Crash! Boom! Bang!

Das Wechselspiel von Design und Comics: Die Präsentation der Möbelklassiker im Vitra Schau­depot wurde um Sprechblasen und Zeichnungen erweitert

Text: Paul, Jochen, München

    Die Schwestern Angela und Luciana Gius­sani erfanden die italienische Comicfigur Diabo-lik und brachten die
    Leuchte „Taccia“ von 1962 in einer Sequenz unter.
    Abb.: Angela und Luciana Giussani, Sergio Zaniboni und Saverio Micheloni (Ausschnitt), 1974 © Asto­rina srl

    Die Schwestern Angela und Luciana Gius­sani erfanden die italienische Comicfigur Diabo-lik und brachten die
    Leuchte „Taccia“ von 1962 in einer Sequenz unter.

    Abb.: Angela und Luciana Giussani, Sergio Zaniboni und Saverio Micheloni (Ausschnitt), 1974 © Asto­rina srl

    Umgeben von verschiedenen Designklas­sikern, fragt sich Charlie Brown zu Recht, was eigentlich ein Schaukelstuhl ist.
    Abb.: Charles Schulz (Ausschnitt), 1953 © 1953 Peanuts Worldwide LLC

    Umgeben von verschiedenen Designklas­sikern, fragt sich Charlie Brown zu Recht, was eigentlich ein Schaukelstuhl ist.

    Abb.: Charles Schulz (Ausschnitt), 1953 © 1953 Peanuts Worldwide LLC

Crash! Boom! Bang!

Das Wechselspiel von Design und Comics: Die Präsentation der Möbelklassiker im Vitra Schau­depot wurde um Sprechblasen und Zeichnungen erweitert

Text: Paul, Jochen, München

Lange bevor „Architekten-Graphic Novels“ in Mode kamen, nutzten Comiczeichner wie Georges Remi alias Hergé („Die Abenteuer von Tim & Struppi“) oder Charles M. Schulz („Die Peanuts“) bereits Häuser, Intérieurs, Möbel und Design als Codes, um Status und Haltung ihrer Figuren zu transportieren.
Umgekehrt ließen sich Designer von Comics zu Entwürfen inspirieren, so bei der Tischleuchte „Snoopy“ (Achille und Pier Giacomo Castiglioni, 1967). Einen Schritt weiter ging Javier Mariscal, der die in seinem 1977 erschienenen Comic „Este Verano te vas a enamorar“ gezeichneten Bar­hocker drei Jahre später für die Bar „Duplex“ in Valencia tatsächlich baute. Die von „Memphis“ inspirierten Hocker gingen 1983 in Serie, und 1989 gründete er mit Estudio Mariscal sein eigenes Designstudio. In der Schau ist Javier Mariscal mit dem – nach den von ihm gezeichneten Comic-Mäusen benannten – Stuhl „Garriris“ vertreten.
Das Vitra Schaudepot beleuchtet in der Ausstellung „Living in a Box“ diese beiden Aspekte. Sie zeigt Cartoons, Comics, Graphic Novels und Möbel zwar separat, aber immer wieder so, dass der Blick zwischen den Möbeln und den Litfaßsäulen und Glasvitrinen, auf und in denen die Comics gezeigt werden, hin und her wandert. Die Stühle der Sammlung springen förmlich aus der zweidimensionalen und vorwiegend schwarz-weißen Darstellung heraus und stehen real vor dem Betrachter. Mit leicht ironischem Unterton kommunizieren einige von ihnen über Sprechblasen mit dem Besucher.
Nebenbei vermittelt die Ausstellung auch noch einen rezeptionsgeschichtlichen Crashkurs des Mediums Comic, dessen Durchbruch Anfang des 20. Jahrhunderts in den amerikanischen Sonntagszeitungen begann und das die „Formen­sprache“ entwickelte, in der sich Bewegungen, Geräusche und Gedanken mit Hilfe von Linien, Lautmalerei und „Denkblasen“ darstellen lassen. In Europa konnten Comics erst zwei Jahrzehnte später Fuß fassen – zum Glück für die Ausstellung, waren die 1920er Jahre doch die erste Blütezeit moderner Möbel und Einrichtungsgegenstände. So dauerte es auch nicht lange, bis Thonet-Stühle und Stahlrohr-Freischwinger in den Geschichten auftauchten: Der Minimalismus von De Stijl und Bauhaus passte gut zum damals vorherrschenden Zeichenstil der von klaren Farben und starken Konturen geprägten ligne claire. Sowohl das Design als auch die Comics dieser Zeit strebten nach Internationalität, allseitiger Verfügbarkeit und Massenproduktion.
Mit Erfolg: In den 1930er Jahren etablierte sich das Heftformat, in den 1940er und 50er Jahren kamen zahlreiche neue Genres wie Superhelden, Horror und Science Fiction dazu, in den 1960ern erweiterte Guido Crepax mit seiner Figur „Valentina“ das Spektrum um das Thema Erotik. Damals begannen Comics auch, über die Pop-Kultur das Design zu beeinflussen. Beispiele dafür sind die Möbel von Mariscal, aber auch Möbel aus Fiberglas oder Kunststoffspritzguss wie Maurice Kalkas „Boomerang“-Schreibtisch (1969) oder Eero Aarnios „Tomato Chair“ (1971).
In Buchform erlebt das Medium Comic als „Graphic Novel“ seit den 1990er Jahren eine ungeahnte Popularität. Jüngste Beispiele dafür sind „Mies“ (Carlsen, 2019), „Schwanzer“ (Birkhäuser, 2018) oder die in der Ausstellung präsente „Eileen Gray: A House Under the Sun“ über die Villa „E.1027“ in Roquebrune-Cap-Martin.

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