Jubiläum feiern nach dem Eklat

„365 Tage Bauhaus“ im Widerstreit der Erinnerungen

Text: Kil, Wolfgang, Berlin

    Eine Anzeige des Freistaats Thüringen im Berliner Hauptbahnhof
    Foto: Wolfgang Kil

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    Foto: Wolfgang Kil

Jubiläum feiern nach dem Eklat

„365 Tage Bauhaus“ im Widerstreit der Erinnerungen

Text: Kil, Wolfgang, Berlin

Nun sind wir also eingetreten in das große Jubiläumsjahr. Ein noch nie dagewesener Eventmarathon soll an die Gründung des Bauhauses vor einhundert Jahren erinnern. Gleich im Januar lädt in der Berliner Akademie der Künste ein prominent besetztes Auftaktfestival zu einer „kreativ-experimentellen Reise rund um die legendäre Bauhausbühne“ ein. Für die restliche Zeit verspricht ein opulenter Terminkalender „365 Tage Bauhaus“. Museen, Baufakultäten, ambitionierte Kulturvereine, kommunale Ämter, Volkshochschu­len und andere Kulturträger haben eine schier endlose Liste zusammengebracht, lauter Ausstellungen, Tagungen und andere Veranstaltungen (auch Skurrilitäten), die sich – mal mehr, mal weniger erkennbar – auf das „wirkungsmächtigste Kulturinstitut im Jahrhundert der Moder­ne“ beziehen. Schon im Vorjahr hatte Bauhaus Imaginista mit Präsentationen und Konferen­zen rund um den Globus die PR-Trommel gerührt. Für heimische Bildungstouristen empfiehlt eine Grand Tour in jedem Bundesland signifikante Bauwerke des 20. Jahrhunderts (nur die wenigs­ten sind von Bauhaus-Meistern), 64 Orte sind mit Bahn, Auto oder Fahrrad (!) aufzusuchen, 25 weitere per Internet-Katalog. Und dann natürlich: Alle drei Städte, in denen die damals wild umstrittene Kunstschule Fuß zu fassen suchte, erhalten neue Museen. Weimar eröffnet im April (Baukosten 22,6 Millionen Euro), Dessau im September (25 Millionen). Berlin (56 Millionen) braucht noch mindestens drei Jahre.
Angesichts solch beispiellosen Erinnerungsbooms hatte die Bauwelt vor einem halben Jahr gefragt (Bauwelt 12.2018), ob sich denn im Jahr 2019 neue Blicke auf das Jahrhundert der Moderne öffnen werden? Der Bauhausverbund will da durchaus Hoffnung wecken. Unter dem Mot­to „Die Welt neu denken“ haben die Sammlungsinstitute in Weimar, Dessau und Berlin gemeinsam mit der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien sowie der Bundeskulturstiftung versprochen, nicht bloß materielle Zeugnisse des Bauhauses neu zu interpretieren, sondern „seine Impulse für unsere Gegenwart und Zukunft zu erkunden.“
Leider kam solche Zuversicht noch vor dem offiziellen Pressestart Anfang November ins Wanken. Mit der Absage des Konzerts einer vehement linken Punkgruppe auf der Dessauer Bauhaus-Bühne war der Auftakt zum Festjahr gründlich vermasselt. Um nicht bei Rechten anzuecken, hatte die Stiftung Bauhaus Dessau den Linken die Tür gewiesen. Der Proteststurm einer alarmierten Öffentlichkeit fegte eisig durch die Jubiläumsvorfreuden. Aufgescheucht fan­-den auf Design-Chic und „Avantgarde“ eingestimmte Kulturkreise sich inmitten von Deutschlands rauer Wirklichkeit wieder. Um dem Weltkulturerbe eine „Funktionalisierung durch Extremisten“ zu ersparen, ließ Stiftungsdirektorin Claudia Perren im Einklang mit dem Kulturminister Sachsen-Anhalts das Bauhaus zur angeblich schon immer politikfreien Zone deklarieren; die geschichtsblinde Ausflucht klang nach Offenbarungseid.
Ein Foto als „Höchststrafe“
Die Folgen waren desaströs, in jederlei Hinsicht. Als „Höchststrafe“ galt laut Mitteldeutscher Zeitung ein Foto, das im Internet kursiert. Es zeigt ein Dutzend Männer, die mit Fackeln und schwarz-weiß-roten Fahnen breitbeinig vor dem Bauhaus-Gebäude stehen und ein großes Transparent ins Blitzlicht halten: „DANKE BAUHAUS! Linksterroristen keine Bühne bieten!“ Aufgenommen an jenem Abend, da nahebei im ausverkauften Brauereisaal das strittige Punk-Konzert ersatzweise lief. Die martialische Nachtwache war perfekt inszeniert und brachte alle Koordinaten durcheinander: Hardcore-Rechte, deren historische Vorläufer das reale Bauhaus einst bekämpft und schließlich zur Strecke gebracht hatten, bedienen sich jetzt der weltweit gefeierten Architektur-Ikone für ihre „Zeckenjagd“. So kann es dem gehen, der auf Politikferne hofft. Und Geschichte wiederholt sich tatsächlich nicht – „es sei denn als Farce“ (Karl Marx).
Es gibt Stimmen, die halten nach dieser krassen Provokation die Aura des Dessauer Bauhauses für unwiederbringlich zerstört. Wer soll in Gropiusʼ unvergesslichem Glasgehäuse jemals wieder historische Ergriffenheit spüren? Auch die Aktiven vom „Projekt Bauhaus“ müs­sen sich bestätigt fühlen durch diese Kollision einer vorrangig musealen Nachlasspflege mit den Ecken und Kanten einer aus ihren Fugen gerüttelten Gesellschaft. Hatten sie doch nach einem Neustart gerufen: „Vom Bauhaus verabschieden, um uns unvoreingenommen den Herausforderungen der Gegenwart stellen zu können.“ (Bauwelt 12.2018)
Andere indes sind bereit, im Eklat auch eine Chance zu sehen, und das sind sicher mehr als jene reichlich zweitausend Unterzeichner, die in einer Petition für das Bauhaus weniger Stil, mehr Haltung reklamierten. Museum oder Vermächtnis – vom Umkreis der Zeitschrift arch+ aufgerufen, könnte die Frage im Gewusel der weithin beliebigen Programmangebote von „365 Tage Bauhaus“ eine zentrale Diskursachse frei­legen und so das avisierte Jubelfest tatsächlich produktiv für Zukünftiges machen. Auch wäre dann mal genauer zu thematisieren, was an systemkritischem Potenzial der Bauhaus-Ideen offenbar alles beschwiegen werden muss, damit sich Staat, Kommunen, Wirtschaft oder Tourismusmarketing mit deren Abglanz lässig schmücken können.
Was gälte es unter dem Ehrentitel Weltkulturerbe eigentlich zu verteidigen? Eine Ansammlung ästhetischer Hochglanzprodukte? Oder nicht doch das von Generation zu Generation weiterlebende Streben nach einer besseren Welt, das in diesem historisch einmaligen Institut seinen symbolischen Ort fand und weiter finden sollte? Im Geiste und unter der Fahne des Bauhauses gesellschaftsgestaltend einzugreifen, dazu hat es Versuche immer wieder gegeben – erinnert sei nur an das „Industrielle Gartenreich“, jenes visionäre Wende-Projekt, das in Dessau just am 9. November 1989 aus der Taufe gehoben wurde. Und vielleicht ist ja was dran, wenn Niklas Maak in der FAZ das „wirkliche Bauhaus unserer Zeit“ im Silicon Valley vermutet, oder besser noch, wenn er auf ein „neues Bauhaus“ hofft, „das etwas gegen den Tech-Totalitarismus setzt“. Das Bauhaus lediglich als Marke zu kultivieren hieße, seine wahren Impulse zu verkennen. Am reichen Ideenfundus dieser legendären Innovationszentrale sollten uns weniger Design-Ikonen oder architektonische Stilvokabeln interessieren, als vielmehr jene Problemstellungen, die an Brisanz doch nichts verloren haben: Wohnungsfrage, Bodenfrage, Eigentumsfrage. Gemeingüter und Resilienz. Heute noch ergänzt um eine dramatische Herausforderung: Wachstumsverzicht. Zu all dem passend vielleicht ein Satz von Arno Widmann: „Die Geschichte ist kein Reservoir an abrufbaren Erfahrungen. Aber wir könnten sie brauchen, um uns die An-, ja Hinfälligkeit eines jeden Status quo vor Augen zu führen.“

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