Sukkot in Europa, Israel und den USA

Flüchtige Kleinstarchitekturen

Text: Seidel, Florian, München

© Mimi Levy Lips

© Mimi Levy Lips


Sukkot in Europa, Israel und den USA

Flüchtige Kleinstarchitekturen

Text: Seidel, Florian, München

Eine Fotoausstellung der Architektin und Kulturwissenschaftlerin Mimi Levy Lipis im Jüdischen Museum Berlin dokumentiert unterschiedlichste Erscheinungsformen von Sukkot, die die Kuratorin in den letzten Jahren auf Reisen in Israel, Europa und den USA gefunden und fotografiert hat.
Im Buch Levitikus heißt es: „Eure Nachkommen in allen künftigen Generationen sollen daran erin­nert werden, dass ich, der Herr, das Volk Israel einst auf dem Weg von Ägypten in sein Land in Laubhüt­ten wohnen ließ.“ Einmal im Jahr, während der sieben Tage des herbstlichen Laubhüttenfestes, zieht die strenggläubige jüdische Familie aus ihrem gewohnten Heim in die Sukka (pl.: Sukkot), um dort die Mahlzeiten einzunehmen und, wenn möglich, auch dort zu schlafen. Die religiösen Vorschriften le­gen fest, dass sie mindestens zweieinhalb Wände umfassen muss, und dass durch das Dach die Sterne zu sehen sein müssen. Die Sukka, die nur bedingt gegen die Witterung schützen kann, ist der temporäre Bau schlechthin: Sie wird unmittelbar nach dem Laubhüttenfest wieder restlos abgerissen.
Eine Fotoausstellung der Architektin und Kulturwissenschaftlerin Mimi Levy Lipis im Jüdischen Museum Berlin dokumentiert jetzt unterschiedlichste Erscheinungsformen von Sukkot, die die Kuratorin in den letzten Jahren auf Reisen in Israel, Europa und den USA gefunden und fotografiert hat. Sie fallen meist nicht etwa durch Prunk und festlichen Schmuck auf, sondern werden eben durch ihre Beiläufigkeit und Alltäglichkeit zu außergewöhnlichen temporären Kleinstarchitekturen. Meist würde der uninformier­te Betrachter eine Sukka für einen unscheinbaren, improvisierten Verschlag oder temporären Sichtschutz halten und nicht für den Ort der alljährlichen religiösen Einkehr. Häufig entsteht die Sukka auf einer Terrasse, in einem Innenhof oder auf  einer ungenutzten Restfläche. Jedoch erst mit dem Wissen um die jüdischen Bauvorschriften erschließt sich die Notwendigkeit, etwa die Balkone von Hochhäusern nicht übereinander, sondern versetzt zueinander anzuordnen: Der Blick aus der Sukka hinauf zu den Sternen wäre ja ansonsten verwehrt. Nach eigener Darstellung entdeckte die Kuratorin ihre Faszina­tion für die Sukka während ihrer Studienzeit am M.I.T., als sie, frustriert von der Seelenlosigkeit der dort angefertigten Entwürfe von temporären Gebäuden, auf die Tradition der uralten, zeitlosen und zugleich ephemeren jüdischen Laubhütte stieß.
Es wäre wunderbar gewesen, wenn die Ausstellung für den von Daniel Libeskind überdachten Innenhof des Jüdischen Museums konzipiert worden wäre, der ja explizit auf die Tradition der Laub­hütte Bezug nimmt (Bauwelt 46.07). Schade um die verpasste Gelegenheit. Nun muss die Ausstellung, wie viele zuvor, gegen die Beschränkungen des Jüdi­schen Museums ankämpfen, statt die Möglichkei­ten, die das Gebäude bietet, ausnutzen zu können. Die Absicht der Kuratorin, mit ihrer kargen, auf das Wesentliche reduzierten Ausstellungsgestaltung zugleich räumliche Prinzipien von Laubhütten zu un­tersuchen und darzustellen, überfrachtet die Schau zusätzlich. Die überaus reiche Vielfalt der Sukka, fotografisch dargestellt, hätte vollauf genügt.

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