Das Herzensprojekt
Das Kino International wurde saniert. Betreiber und Publikum sind im Glück!
Text: Kil, Wolfgang, Berlin
Das Herzensprojekt
Das Kino International wurde saniert. Betreiber und Publikum sind im Glück!
Text: Kil, Wolfgang, Berlin
„Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: ‚Sie haben sich gar nicht verändert.‘ – ‚Oh!‘ sagte Herr K. und erbleichte.“ Soweit der Dichter Bertolt Brecht zu Überraschungen beim Wiedersehen.
Ganz anders klang es neulich in Berlin, beim Presserundgang durch das frisch vom Baustaub bereinigte „Kino International“. Architekten und Denkmalpfleger, am lautesten die Geschäftsführer der Yorck-Kinogruppe konnten sich gar nicht genug dafür loben, dass jetzt, nach erfolgreicher Generalsanierung, vom investierten Arbeitsaufwand buchstäblich nichts mehr zu sehen ist. Von den anwesenden Reportern, vermutlich lauter Filmenthusiasten, gab es Applaus: Nirgends auch nur die kleinste Abweichung vom jahrzehntelang liebgewonnenen Inventar! Steinerne wie hölzerne Wandverkleidungen, Parkettböden und Sesselbezüge, das Eloxal der Foyerdecke und die teppichgedämpften Treppen, die Kristalllüster der Panorama-Bar und als Krönung der legendäre Glitzervorhang im großen Saal – alles noch da, wie am Tag der Schließung achtzehn Monate zuvor. Na ja, vielleicht die Farben ein bisschen frischer, wie mal feucht drübergewischt…
Das Lichtspieltheater International war 1961 bis 1963 als DEFA-Premierenkino nach einem Entwurf von Josef Kaiser und Heinz Aust errichtet worden. Mit allen benachbarten Sonderbauten entlang der „neuen“ Karl-Marx-Allee wurde es als stilprägendes Ensemble der Ostberliner Nachkriegsmoderne am 2. Oktober 1990, buchstäblich am letzten Tag der DDR, unter Denkmalschutz gestellt. Diese Wertschätzung erfuhr 20 Jahre später noch einmal Bestätigung durch ein amtliches Gutachten, das den nahezu komplett erhaltenen Originalzustand des Gebäudes hervorhob. Es pries besonders die Eingangs-, Verkehrs- und Gesellschaftsräume, die als „einmaliges innenarchitektonisches Ensemble in einem Kulturbau der internationalen Moderne“ für künftige Besucher unbedingt erlebbar bleiben sollten.
Für die nach 60 Betriebsjahren anstehende Generalsanierung war somit der möglichst vollständige Erhalt jeglicher Raumqualitäten gefordert – an Materialien, Farbwirkungen, Bemusterungen. Dennoch begann alles mit der Demontage der Oberflächen. Im Foyer war jedes einzelne Naturstein-Riemchen für den Wiedereinbau sorgsam zu registrieren, genau wie die sieben laufenden Kilometer Holzlamellen an den Wänden von Panorama-Bar und Kinosaal. Auf dem freigelegten Unterbau wurde neue Haus- und Kinotechnik installiert, die anschließend wieder hinter den zwischengelagerten Originalverkleidungen verschwand. Beim riesigen Premierenvorhang im Kinosaal waren 400 Quadratmeter Trägertextil zu ersetzen, um darauf die originalen Netzschleier mit mehr als 40 Millionen Glitzerpailletten erneut anzuheften. Alles in unendlich geduldiger Handarbeit! Kommentar der Architekten Dickmann Richter: „Wenn die damals nicht so gut und solide gebaut hätten, könnten wir heute nicht so einfach und gut sanieren.“
Es hing wohl mit den speziellen Arbeitsanforderungen zusammen, dass trotz europaweiter Ausschreibung die meisten Arbeiten an Firmen und Werkstätten aus der Region vergeben wurden. Worauf viele beauftragte Handwerker sich als begeisterte Kinogänger, ja als Fans des Hauses zu erkennen gaben, was wohl die besondere Einsatzfreude erklärt, ohne den der vorfristige Abschluss der Sanierung kaum erreichbar gewesen wäre. Bauherren wie Architekten schwärmten vom Elan einzelner Gewerke, selbst an Adventssonntagen seien manche bei Bedarf auf der Baustelle erschienen. Als Dank für all das Engagement gab es dann für alle Beteiligten eine Sondervorführung als Pre-Opening. Zum ab März anlaufenden Betrieb sind sämtliche Vorstellungen über Wochen hin ausverkauft – was bei so großen Häusern selten vorkommt und die Betreiber schwer beeindruckte. Deren Enthusiasmus für die traditionsreiche Spielstätte passte gut zur Wiedersehensfreude der Fangemeinde: Alle sprachen nur vom „Herzensprojekt“!
Mit dem International, das nach Auskunft der Betreiber zu den 50 schönsten Kinos der Welt zählt, bringt die Yorck-Kinogruppe ihr altes wie neues Flaggschiff an den Start. „Dieser Leuchtturm der Nachkriegsmoderne“ und das „architektonische Denkmal von nationaler Bedeutung“ will die Geschäftsleitung nicht nur museal feiern, sondern soll als Ort außergewöhnlicher Filmkultur auch weiterhin „Teil im sozialen Gefüge der Stadt bleiben“. Weshalb man Wert auf die Bezeichnung Filmtheater legt. Nach dem Siegeszug der Multiplex-Kinos sorgt heute allein schon ein einzelner Riesensaal mit rund 500 Sitzplätzen für ein glamouröses Leinwanderlebnis, wobei in diesem Fall auch die „lichtspieltechnischen Randbereiche“ – vom Foyer über die pathetischen Aufgänge bis zur urbanen Kulisse der Panorama-Bar – genügend Anreize bieten, dass auch jenseits von Filmpremieren das Haus für Gala-Events oder Konferenzen gern gebucht wird (die Bauwelt war schon mit vier Kongressen dabei, kommt 2026 gern wieder).
Und apropos Bertolt Brecht: Nach dem war früher die kleine Bibliothek benannt. Seit Jahren hofft sie, unbenutzt, hinter dem Eingangsfoyer auf vergleichbare Auffrischung. Ebenso die beiden verlassenen Clubetagen rechts und links vom Saal. Sollten also die Betreiber die versprochene zweite Ausbaustufe noch stemmen, könnte das International tatsächlich in seine ursprüngliche Rolle eines Kulturhauses zurückfinden, ganz im Sinne der einstigen Erfinder. Heute nennt man das einen Dritten Ort.
Schließlich sei angesichts der gefeierten Renaissance des Baudenkmals noch einmal dessen Urheber erwähnt. Josef Kaiser (1910–1991), dem als leitender Architekt das harmonische Ensemble der acht Solitäre an der Karl-Marx-Allee zu verdanken ist, zählte zu den meistbeschäftigten und auch einflussreichsten Architekten der DDR. Allerdings verzeichnet seine Werkliste auch die gravierendsten Verluste nach der politischen Wende – das Außenministerium (Bj. 1964), das Interhotel Berolina (1964, denkmalgeschützt) und die Werner-Seelenbinder-Halle (1967) wurden allein in den 1990er Jahren abgerissen, das Kino Kosmos (1960-1962) sowie das CENTRUM-Warenhaus am Alexanderplatz (1967) bis zur Unkenntlichkeit überformt. Und da Spurenbeseitigung im Stadtbild Ostberlins unbeirrt weiter betrieben wird (siehe Cantian-Stadion oder SEZ), darf man die enorme Sorgfalt beim Sanieren sowohl des Internationals wie auch bei der benachbarten Mokka-Milch-Eis-Bar erleichtert zur Kenntnis nehmen. Als späte Abbitte an einen Architekten, dem die Nachkriegsmoderne Berlins Bauten von allerhöchster Qualität verdankt? Grund genug, sich auf die große Retrospektive zu freuen, die die Berlinische Galerie im Herbst diesen Jahres für Josef Kaiser ausrichten wird.







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