Frankfurter Begegnung

Jan Friedrich trauert um einen zerstörten Fantasieort seiner Jugend

Text: Friedrich, Jan, Berlin


Frankfurter Begegnung

Jan Friedrich trauert um einen zerstörten Fantasieort seiner Jugend

Text: Friedrich, Jan, Berlin

Wo wir gestern zusammen waren, das gibt es nicht mehr.“ So hat mein Großvater versucht, meiner Mutter, die damals ein kleines Mädchen war, die Sache begreiflich zu machen. Jeder mit familiären Wurzeln in Frankfurt am Main und Umgebung kennt eine solche Geschichte. Die Luftangriffe vom März 1944, die den mittelalterlichen Stadtkern ausradierten, haben sich tief ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben. Als Jugendlicher war ich vom „alten Frankfurt“ fasziniert. Ich liebte es, nach den Orten zu suchen, die ich auf alten Fotos gesehen hatte, und sie mit der Realität abzugleichen, die sich mir bot. Auf der seltsamen Restfläche zwischen dem in der Stadt so unbeliebten Technischen Rathaus, der Kunsthalle Schirn, dem Dom und den Rückseiten der rekonstruierten Römerberg-Ostzeile ließ ich in meiner Fantasie die schiefen Häuschen und verwinkelten Gassen wiedererstehen. Ich fand es bedauerlich, dass das, was ich mir ausmalte, unwiederbringlich verloren war. Doch nie kam ich auf die Idee, ­„unwiederbringlich“ infrage zu stellen – im Gegenteil: Einen großen Teil meiner Faszination für das, was früher war, machte der Umstand aus, dass ich es mir vorstellen musste.
Inzwischen muss man sich in Frankfurt eine Altstadt nicht mehr ausmalen. Der Abriss des Technischen Rathauses hat den Platz geschaffen, um 35 Häuschen wiederkehren zu lassen, die die Bauten, die dort einmal standen, nachahmen oder irgendwie neu interpretieren. Als ich zu Weihnachten nach Hause fahre, habe ich erstmals Gelegenheit, die im Herbst eröffnete sogenannte Neue Altstadt zu besuchen. Ich bin in höchster Aufregung: Was wird die leibhaftige Begegnung mit den Beton, Stein und Fachwerk gewordenen Altstadt-Fantastereien meiner Jugend bei mir auslösen?
Ratlosigkeit. Völlige, vollkommene Ratlosigkeit. Nichts fühlt sich echt an in diesem hyper­realistischen Freilichtmuseum, in dem mit allen Mitteln der Inszenierungskunst – kleinen Geschäften, netten Cafés, Stadtführern, Gauklern und Bänkelsängern – „altes Frankfurt“ nach­gespielt wird. Ich flüchte mich auf den Domturm. Hier, hoch oben über der Stadt, versuche ich mir dort unten den Ort vorzustellen, an dem ich mir früher so vieles vorstellen konnte. Dieser Ort ist unwiederbringlich verloren.

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