Hin Bredendieck

Von Aurich nach Atlanta

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig


Hin Bredendieck

Von Aurich nach Atlanta

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

Das Bauhaus-Jubiläum 2019 fiel auch publizistisch stattlich aus. Wie wohl ganz wenige Institutionen hob das Landesmuseum Oldenburg während seiner Beschäftigung mit dem Bauhaus Überraschendes. Ein Ende 2016 begonnenes Forschungsprojekt, maßgeblich getragen von der Kunsthistorikerin Gloria Köpnick, mündete 2019 in eine Ausstellung und eine erste Publikation zu bisher übersehenen Bauhäuslern aus der nordwestdeutschen Provinz, Titel: „Zwischen Utopie und Anpassung. Das Bauhaus in Oldenburg“ (Bauwelt 26.2019). Als Ergebnis einer anschließenden Forschung zur „Migration der Ideen“ liegt eine weitere Veröffentlichung vor, die allererste Monografie zum künstlerisch gewichtigsten Protagonisten aus Oldenburg, Hin Bredendieck (1904–1995).
Die Bauhaus-Literatur aus deutscher Perspektive erwähnt Bredendieck meist nur im Zusammenhang erfolgreicher Referenzen des Produktionsbereichs, der Bauhaus GmbH. Da wären die Schreibtisch-, Haushalts- und Architekturleuchten für den Leipziger Hersteller Kandem, entstanden ab 1928 in der Metallwerkstatt unter Marianne Brandt und in Zusammenarbeit mit einem weiteren Oldenburger, Hermann Gautel (1905–1945). Während des Direktorats von Hannes Meyer kamen einfache Möbel, sogenannte „Standardprodukte“ hinzu: der Arbeitshocker „me 1002“ aus verchromten Stahlrohr mit Sitzschale aus Sperrholz, ein etwas skurriler „Ein­federstuhl me 1004“, ein weiterer, wie klappbar erscheinender Stuhl, ein Hocker in experimentellem Metallguss, alle 1929/30 entworfen. Die drei Bauhaussammlungen Weimar, Dessau und Berlin inventarisieren zwar Belege, Person und Biografie Bredendiecks schienen jedoch keines vertieften Interesses wert.
Aus US-amerikanischer Perspektive ist Bredendieck ein Pionier nationaler Designpädagogik, denn er gehörte, auch das bislang wenig beachtet, zur Schar der Emigranten, die nach 1933 Ideen und Lehrmethodik des Bauhauses weltweit und wirkmächtig aufschloss. Ihm gelang es, das Berufsbild des US-amerikanischen Indus-trial Designer zu definieren und eine systematische Lehre zu entwickeln.
Die Beforschung des „ganzen Bredendieck“ war nur im internationalen Austausch und vor allem in der vertrauensvollen Zusammenarbeit mit seinen Nachfahren möglich. So konnte ein bedeutender Nachlassteil mit Dokumenten, Mitschriften, Entwürfen, Fotografien, Unterrichtsmaterialien und Briefen aus Familienbesitz nach Oldenburg kommen. Er ergänzt einen kleinen Bestand, den Bredendieck dem Bauhaus-Archiv Berlin überlassen hatte, sowie ein bislang weder verzeichnetes noch geordnetes Konvolut am Institute for Technology in Atlanta, seiner wichtigsten Wirkungsstätte in den USA. Erst mit seiner Berufung nach Atlanta 1952 konnte Bredendieck während seiner 19-jährigen Institutsleitung eine materialübergreifende, vierjährige Designlehre etablieren. Ehemalige Studierende beschreiben ihn als streng, humorlos und wortkarg, sei­ne wenigen, verwirrenden Vorlesungen wie die eines Zen-Meisters, ausschließlich zum eigenen Denken auffordernd.
Die Monografie schließt nicht nur wissenschaftliche Desiderate, sie stellt den Menschen Bredendieck ins Zentrum. Deshalb werden auch seine zwei Ehefrauen nicht übersehen, die Künstlerinnen Virginia Weisshaus, geborene Tooker (1904–1988), und Joan Saugrain (1921–2008). Tooker ist eine weitere, vergessene Bauhäuslerin, sie absolvierte dort 1931 den Vorkurs, interessierte sich für Fotografie und arbeitete als Schriftstellerin sowie Illustratorin.
Fakten
Autor / Herausgeber Gloria Köpnick
Verlag Hirmer Verlag, München 2020
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aus Bauwelt 13.2022
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