Bauwelt

Hans Roericht

(1932–2025)

Text: Kasiske, Michael, Berlin

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Nick Roericht mit seiner Frau, 2019
Foto: Jo Jankowski

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Nick Roericht mit seiner Frau, 2019

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Hans Roericht

(1932–2025)

Text: Kasiske, Michael, Berlin

Hans Roericht, von allen „Nick“ genannt, läge wohl statt eines Nachrufs mehr ein Gedenken im Stil von Bertolt Brecht: „Er hat Vorschläge gemacht. Wir | Haben sie angenommen | Durch eine solche Inschrift wären | Wir alle geehrt.“
Nach seinem Verständnis wird Design und dessen Lehre kollektiv und systematisch erarbeitet. Ideell führte Roericht so die 1968 aufgelöste Hochschule für Gestaltung (HfG) Ulm fort, praktisch auf dem Kuhberg mit dem Büro im Lehrgebäude und Wohnen in einem der Dozentenhäuser (Entwurf: Max Bill), pädagogisch an der Universität der Künste (UdK) Berlin.
1932 im schlesischen Schönkirch geboren, in Hannover aufgewachsen, nahm er 1955 an der HfG das Studium der Produktgestaltung auf. Nach Seminaren u. a. bei Georg Leowald, Konrad Wachsmann und Hans Gugelot diplomierte Roericht 1959 mit dem Stapelgeschirr TC 100. Stets würdigte Roericht den Formmeister bei Rosenthal, mit dem er die Rohlinge von über dreißig Geschirrteilen drehte.
TC 100 entsprach der Zeit: seriell, robust mit klarer Ästhetik, dessen „Compact Design“-Interpretation den einstigen Bauwelt-Chefredakteur Ulrich Conrads zu Spott reizte (Bauwelt 24.1962). Das Geschirr gab dem Denken in Systemen der HfG eine Form und schaffte es flugs ins Museum of Modern Art sowie in Architekturbüros. Ob das die große Tasse bewirkte, die einem Würfel eingeschrieben sein könnte? Als Rosenthal 2008 in Konkurs ging, kaufte Roericht die Nutzungsrechte zurück und ließ das Geschirr fortan in China fertigen. Nunmehr von der Firma unabhängig, konnte er TC 100 ausschließlich in unverblümten Weiß vermarkten wie einst vorgesehen.
Dabei wollte er nach dem Diplom noch ein Studium der Visuellen Kommunikation anhängen, was Otl Aicher unterband und ihn stattdessen zum Assistenten an die HfG berief. Unter Aichers Ägide entstand das populäre Erscheinungsbild der Lufthansa. Mit der 1967 gegründeten „Produktentwicklung Roericht“ folgte eine Zusammenarbeit für die Olympiade 1972, dort wieder als Produktdesigner u. a. der grünen Sitze im Stadion von Günter Behnisch. Roericht schrieb über Aicher in der von ihm gepflegten Kleinschreibung: „er war ein pusher! und er hat mir den schwung gegeben, mich im nachhinein froehlich-dankbar von ihm zu loesen.“
Mentor und Übervater wurde er selbst an der UdK Berlin. „Andere auf neue Ideen zu bringen und sie zu eigenen Konzepten zu zwingen“, so der Design-Kritiker Thomas Edelmann, „darauf setzt Roericht all seine Energie.“ Er selbst gab den Phasen der fast 30jährigen Lehre poetische Titel wie „bruch mit dem determinismus oder das gern zwischen den stuehlen sitzen“ (1978–1980).
Roericht meinte, dass der Auftraggeber gar nicht will, was er verlangt. Deshalb wurden „Themen geöffnet“ und mittels „Möglichkeitsstudien“ umfassend analysiert. Ein Resultat war etwa der Stitz, ein Hybrid zwischen Stehen und Sitzen, der bis heute von Wilkhahn produziert wird.
„Der Sprung in die Sache“ wurde an der UdK das Konzipieren eines Produkts durch umfassende Prozesse genannt. „Statt Studiengänge und Fächerzwang brauchen wir experimentelle Lab-Kontexte, in denen Simulation und Produktion das Sagen haben“ proklamierte Roericht denn auch in der Bauwelt (Heft 15.1989). Das hat die Absolventen geprägt, rund zwanzig nehmen heute selbst Professuren ein. All die Jahre dabei war Roerichts spätere Ehefrau Gisela Kasten, die Wahrnehmungspsychologie lehrte.
Nach der Emeritierung widmete er sich seiner 1999 gegründeten Stiftung, deren Website roericht.net das vernetzte Denken online wiedergibt. Die materielle Substanz, die Bürounterlagen sowie die rund 4000 Bände umfassende Bibliothek, gab Roericht an das HfG-Archiv. Dieses gibt hoffentlich weiterhin den seit 1968 erscheinenden Streifenkalender heraus, dessen Farbkombinationen er bislang präzise erkor. Seit dem 8. Dezember 2025 müssen das nun andere tun.

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