Anspruchsvolle Zurückhaltung

Marte.Marte Architekten aus Vorarlberg gewinnen den Wettbewerb für ein Besucherzentrum an der Darmstädter Mathilden­höhe mit einem noblen und dezenten Entwurf. Im Ideenteil machen sie es sich allerdings etwas zu einfach.

Text: Holl, Christian, Stuttgart

    1. Preis Marte.Marte mit WES sehen viele Flächen unter­irdisch vor. Ihr Entwurf ist ein moderner Pavillon, der viel Freiraum schafft, jedoch in der Bauausführung dem Baumbestand schadet.
    Abb.: Architekten

    1. Preis Marte.Marte mit WES sehen viele Flächen unter­irdisch vor. Ihr Entwurf ist ein moderner Pavillon, der viel Freiraum schafft, jedoch in der Bauausführung dem Baumbestand schadet.

    Abb.: Architekten

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    EG
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    Abb.: Architekten

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    2. Preis Der von Max Dudler und Planorama unterbrei­tete Vorschlag fällt deutlich massiger aus. Dem Ensemble steht ein dreigeschos­siger Turm vor.
    Abb.: Architekten

    2. Preis Der von Max Dudler und Planorama unterbrei­tete Vorschlag fällt deutlich massiger aus. Dem Ensemble steht ein dreigeschos­siger Turm vor.

    Abb.: Architekten

    Anerkennung Kramm & Strigl und Rabsilber + Heckmann konnten mit über­-­zeu­genden Grundrissen punkten, stadträumlich sah die Jury Defizite.
    Abb.: Architekten

    Anerkennung Kramm & Strigl und Rabsilber + Heckmann konnten mit über­-­zeu­genden Grundrissen punkten, stadträumlich sah die Jury Defizite.

    Abb.: Architekten

    Anerkennung Bruno Fioretti Marquez und Atelier Loidl entwickelten eine prismatische Kubatur. Die Herleitung überzeugte dank Ortsbezug. Die Weiterentwicklung des Konzepts hingegen hielt die Jury für schwierig.
    Abb.: Architekten

    Anerkennung Bruno Fioretti Marquez und Atelier Loidl entwickelten eine prismatische Kubatur. Die Herleitung überzeugte dank Ortsbezug. Die Weiterentwicklung des Konzepts hingegen hielt die Jury für schwierig.

    Abb.: Architekten

Anspruchsvolle Zurückhaltung

Marte.Marte Architekten aus Vorarlberg gewinnen den Wettbewerb für ein Besucherzentrum an der Darmstädter Mathilden­höhe mit einem noblen und dezenten Entwurf. Im Ideenteil machen sie es sich allerdings etwas zu einfach.

Text: Holl, Christian, Stuttgart

Sie gilt als die erste IBA, auch wenn es diesen Begriff damals noch nicht gab: Die Künstlerkolonie Mathildenhöhe entstand 1900 bis 1914. Die Stadt Darmstadt strebt für das Ensemble nun den Welterbe-Status an. Dass die Mathildenhöhe sich nicht ganz einfach zeitgemäß fortschreiben lässt, wurde 2011 schmerzhaft deutlich, als Bürgerproteste die Umsetzung einer Wettbewerbsentscheidung für einen Museumsneubau verhinderten.
Gegenstand des aktuellen Wettbewerbs ist ein etwa einen halben Hektar großes, verwildertes Areal am Osthang, hinter der Ausstellungshalle und dem Hochzeitsturm von Joseph Maria Olbrich. Die Öffentlichkeit schenkte dem Gelände kaum Beachtung, bis hier während des Architektursommers 2014 eine Art neue Künstlerkolonie mit einer Reihe temporärer Bauten und einem dichten Veranstaltungsprogramm verweilte. Nun soll ein Besucherzentrum entstehen, um der Welterbe-Bewerbung Nachdruck zu verleihen und die Mathildenhöhe ins 21. Jahrhundert zu begleiten. Neben dem Osthang ist ein Parkplatz nördlich der Ausstellungshalle Teil des Plangebiets.
25 Teilnehmer waren nach einem Bewerbungsverfahren eingeladen worden. In einem städtebaulichen Ideenteil sollten beide Flächen miteinander verknüpft werden und im Osten ein Anschluss an die Rosenhöhe und den Ostbahnhof entstehen. Im Realisierungsteil war am Osthang das Besucherzentrum mit Informations-, Sanitär- und Veranstaltungsräumen sowie Gastronomie zu projektieren – keine einfache Aufgabe, galt es doch, eine Rückseite zur zweiten Vorderseite zu machen, zwischen den verschiedenen Nutzungen und Gebäudegrößen zu vermitteln und städtebauliche Beziehungen neu aufzubauen.
Die Sieger, Marte.Marte Architekten, die mit WES Landschaftsarchitekten einreichten, haben sich für eine Komposition aus drei Einzelbaukörpern entschieden, die sich der Körnigkeit des Umfelds anpassen. Das Neue tritt nicht in Konkurrenz zum Alten. Sie reduzieren wo möglich Flächen, um die oberirdische Erscheinung dem Umfeld anzupassen. Beim Preisgericht weckte dieses Vorgehen Zweifel an der Durchsetzbarkeit: „Die geforderten Flächen großteils unterirdisch unterzubringen und dazu den Hang großflächig zu unterbauen, ist jedoch nicht akzeptabel, da dadurch nahezu alle Bestandsbäume entfallen würden.“, heißt es im Protokoll. Positiv vermerkt wird, dass das Besucherzentrum auch ohne die beiden Ergänzungsbauten funktionieren kann. Als eleganter Schlitten mit weit auskragendem Dach und gegeneinander versetzter großflächiger Verglasung verbindet der Entwurf Offenheit mit Präzision; die geschlossenen Flächen sollen in weißem Stampfbeton ausgeführt werden. Das Raumkonzept ist eingängig. Geschickt wurde der Höhenverlauf genutzt, um Teile des Raumprogramms in einem Sockel unterzubringen. Der Gestus des modernistischen Minimalismus zeigt, dass Zurückhaltung nicht Demut heißen soll – die Raffinesse wird in einer akkuraten Detaillierung liegen müssen.
Wie die Größe des Raumprogramms zur Qualität gemacht werden kann, zeigt der Beitrag vom Büro Max Dudler, die mit Planorama einreichten. In gewisser Weise stellt er die Antithese zum ersten Preis dar: In einem Wechsel aus ein-, zwei und dreigeschossigen Teilen wird ein dichtes Ensemble vorgeschlagen, das dem Ort eine eigene und neue Prägung geben könnte und mühelos ebenso die Grundstücksgeometrie wie die Topografie aufnimmt. Selbstbewusst markiert ein Hochpunkt ein Vis-à-Vis zur Ausstellungsalle. In Querrichtung führen schmale Wege durch das Ensemble, das sich ebenso als Fortschreibung der vorstädtischen Bebauungsstruktur wie als Skulptur lesen lässt. Wenngleich die Juroren dem mit hellem Kunststein bekleideten Baukörper ein elegantes Erscheinungsbild und das Potezial attestierten, als Impulsgeber für weitere Planungen am Ort zu taugen, hat die Jury am Ende entschieden, den gartenartigen Charakter des Hügels zu bewahren: Zweiter Preis.
Mit je einer Anerkennungen wurden die Arbeitsgruppen Bruno Fioretti Marquez mit Atelier Loidl und Kramm & Strigl mit Rabsilber + Heckmann ausgezeichnet. Der Entwurf von Kramm & Strigl überzeugt typologisch und durch seine innere Struktur, stadträumlich jedoch weniger.
Bruno Fioretti Marquez scheuen sich nicht, verfremdete Zitate einzusetzen. Sie nehmen mit einem gestreckten Sechseck, einer breit kannelierten Fassade und einem Dach aus Kupfer den vielleicht originellsten Bezug zum Baubestand der Mathildenhöhe. Am Ende wohl zu originell: neben stadträumlichen Mängeln kritisiert das Juryprotokoll die aus denkmalpflegerischer Sicht „enorme Störwirkung auf das Ensemble Mathildenhöhe“.
Nicht offener Wettbewerb
1. Preis
(25.000 Euro) Marte.Marte Architekten, Feldkirch (Österreich), mit WES Landschaftsarchitektur, Hamburg
2.Preis (20.000 Euro) Max Dudler, Berlin, mit Landschaftsarchitekt Planorama, Berlin
Anerkennung (15.000 Euro) Kramm & Strigl, Architekten und Stadtplaner, Darmstadt, mit Rabsilber + Heckmann, landschaftsarchitekten, Wiesbaden
Anerkennung (15.000 Euro) Bruno Fioretti Marquez Architekten, Berlin, mit Atelier Loidl Landschaftsarchitekten, Berlin
Juryvorsitz
Arno Lederer, Stuttgart
Auslober
Magistrat der Wissensstadt Darmstadt
Wettbewerbskoordination
BÄUMLE Architekten | Stadtplaner, Darmstadt

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