Mr. Bawa, I Presume

Mit dem Buch dokumentiert die Fotografin Giovanna Silva ihre ganz persönliche Annäherung an Sri Lanka und Geoffrey Bawa.

Text: Henning, Moritz, Berlin


Mr. Bawa, I Presume

Mit dem Buch dokumentiert die Fotografin Giovanna Silva ihre ganz persönliche Annäherung an Sri Lanka und Geoffrey Bawa.

Text: Henning, Moritz, Berlin

Das Werk des 1919 in Ceylon – dem heutigen Sri Lanka – gebore­nen Geoffrey Bawa hat mittlerweile vermut­lich auch in Deutschland einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt. 2004 würdigte ihn das Deutsche Architekturmuseum mit einer großen Werkschau, schon 2001 wurde Bawa mit der Verleihung des Aga Khan Chairman’s Award for Architecture geehrt, und eine ganze Reihe, zum Teil recht opulente Veröffentlichungen zum Werk des Architekten, der heute als einer der wichtigsten und einflussreichsten asia­tischen Architekten des 20. Jahrhunderts gilt, liegt vor.
Zunächst als Anwalt ausgebildet, konnte Bawa nach einem Zweitstudium an der Londoner Architectural Association über 80 Projekte realisieren, vor allem in seinem Heimatland, aber auch in Indonesien, Indien, auf Mauritius oder in Singapur. Seine frühen, vom sogenannten tropischen Modernismus inspirierten Experimente, so beschrieb es David Robson, Autor des bislang umfassendsten Kompendiums zum Schaffen Bawas in seinem Nachruf aus dem Jahr 2003, wurden dabei im Laufe der Zeit von einem wachsenden Interesse an der traditionellen Architektur und lokalen Baumaterialien abgelöst. Seine Bauten verschmolzen Modernes und Traditionelles, Ost und West, Formales und Pittoreskes, überwanden die Barrieren zwischen Innen und Außen, zwischen Gebäude und Landschaft und boten Entwürfe für neue Lebens- und Arbeitsweisen in tropischen Regionen.
Die italienische Fotografin Giovanna Silva hat sich nun aufgemacht, ein, so das Vorwort, „alternatives Narrativ zur offiziellen Erzählung“ zu entwickeln. „Mr. Bawa, I Presume“ heißt das kürzlich bei Hatje Cantz erschienene Buch, welches Silvas ganz persönliche Annäherung an Sri Lanka und Geoffrey Bawa dokumentiert. Wer erwartet, sich anhand der Fotografien einen Überblick über das Werk des Architekten verschaffen zu können, wird allerdings, so wie ich beim ersten Durchblättern, enttäuscht. Kaum einmal ist ein Gebäude in Gänze abgebildet, nur selten wird ein Blick auf den baulichen Kontext oder die umgebende Landschaft gewährt. Silvas Fotos widmen sich vielmehr dem Ausschnitt und dem Detail. Ihr Blick wirkt dabei distanziert, fast teilnahmslos, er wertet nicht und macht sich nicht mit der Architektur gemein. Und er richtet sich gerne auf das, was in den meisten Magazinen und Monografien selten zu sehen ist: Unaufgeräumtes, Unbeachtetes und unbeachtet Gebliebenes, Verdrängtes oder allzu gerne Vergessenes, Nebenräume, Untergeschosse, Restflächen. Das funktioniert oft gut, vor allem, wenn die Spuren menschlicher Aktivitäten in die Räume hineinspielen, die Architektur überlagern oder ihr entgegenlaufen, die tropische Feuchtigkeit samt dazugehöriger Pflanzenwelt dem Gebäude zusetzt oder die ausschnitthafte Darstellung skurrile Details offenbart. Doch der Grat zwischen dem Anspruch Silvas, eine alternative Betrachtung zur bisherigen Erzählung zu eröffnen, und der Banalisierung, um nicht zu sagen Diffamierung des Gesehenen ist schmal. Und so braucht man etwas Geduld und guten Willen, um sich Giovanna Silvas Fotografien zu erschließen. Doch die Mühe lohnt sich. 2017 hatte ich selbst das Glück, Sri Lanka besuchen zu können, und war ebenso tief beeindruckt von der innigen Verbindung, welche Bawas Bauten, die lokale Bautraditionen ganz ohne Anbiederung an Klischees fortschreiben, mit der Landschaft eingehen wie von den präzisen Raumkonzeptionen. Silvas Fotografien aber haben mir noch einmal eine ganz andere Sicht auf das Werk des Architekten nahegebracht.
Fakten
Autor / Herausgeber Giovanna Silva
Verlag Hatje Cantz, Berlin 2020
Zum Verlag
aus Bauwelt 25.2020
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