Die fremde Schöne
Ansichten von Konstantinopel im Kupferstichkabinett Berlin
Text: Schulz, Bernhard, Berlin
Die fremde Schöne
Ansichten von Konstantinopel im Kupferstichkabinett Berlin
Text: Schulz, Bernhard, Berlin
Eine der größten Katastrophen des Abendlands in der frühen Neuzeit ist heute weitgehend aus dem Bewusstsein verschwunden: die Eroberung Konstantinopels am 31. Mai 1453. Fortan trug der siegreiche osmanische Sultan Mehmed II. den Beinamen „der Eroberer“. Der Fall dieser zweitausendjährigen Stadt, als Byzantion gegründet und unter dem Namen Konstantins zur Nachfolgerin Roms aufgestiegen, bezeichnete den Gipfel der über Jahrhunderte verfolgten osmanischen Kriegsziele.
Das machte die Stadt für westliche Gelehrte, Künstler und Reisende nicht minder attraktiv, im Gegenteil. Die so plötzlich fremd gewordene Schöne am Bosporus wurde das Ziel zahlreicher Reisen und Gesandtschaften. Davon zeugt die Ausstellung „Bosporus Beats. Blicke auf Istanbul von 1500 bis 1800“, in der das Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin Landkarten, Stiche und Bücher ausbreitet, die die Blütezeit des Osmanischen Reichs begleiten.
Die Besucherin stößt zuerst auf eine Stellwand mit Ansichten Istanbuls des deutsch-französischen Architekten Antoine Ignace Melling (1763–1831). Er lebte etliche Jahre in der Stadt, wo er für Sultan Selim III. tätig war. Nach seiner Rückkehr nach Paris veröffentliche er Veduten im Kupferstich, ergänzt um eine exakte Karte von Istanbul, die die Ansichten mit topographischer Glaubwürdigkeit unterlegt.
Einige Jahrzehnte zurück lag da bereits die Ankunft der türkischen Gesandtschaft am preußischen Hof 1763, die auf lebhaftes Interesse der Berliner stieß. Ein halbes Jahr lang blieb die Gesandtschaft am Hofe Friedrichs des Großen und erregte mit ihren farbenprächtigen Gewändern und kostbaren Stoffen Aufsehen. Ein farbig illustriertes Kostümbuch hielt 71 unterschiedliche Bekleidungen fest.
Von besonderem Wert sind die Szenen, die der Flame Pieter Coecke van Aelst 1553 in Istanbul festhielt, zur Regierungszeit des bedeutendsten aller Sultane, Süleymans des Prächtigen. Einige Jahre später erschien in Köln ein Buch über die Städte der Welt mit einer recht genauen Vogelperspektive Istanbuls, in deren Zentrum bereits die Süleimaniye, die große Moschee des Baumeisters Sinan und bis heute ein Wahrzeichen der Stadt, zu erkennen ist. Einzelne Typen osmanischer Baukunst hielt zur gleichen Zeit Melchior Lorck fest, darunter eine Moschee mit den zugehörigen, überkuppelten Bauten für Armenspeisung, Bäder und Koranschule.
Da war die zweite ganz große Eroberung der Osmanen bereits gescheitert, diejenige der kaiserlich-habsburgischen Hauptstadt Wien im Jahr 1529. Nikolaus Meldeman und womöglich auch Hans Sebald Beham lieferten einen Rundumblick vom Turm des Stephansdoms, der eindrücklich die vollständige Einkesselung der Stadt zeigt.
Die kriegerischen Zeiten bildeten Unterbrechungen eines ansonsten kontinuierlichen Kulturaustauschs wie auch Handelsverkehrs. So stellten etwa Venezianische Goldschmiede 1532 eine gewaltige Krone her, die sie Sultan Süleyman verkaufen wollten. Handel und Krieg – es kam alles vor. Konstantinopel aber blieb die faszinierende Stadt in der Ferne.







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