Eine Ästhetik des Selbstverständlichen

Sebastian Redecke erinnert sich an einen Ausflug ins Untere Mühlviertel bei Linz und freut sich über einen Book Award

Text: Redecke, Sebastian, Berlin


Eine Ästhetik des Selbstverständlichen

Sebastian Redecke erinnert sich an einen Ausflug ins Untere Mühlviertel bei Linz und freut sich über einen Book Award

Text: Redecke, Sebastian, Berlin

Höchste Sorgfalt, peinliche Sauberkeit. Der Besuch der Fleischmanufaktur vom Neffen des Architekten in Gallneukirchen, einem kleinen Ort im Unteren Mühlviertel, liegt 21 Jahre zurück. Architekt Franz Riepl, in Linz und München lebend, ist fest in dieser Region seiner Kindheit verankert geblieben. Die blitzblanken Räume mit dem Brät, der Rindmilz und den Naturdärmen bleiben unvergessen, denn der Onkel hatte freie Hand und konnte bis zu den Lüftungskappen alles entwerfen. Die Fahrt wurde damals zu meiner Überraschung im Dunkeln fortgesetzt, und wir erreichten in der Nähe von Kiesenberg das Haus der Bauersleute Krennmayr, das der Architekt saniert und sukzessiv zu einem Vierkanthof ergänzt hat. Kleinstarbeit des Gebräuchlichen mit großer Einfachheit und in enger Verbundenheit mit den Krennmayrs, die im Prozess des Bauens eine persönliche Entwicklung durchgemacht haben.
Nun ist ein Buch erschienen, das nach so langer Zeit all die Dinge erzählt, die dem Architekten im Unteren Mühlviertel wichtig sind. Die Bauten sind stimmig und damit existent, ohne sich zu zeigen. Fotos drücken diese Gelassenheit aus, die einfache, stille Präsenz, und zeigen deren Bewohner. Riepl gefällt dazu der Begriff „Griffig“. Das Griffige erzeuge beim Angreifen ein Wohlgefühl: „Es ist nicht so präzise, dass es dir wehtut. Wenn man sich mit Bauaufgaben des Alltags wirklich beschäftigt, lernt man, diese Qualität zu erkennen und zu nutzen.“ Geschmäcklerisches hat keinen Platz. Und er fügt hinzu: „Das Einfache hat nicht per se mit dem Alten oder Traditionellen zu tun. Aber ich gelange zu ganz anderen Erkenntnissen, wenn ich mich vom Drang nach Neuem befreie, wenn ich durch Wiederholung zum Wesentlichen einer Aufgabe vordringe.“
Dass nun dieses im Birkhäuser Verlag erschienene Buch zu den zehn prämierten Büchern des Architectural Book Award des Deutschen Architekturmuseums 2018 gehört, lässt hof­fen, dass man den Blick auf kenntnisreiche, bewährte, aber auch neue Handwerklichkeit im Bescheidenen und damit die Bedeutung von Authentizität und Ehrlichkeit in der Architektur nicht weiter verliert.

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