PER / TRANS

Performing the Cube | Transforming the Cube

Text: Drewes, Frank F., Berlin


PER / TRANS

Performing the Cube | Transforming the Cube

Text: Drewes, Frank F., Berlin

Architektur ist im besten Fall Baukunst, die im Sinne von Vitruv auch über Firmitas, Utilitas und Venustas verfügt. Kunst ist im schlimmsten Fall belanglos und nicht in der Lage, Emotionen zu erzeugen. Kann und muss sich Architektur weitgehend auf diesen drei Standbeinen halten, ist die Kunst mit allen denkbaren Freiheiten gesegnet, muss weder funktionieren noch gefallen. Wenn Kunst und Architektur zusammenkommen, kann ein Dialog der beiden Bereiche entstehen, in dem ihre Eigenschaften neu positioniert werden können. Die Ergebnisse eines solchen Dialogs liegen nun in Form eines umfangreichen Überblicks zum Schaffen der Berliner Künstlerin Sandra Peters vor, einer Künstlerin, die ihre Inspiration ganz klar aus der Architektur bezieht. Obwohl ausschließlich an Kunstschulen im In- und Ausland ausgebildet, arbeitete sie anfänglich in den Modellbauwerkstätten der Architekturbüros Sauerbruch Hutton und Barkow Leibinger. Daher lässt sich schnell ableiten, dass Statik, Ordnung und Systematik treibende Kräfte ihrer Kunst sein müssen.
Der Untertitel dieses Buches weist die Richtung. Würfel sind ein wesentlicher Gegenstand der künstlerischen Interventionen Sandra Peters, speziell deren Transformation und Grenzbereiche sowie Übergänge. So zieht sich das Thema des entfalteten Würfels, der sich in elf Varianten dekonstruieren lässt, durch einen großen Teil der ca. 25 Werkgruppen, die in den letzten zwanzig Jahren entstanden sind und in PER / TRANS dokumentiert werden. Beton, Stahl, Glas und Ziegelsteine tauchen gleichberechtigt in ihrem Œuvre auf, allesamt Materialien aus dem Bereich der Architektur. Während die Variationen und Kombinationen von Würfeln und deren Entfaltungen den Raum eher additiv bevölkern und strukturieren, greift beispielsweise die Arbeit „Modifikation – stetig steigende Steine“ (2009) im Kunstverein Ruhr in Essen grundlegend in die Architektur ein. In Anlehnung an die kunstreich ornamentierten Ziegelschornsteine von Schloss Cecilienhof in Potsdam umhüllte Peters die zwei frei im Raum stehenden Stützen in eben jener Technik mit Ziegelsteinen und transformierte somit quasi die Firmitas zur Venustas.
Ein Schlüsselerlebnis für den Werdegang der Künstlerin war ein mehrmonatiger Aufenthalt in Los Angeles, während dessen sie sich systematisch mit dem Werk von Rudolph Schindler auseinandersetzte. Schindlers eigenes Wohnhaus in der Kings Road (West Hollywood, 1921), das How House (Silver Lake, 1925) und das Lovell Beach House (Newport Beach, 1926) wurden Ausgangspunkt für eine Reihe von Arbeiten, denen jeweils akribische Untersuchungen vorausgingen. Interface No. 1 ist dabei mit seiner Exploration der Gitterstrukturen und Rastersysteme des How Houses zusätzlich eine explizite Hommage an Sol Lewitt.
Das abwechslungs- und spannungsreich gestaltete Buch ist ein ästhetischer Genuss, wenngleich anfänglich auch Orientierungslosigkeit entstehen kann. Erst die systematische oder auch mehrfache Beschäftigung mit dem Inhalt offenbart die Zusammenhänge und inhärente Logik, die in den Arbeiten steckt. Insofern ist die Kunst von Sandra Peters der Architektur sehr artverwandt, da sie auch auf verschiedenen Ebenen „funktioniert“ und gelesen werden kann. Das Lesen der Arbeiten im Sinne von Verstehen ist aber keineswegs Voraussetzung für den ästhetischen Genuss der Werke, denn die stehen auch für sich selbst und bedürfen keiner Erklärung. Ergänzend zu den einzelnen Kapiteln mit den Werkgruppen sind noch vier begleitende Texte eingestellt, die das Werk der Künstlerin aus unterschied­-lichen Blickwinkeln beleuchten. PER / TRANS ist somit kein Buch für das schnelle Durchblättern, sondern regt zum mehrfachen Studium an.

PER/TRANS
Performing the Cube | Transforming the Cube
208 Seiten, 48 Euro, 2018
Fakten
Autor / Herausgeber Herausgegeben von Sandra Peters
Verlag VmfK Verlag für moderne Kunst, Wien 2018
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aus Bauwelt 16.2022
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