Mies

Mies van der Rohe – ein visionärer Architekt

Text: Bruun Yde, Marie, Berlin


Mies

Mies van der Rohe – ein visionärer Architekt

Text: Bruun Yde, Marie, Berlin

Architektur und Sex fordern beide Verführung. Die zwei Disziplinen werden vom Comic-Helden Mies van der Rohe in diesem Graphic Novel als ähnlich patriarchal und unromantisch inkarniert. Die Hauptebene der Kurzbiographie spielt im Flugzeug, wo Mies seinem Enkel, dem Architekten Dirk Lohan, seine Lebensgeschich­te erzählt. Sie sind unterwegs von Amerika nach Berlin zur Grundsteinlegung der Neuen Nationalgalerie am trümmergeprägten Noch-nicht-Kulturforum Berlins 1965. Unterwegs springt die Erzählung unchronologisch zwischen Kaiserreich, Erstem Weltkrieg, Weimarer Republik, NS- und Nachkriegszeit und verflechtet sie mit Mies’ Aufstieg, Kampf und politischen Kompromissen, um das Bauhaus offen zu halten, bis hin zur Realisierung, dass die Karriere in Deutschland nicht mehr gelingen wird, und neuem Leben in den USA.
Mies als unsympathischer Mensch war sonst in Büchern kein großes Thema. Hier wird er als arroganter Playboy gezeichnet, rücksichtslos, sogar unstrategisch, wie er beispielsweise Philip Johnson sagt, sein Glass House sei nur „ein bil­liger Abklatsch des Farnsworth House“, das er selbst entwarf. In seinem Verhältnis zu Frauen ist er ein Eroberer, emotional zugeknöpft, schläft mit und schwängert beliebige, wechselnde Partnerinnen, auch außerehelich. Daneben wird seine Motivation Architektur zu machen infrage gestellt. Als die Wohnanlage Mecca Flats in Chicago unter Protest abgerissen wird, eine frühe Art der Gentrifizierung, womit ihre überwiegend schwar­zen Bewohner vertrieben wurden, um für seine Crown Hall zu weichen, zeigt Mies kein Interesse am Schicksal der Bewohner. Diese Loslösung der ästhetischen Ebene von einer humanistischen Agenda, die die modernistische Generation charakterisierte, bekommt in weiteren Geschichten neue, sexistische und dandyistische Levels. Dass Gestaltung besser ohne Mitbestimmung der Bewohner geht, beschreibt Mies durch die Beziehung zu seiner Bauherrin Farnsworth, die er als mehr interessiert in den Architekten bzw. ihn selbst als in der Architektur darstellt, oder zu den Lake Shore Drive Apartments, wo er ablehnt, selber zu wohnen – denn „was wenn die übrigen Räsidentz meine Begeisterung nicht teilen?“.
Faszinierend illusionistisch sind die detailreichen, akkuraten Zeichnungen nicht nur von ikonischen Hauptwerken, sondern auch von nicht mehr existierenden (Denkmal für Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg) sowie nie gebauten Gebäuden (etwa das Hochhaus am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin), die man sonst nur von Koh­-lezeichnungen kennt, drinnen ausgestattet mit Möbeln und aufgelöst in Wandscheiben, draußen eingebettet in lebendige Straßenszenen und Landschaften. Die Menschen dagegen, meistens im Vordergrund, sind fleischig, expressiv, kostümiert. Ein selektiver, interpretativer, aber durchaus informativer Roman und vor allem ein Vergnügen, einen der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts hin- und hergerissen zwischen Sublimem und Profanem zu erleben.
Fakten
Autor / Herausgeber Agustín Ferrer Casas
Verlag Carlsen Verlag, Hamburg 2019
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aus Bauwelt 9.2021
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