Bauwelt

Die wichtigste Funktion von Kunst liegt für mich im Moment darin, die ukrainische Geschichte sichtbar zu machen

Volodimir Chigrinets, Kurator des nationalen Kunstmuseums Odesa, über ausgelagerte Kunstwerke, die Rolle des Museums im Krieg und die Wiederentdeckung einer ukrainischen Kulturgeschichte

Text: Heinich, Nadin, München

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Volodimir Chigrinets
studierte an der Universität Odesa Kunstgeschichte und arbeitete als Kurator eines Privatmuseums. Seit 2024 ist er Kurator am Nationalen Kunstmuseum Odesa.

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Volodimir Chigrinets
studierte an der Universität Odesa Kunstgeschichte und arbeitete als Kurator eines Privatmuseums. Seit 2024 ist er Kurator am Nationalen Kunstmuseum Odesa.


Die wichtigste Funktion von Kunst liegt für mich im Moment darin, die ukrainische Geschichte sichtbar zu machen

Volodimir Chigrinets, Kurator des nationalen Kunstmuseums Odesa, über ausgelagerte Kunstwerke, die Rolle des Museums im Krieg und die Wiederentdeckung einer ukrainischen Kulturgeschichte

Text: Heinich, Nadin, München

Seit Kriegsbeginn wurden zahlreiche Sammlungen aus ukrainischen Museen evakuiert. Wo befindet sich die Sammlung des Nationalen Kunstmuseums Odesa heute?
Aus Sicherheitsgründen bleibt das geheim. Die Sammlung ist auf mehrere Orte verteilt. Sie umfasst mehr als 10.000 Werke und reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück. Öffentlich bekannt ist nur, dass zahlreiche Bestände aus ukrainischen Museen innerhalb des Landes verlagert wurden und einzel-ne Konvolute auch ins Ausland gelangten. Aus dem Museum für westliche und östliche Kunst in Odesa wurden etwa 74 Gemälde nach Berlin gebracht; 2025 waren 60 davon in der Gemäldegalerie zu sehen.
Haben Sie noch Zugang zu den evakuierten Werken?
Grundsätzlich ja. Im Alltag ist das wegen der bürokratischen Hürden allerdings schwierig.
Wie hat sich das Museum seit Beginn des Krieges verändert?
Unmittelbar nach Beginn der Vollinvasion organisierte der damalige Kurator mehrere Ausstellungen über den Krieg. Einige waren schwer auszuhalten. Viele Besucherinnen und Besucher waren schockiert von den Bildern toter und verstümmelter Menschen. Ich halte es trotzdem für richtig, dass er diesen Weg gewählt hat. Später stellte sich ein Gewöhnungseffekt ein.
So, wie wir uns an den Krieg gewöhnt haben – zumindest an die Bilder davon?
Ja. Das Museum ist allmählich zu seinen eigentlichen Themen zurückgekehrt, zur Kunst des 20. Jahrhunderts etwa. Es ist Teil der städtischen Infrastruktur, Teil eines Alltags, der trotz allem weitergehen muss. Wir sitzen hier in einer Ausstellung über die Grekov-Schule, gegründet 1865, eine der ältesten Kunstinstitutionen der Ukraine. Nicht alle Werke ihrer Sammlung wurden evakuiert, deshalb können wir sie zeigen. Wenn die Menschen heu-te ins Museum kommen, wollen sie Kunst sehen, nicht den Krieg.
Was kann, was soll Kunst heute in einem Land im Krieg leisten?
Darauf habe ich zwei Antworten. Die erste ist: Kunst muss nichts leisten. Sie ist einfach da. Ein Echo der Geschichte, ein Echo des Moments. Der Krieg hat diese Überzeugung bei mir noch verstärkt. Viele Künstler haben aufgehört zu produzieren. Einige gingen zur Armee und arbeiten bis heute nicht wieder als Künstler. Ein Maler, mit dem wir an einer Ausstellung arbeiteten, sagte mir, er habe seit Februar 2022 das Gefühl gehabt, es sei amoralisch, jetzt Kunst zu machen – es gebe Wichtigeres. Fast ein Jahr lang schwieg er. Dann begann er wieder zu arbeiten. In seinen früheren Bildern hatten die Figuren keinen oder nur einen angedeuteten Mund. Nun malte er zum ersten Mal schreiende Männer mit weit geöffneten Mündern. Vielleicht hatte das etwas Therapeutisches – sich selbst zu helfen, ist womöglich der eigentliche Kern der Kunst.
Natürlich kann Kunst auch für Propaganda genutzt werden, vielleicht sogar dann, wenn die Künstler selbst nicht merken, wie sehr ihre Arbeiten aus einer geschlossenen politischen Perspektive heraus entstehen. Gleichzeitig kann Kunst helfen, Erfahrungen zu verarbeiten, innezuhalten, genauer hinzusehen. Im Moment liegt ihre wichtigste Funktion für mich aber darin, die ukrainische Geschichte sichtbar zu machen – nicht nur Kunstgeschichte, sondern Geschichte in einem umfassenderen Sinn. Unser Blick auf die eigene Vergangenheit war lange verstellt. Kunst kann helfen, ihn neu zu schärfen.
Gab es in der Sowjetunion „ukrainische“ Künstler?
In der Regel wurden sie unter „sowjetisch“ zusammengefasst – auch dann, wenn sie in Kyjiw geboren wurden, dort studierten oder arbeiteten. Kasi-mir Malewitsch etwa war mit der Ukraine eng verbunden, wurde aber lange vor allem als russischer oder sowjetischer Künstler gelesen. In den vergangenen Jahren haben viele von uns begonnen, diese Zuschreibungen neu zu betrachten. Im Museum ist das spürbar. Kuratorinnen und Kuratoren stellen heute Fragen, die lange nicht gestellt wurden. Sie richten den Blick auf Künstler, die in den 1930er Jahren hingerichtet wurden, oder auf Künstler, die jahrzehntelang als russisch präsentiert wurden.
Das heißt, die Geschichte der Ukraine wird gerade neu entdeckt, auch verstärkt durch den Krieg?
Ja, sehr deutlich. Nach dem Euromaidan wuchs das Interesse an ukrainischer Kunst und mit ihm die Suche nach einer eigenen kulturellen Identi-tät. Seit 2022 hat diese Entwicklung noch einmal an Intensität gewonnen. Das zeigt sich auch auf dem Buchmarkt: Das Interesse an ukrainischer Geschichte, Identität und Kultur ist stark gestiegen.
In kaum einer anderen ukrainischen Stadt dürfte der Umgang mit dem russischen beziehungsweise sowjetischen Erbe so kompliziert sein wie in Odesa. Halten Sie es für richtig, dass russische Straßennamen verschwinden – etwa wenn die Pushkinska wieder zur Italiiska wird?
Italiiska ist kein neuer Name, sondern ein älterer. Es geht also nicht nur um Tilgung, sondern auch um Wiederherstellung. Der Prozess ist damit nicht abgeschlossen, manche Straßen werden vielleicht später erneut umbenannt. Eine der zentralen Straßen hieß zunächst Genuiska, unter sowjetischer Herrschaft Karla Marksa, während der deutschen Besatzung Adolfa Hitlera, danach Katerynynska und heute Yevropeiska. Solche Entscheidungen markieren einen historischen Moment. Straßennamen schreiben politische Epochen in die Stadt ein – warum sollte unsere Gegenwart darauf verzichten? Auch die Frage nach der Gründung Odesas ist hochpolitisch. Mir ist wichtig, die Geschichte dieser Stadt als Prozess zu verstehen: mit litauischen, osmanischen und russisch-imperialen Schichten. Es geht weder darum, die Geschichte des Russischen Reiches zu leugnen, noch darum, die vorrussische Geschichte der Stadt zu verdrängen. Entscheidend ist, die verschiedenen Ebenen sichtbar zu machen.
Trotz aller Spannungen halte ich diese Auseinandersetzungen für notwendig. Ohne Konflikt gibt es keine ernsthafte Debatte. Odesa war lange eine überwiegend russischsprachige Stadt. Das hat Putin instrumentalisiert. Plötzlich hieß es: Wenn hier so viel Russisch gesprochen wird, dann wollten die Menschen sich wohl Russland anschließen. Das ist falsch. Aber solche Erzählungen konnten wirken, weil es dafür bereits eine Projektionsfläche gab. Wer kritisch denkt, durchschaut diese Manipulation. Wer Informationen nur passiv aufnimmt, ist ihr sehr viel leichter ausgesetzt.
Glauben Sie, dass der Krieg bald enden wird?
Nein. Ich, meine Freunde, eigentlich die meisten Jüngeren glauben das nicht. Vielleicht wird es irgendwann einen Waffenstillstand geben, so wie nach 2014. Aber die meisten Ukrainer sehen das nicht als einen Krieg, der erst 2022 begonnen hat. Wir sind seit 2014 im Krieg mit Russland – mal offen, mal verdeckt, mal intensiver, mal im Hintergrund.
Aber das bedeutet auch, dass die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Sie eingezogen werden.
Natürlich. Ich arbeite in einem Nationalmuseum und hatte bislang eine Art Schutzstatus. Aber ich glaube nicht, dass das von Dauer ist. Die Regeln wurden bereits verändert, und manche Positionen, die zunächst von der Mobilisierung ausgenommen waren, verloren diesen Status wieder. Ich rechne damit, dass auch ich eines Tages eingezogen werden.
Viele meiner Freunde und ich leben mit einer Art fatalistischem Optimismus. Wir machen weiter, wir tun unsere Arbeit, wir gewöhnen uns an dieses Leben. Vielleicht sind wir in ein paar Jahren tot. Aber bis dahin müssen wir etwas tun, das Spuren hinterlässt – in der Geschichte, in Ideen, in der Kunst. Wenn man sich mit der ukrainischen Geschichte beschäftigt, stößt man immer wieder auf Biografien von Menschen, die für ihre Überzeugungen und ihre Kunst verfolgt oder ermordet wurden.
Durch den Stalin-Terror?
Ja. Unter Stalin wurden unzählige ukrainische Künstler vernichtet, vor allem Schriftsteller und Dichter. Viele von ihnen waren keineswegs antisowjetisch. Im Gegenteil: Sie verstanden sich als Ukrainer und zugleich als Teil eines neuen sozialistischen Projekts. Sie schrieben auf Ukrainisch und glaubten an ein neues ukrainisch-sowjetisches Leben.
Wenn es darum geht, die eigene Identität neu zu begreifen, ist für mich der Blick auf die Region ebenso wichtig wie der Blick auf Odesa selbst. Aus der Perspektive des Zentrums erscheint vor allem die Geschichte des Russischen Reiches. Blickt man weiter hinaus, zeigt sich ein anderes Bild: ein vielschichtiger Raum, geprägt von Siedlungen unterschiedlicher nationaler Gruppen. Ein ukrainischer Intellektueller des späten 19. Jahrhunderts schrieb sinngemäß, wer sich vergewissern wolle, dass Odesa eine ukrainische Stadt sei, solle in die Vororte gehen – dort höre man die ukrainische Sprache. Im Zentrum dagegen dominierte die Sprache des Imperiums, auch aus praktischen Gründen: Wer sich in der Stadt zwischen verschiedenen Gruppen bewegte, brauchte sie, um dazuzugehören. Doch damit gingen oft kulturelles Erbe und die Verbindung zur eigenen Herkunft verloren.

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