Bilder der DDR

Als erstes „West-Museum“ überhaupt widmet das Sprengel Museum in Hannover Christian Borchert eine Retrospektive

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

    Christian Borchert, Kamenzer Forstfest, 1986 Silbergelatineabzug 25,2 x 37,7 cm, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett
    Foto: SLUB Dresden/Deutsche Fotothek

    Christian Borchert, Kamenzer Forstfest, 1986 Silbergelatineabzug 25,2 x 37,7 cm, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett

    Foto: SLUB Dresden/Deutsche Fotothek

Bilder der DDR

Als erstes „West-Museum“ überhaupt widmet das Sprengel Museum in Hannover Christian Borchert eine Retrospektive

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

Christian Borchert, 1942 in Dresden geboren, 2000 einem Badeunfall bei Berlin erlegen, war der fotografische Langzeitchronist der DDR. Aus seinem archivarisch perfekt hinterlassenen Lebenswerk von allein über 230.000 Schwarz-Weiß-Negativen, 20.000 Arbeits- und gut 4000 hochwertigen Ausstellungsabzügen zeigt das Sprengel Museum in Hannover fünf thematische Komplexe sowie die titelgebende Arbeit zu seiner
Geburtsstadt aus den 1990ern: „Tektonik der Erinnerung“.
Diese späte Rezeption Borcherts ist kein Ergebnis westlicher Arroganz, stellt Inka Schube klar, zuständige Fotokuratorin am Sprengel Museum. Schube ist selber aus der DDR, sie weiß um die dort an Universitäten und Institutionen marginalisierte Kunstgeschichte. Die zeitgenössische Kunstproduktion erfuhr wenig wissenschaftliche Aufmerksamkeit und ein Werk wie das von Borchert konnte unbeachtet bleiben und in Vergessenheit geraten. Nun war es der Kunsthistoriker Bertram Kaschek, der mit frischem Zugriff während vierjähriger Forschung am Kupferstichkabinett Dresden Borcherts Nachlass erschließen und die Ausstellung sowie eine umfangreiche biografische Publikation erarbeiten konnte.
Nicht nur Borcherts fotografische Praxis, auch sein Lebenslauf spiegelt die Verwerfungen einer Existenz in der DDR wider. Da wäre etwa seine frühe Begeisterung fürs Fotografieren und Filmen seiner kriegszerstörten Heimatstadt, aber weder eine Ausbildung als Filmfotograf noch ein Fachschulstudium war ihm möglich. Stattdessen lernte er Kopierwerktechnik für die Filmproduktion, somit handwerkliche und materialtechnische Kenntnisse, die er stetig perfektionierte. 1967 legte er eine Facharbeiterprüfung als Fotograf ab und absolvierte bereits als Bildjournalist in Berlin angestellt, ab 1971 ein Fernstudium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig. Zu seinen frühen offiziellen Arbeiten zählten ab 1965 situative Porträts von Soldaten der Nationalen Volksarmee, die wegen ihrer „intimen Momente“ gelobt wurden und in einem Bildband zum 20-jährigen Jubiläum der DDR erschienen. Borchert isolierte seine Protagonisten mit langer Brennweite aus ihrem Kontext, gab so der anonymen Armee individuelle Physiognomien. Für seine Abschlussarbeit an der HGB wählte er 1974 wieder das Format des Porträts, nun Werktätiger in Ungarn. Er stellte sich bewusst in die gesellschaftsdokumentarische Tradition des Rheinländers August Sander, den auch die DDR als Vorläufer einer sozialistischen Bildpolitik für sich reklamieren konnte. Für die großformatigen Gesichter griff er zur kurzen Brennweite und verlieh ihnen so Züge dramatischer Inszenierung – eine Bildsprache, die nun weniger der Doktrin eines „sozialistischen Realismus“ verpflichtet war. Ab 1976 arbeitete Borchert freiberuflich, vielleicht seine Form der Distanz zum System − Familien-, Künstler- und Literatenporträts wurden ein Arbeitsschwerpunkt.
Eines der umfangreichsten fotografischen Projekte Borcherts wurde die Dokumentation des Wiederaufbaus der Semperoper zwischen 1977 und 1985, der Bildband „Semperoper Dresden. Bilder einer Baulandschaft“ erschien zur Eröffnung. Zum Ende der DDR analysierte er seine Geburtsstadt aber auch anhand von 50.000 Metern Dokumentarfilmen aus den Jahren 1913 bis 1949, denen er 500 Einzelbilder für Ausstellungen und eine Publikation entnahm. Dem Mythos der unschuldigen Kunststadt stellte er eine vom Nationalsozialismus durchdrungene, militarisierte Stadtgesellschaft entgegen. Auch dem ideologisch proklamierten Dreisprung: Von der historischen Stadt über die Zerstörung im Februar 1945 hin zum sozialistischen Neuaufbau, schien er nun nicht mehr zu trauen.
Christian Borchert war kein offener Systemkritiker, sondern als Fotograf ein Verfechter der leisen Töne und des behutsamen Bildzugriffs. Seine Künstlerfreundschaften reichten von Angepassten bis zu Ausreiseanwärterinnen. Er konnte wiederholt im Westen ausstellen und publizieren, für eine Dokumentation des bildhau­erischen Werkes Georg Kolbes nach Westberlin und in die Bundesrepublik reisen. Gleichwohl hatte er sich 1975 der Stasi als IM „Redakteur“ verpflichtet, mit der Ausbürgerung Biermanns wurde er 1976 wegen seiner „labilen“ politischen Haltung dann selber Objekt „operativer Personenkontrolle“. So verwundert es nicht, dass er Mauerfall, Wiedervereinigung und ungewisser Zukunft ambivalent begegnete. Seine Fotografie aber machte einen entschiedenen Sprung: Sie befreite sich aus schwergewichtiger Thematik, wurde leichtfüßig, schien nur noch den Konditionen ihres Mediums verpflichtet. Borchert fand in Rom oder Griechenland zu mediterraner „Street Photography“ und in Dresden zu urban abstrakten Nachtbildern: Fotografie, die sich nun nicht mehr des Verdachts westlich dekadenten „Formalismus“ ausgesetzt sehen musste.

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