Comeback der Großen?

Fünf Wohnhochhausscheiben aus den 70er Jahren prägen die Mitte von Halle-Neustadt. Viel zu lange schon stehen vier von ihnen leer, verwahrlosen und hemmen die Entwicklung des ganzen Stadtteils. Jetzt scheint endlich Bewegung in die Sache zu kommen.

Text: Scheffler, Tanja, Dresden

    Als Halle-Neustadt noch im Aufbau begriffen war – das Hochhausensemble 1976.
    Foto: SLUB Dresden/Deutsche Fotothek/Bernd Walther

    Als Halle-Neustadt noch im Aufbau begriffen war – das Hochhausensemble 1976.

    Foto: SLUB Dresden/Deutsche Fotothek/Bernd Walther

    Das Rathaus in Marl (Arch.: van den Broek und Bakema, 1960–66) ist eines der weiteren Beispiele der erwähnten Ausstellung.
    Foto: Carsten Müller

    Das Rathaus in Marl (Arch.: van den Broek und Bakema, 1960–66) ist eines der weiteren Beispiele der erwähnten Ausstellung.

    Foto: Carsten Müller

Comeback der Großen?

Fünf Wohnhochhausscheiben aus den 70er Jahren prägen die Mitte von Halle-Neustadt. Viel zu lange schon stehen vier von ihnen leer, verwahrlosen und hemmen die Entwicklung des ganzen Stadtteils. Jetzt scheint endlich Bewegung in die Sache zu kommen.

Text: Scheffler, Tanja, Dresden

Die fünf Wohnhochhauscheiben in Halle-Neustadt sind in vielerlei Hinsicht ein sperriges Erbe der 70er Jahre. Die schiere Größe der 18-Geschosser (die vermietbare Nutzfläche jedes Hauses beträgt rund 11.000 Quadratmeter) erschwert ihre Erhaltung und alternative Nut­zungen. Nach der Wende wurden sie an unterschiedliche Eigentümer verkauft. Scheibe D wurde Mitte der 90er Jahre saniert und wird als Büro- und Geschäftshaus genutzt. Für die üb­rigen vier Scheiben konnte keine dauerhafte Verwendung gefunden werden. Sie blieben unsa­niert, stehen seit über fünfzehn Jahren leer und verwahrlosen zusehends (Bauwelt 40–41.2014).
Bei den Scheiben A, B und E führten Spekulation, Wiederverkäufe, Beleihungen und Zwangsversteigerungen zu immer neuen Eigentumsverhältnissen. Ihr desolater Gesamteindruck wirkt sich negativ auf das Image und die Entwicklungschancen des gesamten Stadtteils aus. Über den grundsätzlichen Umgang mit den Hochhäusern hat man in der Stadt deshalb jahrelang gestritten. Verhüllen? Abreißen? Oder ist das markante Scheibenensemble, das die Silhouette an der Magistrale entscheidend prägt, nicht eigentlich denkmalwürdig?
Der Stadt Halle (Saale) war in diesem Szenario lange Zeit kaum mehr als Zuschauer. Zwar befinden sich knapp 60 Prozent der Grundstücksfläche in der Großwohnsiedlung in städtischem Besitz – die ausgedehnten Frei- und Verkehrsflächen und die Grundstücke der öffentlichen Einrichtungen (in der ehemaligen Musterstadt gab es reichlich davon) –, doch gehören der Stadt nur 92 der 33.369 Wohnungen in Halle-Neustadt. Und ihr gehört keine der fünf Hochhausscheiben.
Immer wieder fielen ganze Bauteile der leerstehenden Hochhäuser auf die Gehwege. Die als Eigentümer von Scheibe A im Grundbuch eingetragene Gesellschaft ist seit Jahren im Handelsregister gelöscht, so dass die Stadt dort keinen Ansprechpartner mehr hat und alle Sicherungsmaßnahmen selbst durchführen muss. Allein im Jahr 2014 hat das rund 85.000 Euro gekostet. So wurden etwa, um die Gefahr herabfallender Bauteile dauerhaft zu bannen, sämtliche Balkonbrüstungen und -platten entfernt.

Das Ende der Abwärtsspirale

2015 kam mit der günstigeren Lage auf dem Immobilienmarkt Bewegung in die verfahrende Situation. Nach jahrelanger Schrumpfung steigen die Einwohnerzahlen in Halle wieder. Erneut wechselten die Eigentümer der Hochhausscheiben B, C und E. Sie alle planen, ihre Gebäude für verschiedene Wohnnutzungen (für Senioren, Studenten und Flüchtlinge) zu sanieren.
Um diese ersten positiven Signale in geordnete Bahnen zu lenken, fasste der Stadtrat im November 2015 einen Grundsatzbeschluss zum Erhalt des Scheibenensembles. Und er beschloss, die für die Revitalisierung notwendigen Schritte in Angriff zu nehmen: Erarbeitung eines städtebaulichen und funktionellen Gesamtkonzepts für die Hochhäuser inklusive der Einkaufsstraße Neustädter Passage; Einwerben der für die Sanierung der Scheiben eingeplanten Fördergelder aus dem Städtebauprogramm; Berücksichtigung der notwenigen Eigenmittel bei der kommuna­len Haushaltsplanung.
Parallel dazu präsentierte der Oberbürgermeister die Idee, die Scheibe A – falls Bedarf bestünde – als Verwaltungsgebäude für die Stadt zu nutzen, und gab gleich eine Büroflächen-Bedarfsanalyse in Auftrag. Danach ging es Schlag auf Schlag: Im Januar 2016 wurden erste Fördermit­tel aus dem Programm „Stadtumbau Ost“ für die Sanierung der Scheibe C angemeldet, im April die Durchführung einer vorbereitenden Untersuchung beschlossen, die klären soll, ob die Festsetzung eines Sanierungsgebiets sinnvoll oder eher hemmend wäre.
Damit hat die Stadt endlich eine aktive Rolle bei der Entwicklung der Neustadt übernommen. Um die Kosten für die Sicherungsmaßnahmen an der Scheibe A einzutreiben, können sie als nächsten Schritt eine Zwangsversteigerung in die Wege leiten. Auf diese Weise könnte die Stadt Zugriff auf das Hochhaus erhalten – und würde dann im besten Fall eine Mustersanierung für das Gebäude initiieren. Die würde ziemlich sicher auch die anderen Bauten des Ensembles „mitziehen“. Deren neue Eigentümer stehen mit der Sanierung ihrer Häuser in den Startlöchern.

Big Heritage

Diesen neuen Elan in Halle-Neustadt (von dem man nur hoffen kann, dass er möglichst lange anhält) nahm der Forschungsverbund „Welche Denkmale welcher Moderne?“ (WDWM) der Bauhaus-Universität Weimar und der Technischen Universität Dortmund (Bauwelt 16.2015) zum Anlass für eine Ausstellung zu den städtebaulichen Konzepten und zur Architektur der beiden Chemiearbeiterstädte Halle-Neustadt (Ost) und Marl (West). „Big Heritage“, so der Titel der Schau, die zunächst in der Neustädter Passage, anschließend in Marl zu sehen ist, thematisiert anhand von vierzig weiteren Großbauten und -strukturen aus ganz Europa die internationale Debatte über die Denkmalfähigkeit nachkriegsmoderner Gebäude und Stadträume.

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