Klaus Humpert 1929–2020

Text: Becker-Kilian, Sibylle, Dresden

Klaus Humpert
Foto: Badische Zeitung / Ingo Schneider

Klaus Humpert

Foto: Badische Zeitung / Ingo Schneider


Klaus Humpert 1929–2020

Text: Becker-Kilian, Sibylle, Dresden

Klaus Humpert war einer der einflussreichsten Städtebauexperten der vergangenen Jahrzehnte. Er holte die Disziplin Stadtplanung aus dem Dornröschenschlaf, befreite sie vom Dogma der Moderne und gestaltete sie als lebendige Disziplin. So prägte er als Professor eine ganze Genera­tion Studierender, erforschte die Stadtentwicklung und entschied in zahlreichen Wettbewerben als unabhängiger und klar denkender Preisrichter.
Am 10. Oktober ist der Architekt und Stadtplaner in Freiburg gestorben. Geboren am 21. September 1929 in Frankfurt am Main und aufgewachsen im Schwarzwald, studierte er Architektur an der Technischen Hochschule Karlsruhe. Er diplomierte bei Egon Eiermann, in dessen Büro er seine Berufslaufbahn begann. Anschließend wechselte er in die Bauverwaltung und leitete bis 1982 das Planungsamt in Freiburg. Seit 1976 war er Mitglied der Akademie der Künste, der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung sowie des Deutschen Werkbund Baden-Württemberg. Von 1982 bis 1994 folgte eine Professur für Stadtplanung und Entwerfen am Städtebau-Institut der Universität Stuttgart.
In der darauf folgenden Zeit wuchs sein Einfluss deutschlandweit. Über 30 Jahre hinweg war er Jurymitglied in 500 Wettbewerben der Bereiche Städtebau und Architektur, zusammen mit Frei Otto erforschte er im Stuttgarter Sonderforschungsbereich 230 „Natürliche Konstruktionen“ und ließ Schwarzpläne von 60 Metropolen über verschiedenen Zeitepochen hinweg digitalisieren und vergleichen. So kam er dem Phänomen der Stadt als sich selbst organisierender Organismus auf die Spur: Ballungsräume entwickeln sich unabhängig von kulturellen oder geografischen Standorten weitgehend nach fraktalen Gesetzmäßigkeiten.
Aber eben nicht nur. Gerade die Mischung aus Chaos und Ordnung ließ Freiraum für neue Erkenntnisse: für Humpert spiegelten sich hier die widersprüchlichen Bedürfnisse der Menschen nach Gemeinschaft einerseits und Abgrenzung andererseits wieder. Er entwickelte daraus eine Theorie anthropologischer Grundmuster, die ebenso einen großen Anteil an der Stadtentwicklung haben.
Bis zu seiner Emeritierung 1994 prägte Klaus Humpert die Studierenden mit seiner Annäherung an die Stadt als sich selbst organisierender Prozess. Seine lehrreichen Stadterkundungen auf dem Fahrrad in einer Zeit, in der dies höchst ungewöhnlich war, waren berühmt und blieben vielen Studierenden in lebhafter Erinnerung.
Sein genaues Beobachten, getrieben von einer kindlichen Neugierde, immer über den Tellerrand zu schauen, eröffnete ihm eine Bandbreite neuer Forschungsthemen, die er nach 1994 weiter verfolgte. Darunter sein Interesse an den „Laufwegen“ des Menschen im Gelände, wenn er keine „ausgetretenen“ Pfade benutzen kann, ebenso wie an der Vermessung mittelalterlicher Städte und der Suche nach Gesetzmäßigkeiten, die das Dogma der „historisch gewachsenen“ Stadt in Frage stellten, bis hin zum Vermessen von Abbildungen in mittelalterlichen Handschriften.
Bei seiner letzten Stadtexkursion in Karlsruhe im Juli, an der er noch auf dem Fahrrad-Tandem teilnahm, verkündete er, er wolle Trumps Abwahl noch erleben. Die Stadtplanung verliert einen unbeugsamen Erklärer, einen offenen Geist, einen Menschen mit Haltung. Ach, er fehlt.

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