Der Brexit und die Architekten

Wie wirken sich die Unsicherheiten um den Brexit auf ausländische Architekten in England aus? Uwe Schmidt-Hess lebt seit 2004 in London und gründete 2008 dort das Architekturbüro Patalab.

Text: Brensing, Christian, Berlin

Ob es „German sausages“ auch nach einem unge­regelten Brexit noch in der High Street von Win­ches­ter geben wird?
Foto: Ulrich Birnkmann

Ob es „German sausages“ auch nach einem unge­regelten Brexit noch in der High Street von Win­ches­ter geben wird?

Foto: Ulrich Birnkmann


Der Brexit und die Architekten

Wie wirken sich die Unsicherheiten um den Brexit auf ausländische Architekten in England aus? Uwe Schmidt-Hess lebt seit 2004 in London und gründete 2008 dort das Architekturbüro Patalab.

Text: Brensing, Christian, Berlin

Ihr Weg nach Großbritannien war, wie bei vielen Ihrer deutschen Vorgänger, geprägt vom Wunsch nach einer internationalen Ausbildung und grenzenloser Neugier. Wie hat sich Ihr Berufsleben dort entwickelt?
Schon während meines Architekturstudiums in Weimar hatte ich ein Auslandssemester an der Oxford Brookes University verbracht. Nachdem ich in Deutschland das Diplom erhalten hatte, entschied ich mich noch für einen Master-Studiengang in Architecture and Design an der Londoner Bartlett School of Architecture. Im Anschluss arbeitete ich dann bei Make Architects. 2008 ergab sich die Möglichkeit zu einem eigenen Projekt, woraus mein Architekturbüro Patalab hervorging. Seitdem arbeite ich mit einem internationalen Team vorwiegend an Projekten in und um London.
Wie haben Sie das Brexit-Referendum erlebt?
Die Volksabstimmung fand im Sommer 2016 statt. Jeder in meinem Umfeld ging von einem Votum für den EU-Verbleib aus. Der Schock über das Ergebnis war besonders in London groß, da die Mehrheit der Londoner eindeutig zugunsten der EU votiert hatte. Die daraus resultierende Schockstarre mündete in vielerlei Fragen, fast alle sind bis heute von der Politik unbeantwortet geblieben. Der damals frisch gewählte Londoner Bürgermeister Sadiq Khan gab die Botschaft aus „London bleibt offen“.
Welche Konsequenzen hatte das?
Zum Zeitpunkt der Brexit-Entscheidung florierte die Bauindustrie, viele Projekte wurden begonnen. Für mein Büro gab es zunächst keine unmittelbaren Auswirkungen, außer dass einige Bauherrn neue Projekte stärker hinterfragten bzw. auf die Bremse traten. Unsere Auftraggeber sind zum Großteil private Investoren, die sich im Spektrum des Wohnungsbaus bis zu einer Bausumme von fünf Millionen Pfund betätigen. Allerdings hörte man auch, dass bedeutend größere Projekte mit namhaften Architekturbüros, die im Anfangsstadium waren, sofort auf Eis gelegt wurden.
Gab oder gibt es Aussagen von dieser Seite?
London werde, so dachte man, aufgrund seiner herausragenden wirtschaftlichen Stellung im Vereinigten Königreich die Folgen des Brexit nicht ganz so drastisch zu spüren bekommen wie der Rest des Landes. Ein gewisser Zweckoptimismus machte sich breit. Heute, wenige Wochen vor dem Austrittsdatum, sind die Auswirkungen schon offensichtlicher. Im Oktober 2018 schickten über 1000 Architekten einen offenen Brief an die britische Premierministerin Theresa May. Die Botschaft war so einfach wie einprägsam: „There is no good Brexit“. Zu den Unterzeichnern gehörten u.a. Lord Foster, Lord Rogers und Sir Chipperfield. Seit letztem Herbst berichten auch zunehmend führende Architekturjournale von Umsatzeinbrüchen und Entlassungen bei bekannten Büros. Zudem ist die Zahl der Bauanträge im Zentrum Londons deutlich zurückgegangen. Mark Reynolds, CEO des Bauunternehmen MACE, kritisierte Theresa May hinsichtlich der zu befürchtenden Schwierigkeiten im Austausch von qualifizierten Arbeitskräften mit der EU. Zudem werden 64 Prozent aller Baustoffe und -materialien auf britischen Baustellen aus der EU importiert, die britische Exportquote in die EU liegt bei 63 Prozent.
Gibt es konkrete Auswirkungen auf Ihr Büro?
Dadurch, dass risikobehaftete Projekte eingefroren wurden, entfielen ungefähr 15 Prozent unseres Umsatzes. Noch weitreichender waren die Auswirkungen mit Blick auf die Projekte, die erst gar nicht begonnen wurden. Viele Bauherren – wohlgemerkt die, die es sich leisten können – sind bis heute in einer Position des Abwartens. Die Manöver von Seiten der britischen Regierung verbessern die Aussichten nicht.
An welchem Punkt stehen wir heute?
Gleich nach dem Referendum wurden von Gesetzesseite die Regeln für die Anstellung von ausländischen Mitarbeitern besonders für kleinere Büros erschwert. Seitdem, so mein Eindruck, kommen weniger arbeitsuchende Europäer nach Großbritannien – ganz im Gegenteil scheint mir, dass viele Leute den Brexit als Anlass nehmen, London zu verlassen. Außerdem weiß ich von größeren Architekturbüros, dass sie beginnen, die Mit­arbeiterzahlen zu reduzieren.
Noch drehen sich die Kräne, zumindest in London.
Die Auswirkungen des Brexit-Referendums sind für das bloße Auge noch nicht sichtbar. Die Kräne, die jetzt in der City stehen, sind für Projekte, die vor drei, vier Jahren geplant wurden. Deren Folgeprojekte aber werden nicht angeschoben. Die Konsequenzen davon werden erst in den nächsten Jahren augenscheinlich. Auf dem Immobilienmarkt sind die Auswirkungen des Brexits dagegen schon voll angekommen. Das hochpreisige Segment des Wohnungsbaus, ab zwei Millionen Pfund, ist zurzeit komplett tot. Dass im absoluten Luxussektor während der Jahre 2017/18 die Verkäufe wieder nach oben gingen, hatte nur mit dem schwachen Pfund und dem Verfall der Kaufpreise zu tun. Da macht der eine oder andere ausländische Investor ein Schnäppchen!
Nehmen dies Ihre britischen Kollegen zum Anlass für Kommentare?
Durchaus, aber ganz im Sinn des englischen Humors, wenn sie die rhetorische Frage stellen, ob ich überhaupt im United Kingdom bleiben dürfe.
Gibt es unter den Investoren eine Flucht aus der britischen Immobilie?
Es gibt vermehrt Anzeichen von einigen Projektentwicklern, dass sie auf dem Kontinent gezielt nach Projekten suchen. Das Geld fließt jetzt nach Amsterdam oder Berlin.
Fakten
Architekten Patalab, London
aus Bauwelt 2.2019
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