Die Haltestellen des Marc Aurel

Abribus nennen sich die Bushaltestellen in Paris. Alle 2200 werden zurzeit ausgetauscht. Doch dies stößt auf Kritik. Eigentlich sollen die Haltestellen auch Schutz bieten. Dies fand bei der Planung aber wohl nicht genügend Beachtung

Text: Kabisch, Wolfgang, Berlin

Filigrane Eleganz – die neuen Bushaltestellen für Paris. Ihre eigentliche Aufgabe erfüllen sie nur begrenzt.
Foto: Wolfgang Kabisch

Filigrane Eleganz – die neuen Bushaltestellen für Paris. Ihre eigentliche Aufgabe erfüllen sie nur begrenzt.

Foto: Wolfgang Kabisch


Die Haltestellen des Marc Aurel

Abribus nennen sich die Bushaltestellen in Paris. Alle 2200 werden zurzeit ausgetauscht. Doch dies stößt auf Kritik. Eigentlich sollen die Haltestellen auch Schutz bieten. Dies fand bei der Planung aber wohl nicht genügend Beachtung

Text: Kabisch, Wolfgang, Berlin

Bis vor Kurzem noch war eine Bushaltestelle vor allem eine Bus-Haltestelle. Mal mit einem einfachen Hinweisschild, mal mit einer Bank oder auch einem praktischen Wartehäuschen ausgestattet. Immer stand jedoch die Funktion im Vordergrund. Damit ist es jetzt endgültig vorbei, zumindest in Paris. 2200 Haltestellen werden zurzeit in der französischen Hauptstadt umgestaltet. In einer unglaublichen Geschwindigkeit. Das im
November 2013 von der Stadt beschlossene Projekt wird in Kürze abgeschlossen sein.
Auffällig ist zunächst ein elegant geschwungenes Dach, das von zwei Trägern gestützt über dem Bürgersteig schwebt. Je nach Größe bilden mehrere Glasscheiben eine Wand. Rechter Hand schließt ein sogenanntes elektronisches Info Panel mit Stadtplan und variablen Serviceangaben an, links, im rechten Winkel zur Rückwand, ein übergroßer Werbebildschirm. Zur Straßenseite gibt es eine kleine integrierte Sitzbank, manchmal eine zweite zum Trottoir. Außerdem LED-Anzeigen mit den verbleibenden Wartezeiten. Und als Clou: eine Handy-Aufladesteckdose. Nicht zu vergessen der bis zu vier Meter hohe Signalmast mit dem Hinweis „Bus“ oder „Taxi“. Diese Version 3.0 der bisher bekannten Wartehäuschen soll eben multifunktional sein. Die Einzelelemente gehören zu einem Baukastensystem, je nach Einsatzort kombinierbar. 100 Abribus sind mit einer Photovoltaikanlage ausgestattet, 50 sogar „vegetalisiert“ – mit Gras und vielleicht auch ein paar Blumen auf dem Dach. Man hat anscheinend alles bedacht.
Das Ganze ist schön anzusehen. Zugegeben! Man kann verstehen, warum der Designer Marc Aurel aus Cassis bei Marseille den Wettbewerb der Stadt Paris gewonnen hat. Nichts mehr von dem guten und praktischen Unterstand, der den Prinzipien der Moderne folgte. Nein: gestylt nach dem Vorbild eines Baumblattes. Die Funktionen ordnen sich der Form unter. Entspricht das dem Zeitgeist?
Wären da nicht einige gravierende Mängel, die die Wartenden bei Regen und Wind in die umliegenden Hauseingänge flüchten lassen, hätte sich der Unmut der Nutzer wohl kaum artikuliert. Die Glasscheiben dieser Abribus beginnen erst etwa 40 Zentimeter über dem Boden. An der Rückwand ist in der Regel sogar eine Glasscheibe ausgespart, um Behinderten den Zugang zu erleichtern. Das funktioniert, reduziert aber den vor Wind und Wetter schützenden Wartebereich. Insgesamt kann diese Haltestelle also vieles. Das Entscheidende, Schutz bieten, gelingt ihr allerdings nicht. Aber genau das bedeutet „Abri“-Bus doch eigentlich.
Soviel zu den Details, über die Designer Marc Aurel nicht weiter sprechen will. Ihm geht es um die übergeordnete Idee einer neuen Form der Stadtmöblierung, deren Potenzial und um die Ästhetik. Design-handwerkliche Fehler weist er weit von sich. Doch da kommt der dritte, der kommerzielle Partner der Stadt Paris mit ins Spiel: die Firma JCDecaux. Und die entscheidende Frage: Wer bestimmt was in diesem lukrativen Geschäft? Nach einem ersten Versuch in Lyon brachte die „standardisierte Haltestelle“ Anfang der 70er Jahre JCDecaux, dem heutigen Weltmarktführer von sogenannter Außenwerbung und Stadtmöblierung, den Durchbruch. 1972 gelang es ihm, einen ersten Vertrag mit der Stadt Paris über die Aufstellung und Wartung von 1500 Wartehäuschen abzuschließen. Als Gegenleistung erhielt das Unternehmen die Nutzungsrechte für Werbung. Kommerziell und vom Image her ein perfekter Deal. Paris sei, so der Firmengründer Jean-Claude Decaux, „das allerschönste Schaufenster“ für die eigenen Produkte.
Zu der genialen Geschäftsidee kamen Verträge über Mupi (Mobilier Urbain pour l’Information – monofunktionale Werbetafeln), Vélb’ (das Pariser Leih-Fahrradsystem), automatische Toilettenhäuschen, usw. 2014 machte
JCDecaux 2,8 Milliarden Euro Umsatz in über 60 Ländern. Die Branche boomt, trotz Wirtschaftskrise und rückläufiger Etats der öffentlichen Haushalte. Das französische Unternehmen kauft nebenbei weltweit die Konkurrenz auf, so auch 91 Prozent der deutschen Wall AG Berlin. Stadtmöbel anzubieten, die zu 100 Prozent über integrierte Werbung finanziert werden, funktioniert einfach zu gut. Kein Wunder, dass man sich da um die oben beschriebenen „Details“ keine weiteren Gedanken machen will und auf Stillschweigeklausen in den Verträgen mit der Stadt verweist.
Über Änderungen bei Abribus wird wohl auch deshalb nicht nachgedacht, weil keiner der Beteiligten ein Interesse hat, eine öffentliche Diskussion über die Rahmenbedingungen dieser Public Private Partnership und ihrer Folgen loszutreten. Soviel man weiß, läuft der neue Vertrag über 15 Jahre. 8,3 Millionen Euro (3,9 Millionen waren es im Vorläufervertrag) erhält die Stadt jährlich von JCDecaux. Dazu eine Gewinnbeteiligung, wenn die Gesamtumsatzzahlen über 25 Millionen Euro liegen. Jeder der Partner macht so ein Geschäft. Und der Designer hat inzwischen Anfragen aus mehreren internationalen Großstädten. Was man nicht kennt, sind die Kosten für die Neubauten und deren Installation. Und die kleinen Nebeneinnahmen, die sich aus den hohen Signalmasten durch JCDecaux erwirtschaften lassen. Als G3/G4 Antennen werden sie an Mobilfunkanbieter vermietet.
Doch wem gehören eigentlich die Standorte dieser Stadtmöbel? Sind sie noch öffentlicher Raum? Und wann reicht es mit der Werbung im Stadtbild? Immerhin hat zum Beispiel die Stadt Grenoble 2014 beschlossen, ihre Verträge für die Werbetafeln auslaufen zu lassen. Dieses ist kein Plädoyer, die Wartehäuschen in unseren Städten abzuschaffen. Immerhin zählt man in Paris jährlich 331 Millionen Fahrgäste, die sie nutzen möchten. Doch da-zu müssen sie ihre eigentliche Funktion erfüllen. Wenn aus den „Abribus“ reine „Abripub“ (Schutzräume für Werbung) werden, muss man die Diskussion erweitern und das Prinzip grundsätzlich in Frage stellen. Es geht nicht nur um eine fehlende Glasscheibe.

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