Neue Haymat

Editorial

Text: Kleilein, Doris, Berlin

Entwurfsphase Superkilen, Kopenhagen
Foto: BIG / Topotek 1

Entwurfsphase Superkilen, Kopenhagen

Foto: BIG / Topotek 1


Neue Haymat

Editorial

Text: Kleilein, Doris, Berlin

Die Debatte um das Einwanderungsland Deutschland hat in den letzten Monaten wieder einmal ein extremes Auf und Ab erlebt: Auf die großen Feierlichkeiten zu „50 Jahre Anwerbeabkommen“ im Herbst 2011, bei denen die Migrationsgeschichte endlich ihren Platz in der nationalen Geschichtsschreibung bekommen hat, folgte die „Entdeckung“ der Mordserie an zehn Immigranten.
In der Weihnachtsansprache rief der damalige Bundespräsident Wulff zur Solidarität mit den Opfern auf; doch kaum war die offizielle Trauerfeier Ende Februar vorbei, präsentierte Innenminister Friedrich grob verzerrt die Ergebnisse einer neuen Studie in der Bild-Zeitung: Jeder fünfte Muslim in Deutschland wolle sich nicht integrieren.
Mangelhafte Integration, das ist auch das Leitmotiv, wenn es um Stadtentwicklung und Migration geht, und das nicht erst seit Sarrazin. Negativschlagzeilen beschwören Parallelgesellschaften, ja sogar Ghettos herauf, und das in einem Land, in dem von großflächiger Segregation gar nicht die Rede sein kann. Architekten und Stadtplaner tauchen in der aufgeladenen Debatte meist nur an zwei Stellen auf: Als Planer spektakulärer Moscheen, mit den Bauherren in langwierige Streitigkeiten verwickelt, wie in Köln Heft 46.11 – oder als Problemlöser, wenn es bereits zu spät ist, wie beim „Campus Rütli“ in Berlin-Neukölln Heft 39–40.11, wo die Architektur nun mit geringem Budget politische Versäumnisse korrigieren soll. Ist Migration ein Thema, für das sich unsere Profession nicht zuständig fühlt? Oder nur dann, wenn es um Migration in die Megastädte der Welt geht, die aus der Ferne auf prominent besetzten Konferenzen erörtert wird?
Wo sind die Berührungspunkte?
Wer sich mit Migration vor der eigenen Haustür beschäftigt,  kommt um das Statistische Bundesamt nicht herum: 15 Millionen Menschen haben in Deutschland einen Migrationshintergrund, in der kommenden Generation wird es jeder dritte Einwohner sein. „Migranten“ sind eine erschreckend genau erfasste Gruppe: gezählt, nach Herkunft und Aufenthaltsstatus sortiert. Hier kommt Unbehagen auf:  Zu welchem Zweck werden Einwohner nach ihren Herkunftsländern gelistet? Wir haben planungsrelevante Daten herausgesucht, die der Grafiker Deniz Keskin für dieses Heft aufbereitet hat. Was man nicht findet: Wieviele Architekten und Planer haben einen Migrationshintergrund? Diese Zahl, so die Auskunft der Bundesarchitektenkammer, wird erst ab 2012 erfasst.
Wo fängt die Auseinandersetzung mit Migration also an?      Am besten dort, wo man sie nicht vermutet:  auf einem Dorf im  Siegerland, Nordrhein-Westfalen. Nicht nur in den Großstädten hat sich die Bevölkerungsstruktur verändert. Der Beitrag „Migration und Wirklichkeit“ zeigt anhand von sechs Fallbeispielen, wie Einwanderer unter oft schwierigen Bedingungen sesshaft geworden sind: Migranten als Eigentümer und Bauherren, mitunter als Motor für die Weiterentwicklung städtischer Leerstellen. Welche Strategien und Typologien dabei entwickelt wurden, erläutern Çaglalk, Dietrich Pressel und Gerrit Schwalbach im Interview (Seite 30), aber auch, wo die Konfliktlinien verlaufen, und was man aus ihnen lernen kann. Ein erstes Fazit: mehr Gelassenheit, mehr Kommunikation, mehr Aufmerksamkeit, denn aus so mancher informell entstandenen Lösung lassen sich Strategien für Stadtentwicklung und Architektur ableiten.
Ein neues Bild
Einwanderer als Bauherren, als Akteure der Stadtentwicklung? Ein neues Bild. Die politische Mitbestimmung setzt die Staatsangehörigkeit voraus, der Hausbau eine langfristige Perspektive, die Kommunikation das Zuhören. Vassilis Tsianos und Klaus Ronneberger folgen in ihrem Beitrag „Panische Räume“ den verschlungenen Pfaden der Integrationsdebatte, die in Deutschland immer auch im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus gesehen werden muss. Der Migrationsforscher Mark Terkessidis beschreibt, dass post-migrantische Identitäten viel komplexer sind, als die Statistik sie erfassen kann, und auch deutsche Städte beginnen,  die „Diversität“ als Planungsparameter, ja als besondere Qualität zu begreifen.
Wo die Reise hingehen kann, zeigen zwei Beispiele aus den Niederlanden und aus Dänemark: Dort hat man Einwanderer schon länger als Zielgruppe entdeckt und offensichtlich auch weniger Probleme damit, multikulturelle Symbole zu akzeptieren. In Rotterdam ist eine Wohnanlage entstanden, die auf Formensprache und Struktur der nordafrikanischen Kasbah zurückgreift. Auf den Einwurf, ob dies nicht „Ethnokitsch“ sei, weiß die Architektursoziologin Sabine Meier zu berichten, dass diese Frage immer nur die Deutschen stellen. In den Niederlanden versucht man, mit architektonischen Mitteln eine Aufwertung benachteiligter Quartiere anzuschieben. Und während wir hierzulande noch darüber diskutieren, ob die „multikulturelle“ Gesellschaft überhaupt andersartige öffentliche Räume braucht, wird im Sommer in Kopenhagen der „Superkilen“ eingeweiht;  ein spektakulärer Stadtraum, der die kosmopolitische Mittelschicht (zu der auch unser Autor  Henrik Reeh gehört) ebenso anzusprechen will wie die Immigranten der Nachbarschaft.  Ob das auch Modelle für die neue Haymat Deutschland sein können?

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