, sie arbeitet alleine, per Selbstauslöser. Das Museum für Photographie in Braunschweig lässt derzeit Auszüge Ihres Werkes in den Dialog mit der Grande Dame des schwarz-weißen Künstlerporträts, Angelika Platen, treten. Diese, eine Generation älter, fotografierte ab Ende der 60er Jahre die jungen, werdenden Großkünstler vom Schlage eines Joseph Beuys. Alle waren sie zu kleinen, von der Fotografin choreografierten Aktionen vor der Kamera bereit.
Erzählerische Momente bestimmen auch Brotherus‘ Fotografie. Oft wählt sie für ihre Bildinszenierungen prominente Bauten wie von Alvar Aalto. Sie positionierte sich in dem Wohnhaus, das der Übervater finnischer Baukultur mit seiner ersten Ehefrau und Arbeitspartnerin, Aino, in den 30er Jahren in Helsinki erbaut hatte. Brotherus suchte das experimentelle Sommerhaus bei Muuratsalo auf, die Villa Tammekann in Tartu, Estland, oder auch die Maison Louis Carré südwestlich von Paris. Dieses großzügige Anwesen errichteten Alvar und Elissa Aalto 1959 für jenen Kunsthändler, der Léger, Picasso und Calder vertrat. Ursprünglich ein Sommerhaus, wurde es später ganzjähriger Wohnsitz, 1963 um einen Pool mit Badehaus ergänzt. Brotherus belebte die Innen- wie Außenräume all dieser mittlerweile musealisierten Immobilien mit privat bis fam-iliär anmutenden Tätigkeiten: frühstücken, Blumen gießen, lesen, telefonieren, am Swimmingpool ruhen. Der traditionell menschenleeren Architekturfotografie schrieb sie durch ihre eigene Präsenz Spuren individueller Lebensäußerungen ein, kleine, mitunter skurrile Bildgeschichten flackern in den Sequenzen auf.
Laut Brotherus, feministisch sozialisiert durch ihr Fotografiestudium in Helsinki, wurde es für sie üblich, den eigenen weiblichen Körper als Subjekt ins Bild zu setzen. Sie entwickelte eine sehr kühle, äußerst verhaltene Manier, die sie seit zehn Jahren auch für Sujets jenseits der Architektur einsetzt. Das Kunstmuseum im dänischen Aalborg etwa, Architekt wiederum Alvar Aalto, besitzt die Arbeit „Eleven Less One“ von Michelangelo Pistoletto. Vor geladenem Publikum zertrümmerte der italienische Künstler seine Spiegelanordnung mit dem Vorschlaghammer und legte dahinterliegende Farbflächen frei.
Im Zuge einer Umorganisation musste die Arbeit weichen. Als fotografischen Kommentar stellte Brotherus 2024 die Aktion mit einer Künstlerkollegin nach, lässt humorvoll Urheberschaft, Datierung, Authentizität und Imagination in der Schwebe. Bereits 2023 durfte sie sich im Museum Schloss Moyland mit der dortigen Sammlung zu Joseph Beuys befassen. Sie nahm sein Markenzeichen, den Hut, und ersann Lebenssituationen ihres Protagonisten. So verlässt etwa „Beuys“ das Akademiegebäude in Düsseldorf – ein (vorübergehender) Rauswurf ereignete sich tatsächlich im Oktober 1972, als er massenweise Studierende immatrikulierte. Für eine Edition des Braunschweiger Museums für Photographie, suchte sie das Alvar Aalto Kulturhaus in Wolfsburg auf. Man darf auf die Bildausbeute gespannt sein.

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