Freies Ghana!
Das Wende Museum in L.A. porträtiert die sozialistische Architektur von Victor Adegbite und Charles Polónyi
Text: Welter, Volker M., Santa Barbara (USA)
Freies Ghana!
Das Wende Museum in L.A. porträtiert die sozialistische Architektur von Victor Adegbite und Charles Polónyi
Text: Welter, Volker M., Santa Barbara (USA)
Das Wende Museum in Los Angeles zeigt zurzeit „Intersections: The Architecture of Victor Adegbite and Charles Polónyi in Ghana“. Die erste Architekturausstellung des Museums mit Schwerpunkt auf die Zeit des Kalten Krieges richtet den Blick auf Westafrika in den frühen 1960er Jahren. Während der DDR mit dem Bau der Mauer ein enges, tödliches Korsett geschnürt wurde, waren tausende Kilometer weiter westlich ghana-ische Architekten und Stadtplaner zusammen mit Kollegen aus dem Ostblock dabei, ein unabhängiges, sozialistisches und modernes Ghana aufzubauen. Von dieser heroischen Zeit erzählt die Ausstellung anhand ausgewählter Projekte zweier Architekten, deren Lebensläufe sich damals in der Hauptstadt Accra überschnitten.
Der Ghanaer Victor Adegbite (1925–2014) studierte Architektur an der Howard University in Washington, D.C. und sozialen Wohnungsbau am Interamerican Housing Center in Bogotá in Kolumbien. Im Februar 1956 kehrte er auf Einladung des Premierministers Kwame Nkrumah in seine Heimat zurück. Mit der Unabhängigkeit der britischen Kolonie Goldküste ein Jahr später wurde Kwame Nkrumah zum ersten Staatschef der Republik Ghana ernannt, und Adegbite zum leitenden Architekten der Ghana Housing Corporation.
Der ungarische Architekt Charles Károly Polónyi (1928–2002) studierte an der TU Budapest. 1959 nahm er am Congrès Internationaux d’Archi-tecture Moderne (CIAM) im niederländischen Otterlo teil. Seitdem stand er im engen Austausch mit Team X, einer Bewegung internationaler Architekten wie den Smithsons, Aldo van Eyck, Jaap Bakema, Georges Candilis und Giancarlo De Carlo, die sich von der klassischen Architekturauffassung des CIAM abwandte. Im Zuge sozialistischer Völkerverständigung kam Polónyi 1963 nach Ghana, wo er für die Ghana National Construction Company (GNCC) arbeitete, die Adegbite seit 1962 als Chefarchitekt leitete.
Eine Zeitachse illustriert mithilfe von Fotografien und Dokumenten aus den Archiven der beiden Architekten entscheidende Momente aus der Geschichte des unabhängigen Landes. Drei realisierte Projekte von Adegbite und Polónyi bilden das Zentrum der Schau: Die mehrstöckigen parallelen Zeilenbauten Flagstaff House Apartments (1964) benannte Polónyi mit ihren offenen Laubengängen nach der von den Smithsons geprägten Wohnform Streets in the Air. Sie waren für das Wachpersonal des damaligen Präsidentenpalasts geplant und laut Polónyi ein Versuch „zwischen den angestammten Gewohnheiten der zumeist aus ländlichen Gegenden kommenden Bewohnern und dem neuen Lebensstil, den der mehrgeschossige Wohnungsbau auferlegt“, zu vermitteln. Ob der Versuch erfolgreich war, bleibt unklar.
Die beiden anderen Projekte sind freistehende Wohnhäuser aus den 60er Jahren in der Nachbarschaft Roman Ridge. Der GNCC 100 Bungalow ist ein Typenhaus mit drei Schlafzimmern, das auf Polónyis D100-Typ, einem wachsenden Haus, und auf früheren Typenhäusern, die Adegbite in den 50er Jahren entwarf, basierte. Die GNCC 200 Villa zeichnet sich durch eine an Le Corbusier erinnernde Fassadengeometrie aus. Die drei Projekte werden mittels Zeichnungen, Skizzen, Fotografien und Modellen rekonstruiert. Neben dem Originalbestand werden die heutigen (Um-)nutzungen und auch denkmalpflegerischen Überlegungen dokumentiert.
Selten sieht man in Südkalifornien Architekturausstellungen über die 50er und 60er Jahre, die nicht nur mit zeitgenössischen, oft dramatisch-en Fotos Architektur zur zweckfreien Kunst deklarieren. Das Wende Museum hat ein Format für Architekturausstellungen gefunden, mit dem sein kritischer Blick auf den einst real existierenden Sozialismus auch sozialistische Architektur und Städtebau erfassen kann. Zum Vergleich empfiehlt sich beim Verlassen der Ausstellung ein Stopp im Museumsladen. Offensichtlich sind Afrika und seine moderne Bauten in der Form von Hochglanzbilderbüchern in Südkalifornien angekommen. Über solche Coffee Table Books kann man viel über einen kommenden Sozialismus in Kalifornien, den USA, der Architektur und im Allgemeinen fabulieren, ein realistischeres Bild moderner sozialistischer Architektur jedoch zeichnet noch bis April das Wende Museum.






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