Beschlossen mit der Endgültigkeit eines Flügelschlags

Die Galerie Poll in Berlin-Mitte zeigt eine Fotoserie von Daniel Poller zum Abriss der Fachhochschule Potsdam: Endgültige Fassung der Beschlussvorlage. Im Mittelpunkt steht ein kleiner Zugvogel, dessen Welt die Baustelle durcheinandergerüttelt hat.

Text: Landes, Josepha, Berlin

    Foto: Daniel Poller, VG Bild-Kunst, Bonn 2020

    Foto: Daniel Poller, VG Bild-Kunst, Bonn 2020

    Foto: Daniel Poller, VG Bild-Kunst, Bonn 2020

    Foto: Daniel Poller, VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Beschlossen mit der Endgültigkeit eines Flügelschlags

Die Galerie Poll in Berlin-Mitte zeigt eine Fotoserie von Daniel Poller zum Abriss der Fachhochschule Potsdam: Endgültige Fassung der Beschlussvorlage. Im Mittelpunkt steht ein kleiner Zugvogel, dessen Welt die Baustelle durcheinandergerüttelt hat.

Text: Landes, Josepha, Berlin

Anhand von dreiunddreißig Minuten aus dem Leben eines Hausrotschwänzchens dokumentiert Daniel Poller den Abriss der Potsdamer FH am Alten Markt. Seine Fotoserie „Endgültige Fassung der Beschlussvorlage“ ist noch bis August in der Berliner Galerie Poll zu sehen. Zwischen Betonbruchsteinen, zerbrochenen Hohllochziegeln und verbogenem Bewehrungsstahl flattert ein kleiner Vogel mit braunem Gefieder und rötlichen Schwanzfedern durch die Bildstrecke. Die Fotos sind so gut wie alle am 16. Juni 2019 in der Zeit zwischen 13 Uhr 13 und 13 Uhr 46 aufgenommen. Zwei Monate später war das 1977 eröffnete Institut für Lehrerbildung aus der Stadt getilgt.
Die pastellene Farbigkeit der Fotografien ist ähnlich irritierend wie der nur scheinbar munter flatternden Protagonist – Beide zeichnen sie das Bild einer heilen Welt, die in Trümmern liegt. Eine nahezu unwirkliche Staubschicht liegt über der Szene. Das milchige Licht des Tages hält in der Schwebe, ob Sommer oder Winter ist – wären da nicht die kurzbehosten Touristen auf dem Museumsvorplatz und der Vogel. Die Umgebung zerbricht in Fragmente einer Kulisse: Platt als seien sie Bastelbögen entfalten sich die neuen Altbauten von Museum Barberini, Landtag und Nikolaikirche hinter dem Schauplatz der Baustelle. Mit Wegfall der FH wird der Blick frei auf die von den Stadtvätern erträumte „Hochkultur“.
Ein Jahr lang hat Daniel Poller die Baustelle im Potsdamer Stadtzentrum mit seiner Kamera begleitet. Das Motiv anhand dessen er schließlich das Bau-Geschehen verbildlichte, kam unerwartet. Er habe einen Vogel fotografiert, sagt Poller. Seine Bilder, wie auch die der Braunschweiger Schloss-Arkaden, verhandeln die Bedeutung von Architektur als Geschichtsschreiber.
In dieser Potsdamer Geschichte sucht ein Vogel sein Zuhause. Er ist ausgeflogen, um nirgendwohin zurückzukommen. Er ist klein, zerbrechlich aber behände. Er kriecht in die Bruchstücke von Decken und Trägern. Er könnte verzweifelt sein – er wird nicht fündig werden. Wo sein Nest war als er ausflog, bleibt Schutt. Und trotz dieser aussichtslosen Situation überwiegt seine Leichtigkeit gegenüber der brutalen Umgebung. Ohne jeden Zweifel wird er weiterziehen können. Er braucht diesen Ort nicht. Die Schrauben und Winkel betreffen ihn nicht, sie sind nur Teile einer Welt, die er einmal gekannt haben wird. Die vanillegelb glänzenden Fliesen, in denen er sich für einen Moment spiegelt, werden im nächsten zerbrochen sein von den Krallen des sich unerbittlich durch das Gebäude schlagenden Abrissbaggers. Die zentralen Bilder der Serie scheinen aus der Perspektive dieses Vogels zu erzählen, obwohl der Fotograf auf Distanz bleibt. Daneben stehen wenige strenge Abbildungen der Barockkulissen und brutale Portraits der Abrissbagger.
Pollers Fotos bewerten nicht, was ist oder was war. Sie zeigen einen Prozess. Ob nun das abgerissene Gebäude oder das, was an seine Stelle treten wird, gut, schön, schlecht oder hässlich ist, kommentiert er nicht direkt. Die Frage seiner Arbeit zielt auf die Beweggründe für und die Konsequenzen von Veränderungen. Und manche Fragen sind schlauer als ihre Antwort.

0 Kommentare


Ihr Kommentar







loading
x
loading

16.2020

Das aktuelle Heft

Bauwelt Newsletter

Immer Freitags: das Wichtigste der Woche. Dazu: aktuelle Jobangebote, Auslobungen und Termine.