Endlich die ganze Geschichte
In Dresden erklärt eine Ausstellung den industriellen Wohnungsbau
Text: Kil, Wolfgang, Berlin
Endlich die ganze Geschichte
In Dresden erklärt eine Ausstellung den industriellen Wohnungsbau
Text: Kil, Wolfgang, Berlin
Seit Architekten und Ingenieure mit Vorfertigung und Typisierung experimentieren, sind sie mit Zurückweisungen konfrontiert. Als entschieden-ste Gegner traten stets Verteidiger der Schönheit an, die auf das optische Repertoire traditioneller Baukunst ungern verzichten. Inwieweit industrielle Fertigungsmethoden zu architektonischem Stilwandel führen, sollte eigentlich alle Welt neugierig machen, findet aber selbst nach jahrzehntelanger Praxis nur schwer Eingang ins breitere Bewusstsein. Allein wie das Wort Platte als Schmähbegriff jede sachliche Auseinandersetzung mit dem baulichen Erbe des 20. Jahrhunderts belastet, ja vergiftet, macht dramatische Defizite an öffentlichem Wissen und Kompetenz in entscheidenden Fragen zeitgenössischen Bauens deutlich.
Angesichts dieser Diskurslage ist die Ausstellung, die das Dresdner Stadtmuseum derzeit großzügig auf 900 Quadratmetern ausbreitet, nicht nur angebracht, sie ist geradezu ein Hoffnungssignal. Schon ihr lakonischer Titel „Platte Ost/West“ ist mutig, denn er befreit das umstrittene P-Wort aus seiner fatalen Rolle, allein für das „böse Erbe des Realsozialismus“ zu stehen. Stattdessen wird die weltweite Suche nach industriellen Baumethoden ab den 1920er Jahren kurz skizziert, dann kommt der enorme Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg in den Blick – parallel in Ost- wie Westdeutschland (mit naheliegender Betonung der DDR-Verhältnisse). Durch solch historischen Einstieg wird Standard und Serie eben nicht als Irrwege der Moderne denunziert, sondern als Strategien zur Steigerung der Produktion begründet. Schnell und billig Bauen! Von blanker Not diktiert, führte jene Devise zu technologischen Innovationen, für die exzellente Konstrukteure wie sozial motivierte Planer all ihr Wissen und ihre Kreativität einsetzten. Ästhetische Sackgassen (Monotonie) oder sozialplanerische Hybris (Schlafstädte) werden keineswegs ausgespart, trotzdem überwiegt der Eindruck einer großen gesellschaftlichen Suche nach einem besseren Leben. Für alle!
Man darf es ruhig sagen: Die Ausstellung hat alles richtig gemacht. Anders als unlängst bei der Potsdamer Kunstschau „Wohnkomplex“ wird in Dresden die Wohnungsfrage als Ausgangspunkt ernst genommen. Die sakrosankte klassische Moderne und der allseits beklagte Bauwirtschaftsfunktionalismus werden im Zusammenhang als zwei Phasen einer Epochenkultur kenn-tlich. Vor allem aber werden die Prinzipien von Typ und Serie nicht nur als Streitthema für Architektur und Städtebau verhandelt, sondern mit veränderten Wohn- und Lebensweisen in Verbindung gebracht: Auch innerhalb der „Platte“ wurde es schick, sich neben abstrakter Kunst vor allem mit variablen Montagemöbeln zu umgeben. In einer inszenierten Zimmerkoje ruft eine originale Anbauwand (Typ mdw-80, der zeitlose Verkaufsschlager der Deutschen Werkstätten Hellerau!) das fortschrittliche Wohnideal der modernen Familie anschaulich in Erinnerung.
In ihrer Materialfülle richtet sich die Dresdner Schau vornehmlich an ein allgemein interessiertes Museumspublikum. Baupraktiker, Architekten, Bauhistoriker werden den gut inszenierten Rundgang eher routiniert absolvieren. Dabei könnten gerade sie ihn hier noch einmal deutlich spüren, diesen Reiz der Utopie: Kollektive Wohnungsproduktion meinte immer auch Gesellschaftsgestaltung. Selbst im Westen, wo die Rundum-Sorglos-Ideologie des Gewerkschaftskonzerns Neue Heimat die Wohlstandsjahrzehnte als soziales Leitbild prägte. Bis zur Absage
an die Gemeinnützigkeit. Bis Wohnen endgültig zur Ware wurde.
an die Gemeinnützigkeit. Bis Wohnen endgültig zur Ware wurde.
Trotzdem geben die Kuratoren dem industriellen Bauen auch für die Zukunft eine Chance. Weder die Liquidierung der Neuen Heimat noch der Untergang der DDR gilt ihnen als Ende der Geschichte. Industrialisierung, die entscheidende Triebkraft der zurückliegenden Epoche, wird nicht als erledigt abgehakt, sondern in ihren Aus-läufern weiter verfolgt, auch baukulturell. Erst fiel die Postmoderne spielerisch über die spröden Schachteln her, dann bescherte der demografische Wandel die verstörenden Abrissbilder des Stadtumbaus. Auf die reagiert schließlich das letzte Kapitel, fantasiereiche Umbauten im Bestand. Da geht es dann um Ressourcenbewusstsein, Stichwort Graue Energie!
An diesem jüngsten Paradigmenwechsel wäre dann wirklich ein Wendepunkt aller bisherigen Modernisierungsvarianten erreicht. Aus den umstrittenen Neubaubeständen müssen endlich Altbauten werden, die pragmatisch, von ideologischem Ballast befreit, auf veränderte Nutzerbedürfnisse reagieren dürfen. Bei der Mietskaserne hat es achtzig Jahre gedauert, bis aus gründerzeitlichen Armutsvierteln heute gesuchte Wohnlagen für Besserverdiener wurden. Eine solche, wenn auch schlichtere Normalisierung wäre der Platte dringend zu wünschen.
Platte Ost/West. Wohnen und Bauen in Großtafelbauweise
Stadtmuseum Dresden, Wilsdruffer Straße 2, 01067 Dresden
stadtmuseum-dresden.de
Bis 29. November







0 Kommentare