Haus Marlene Poelzig, Berlin
Abriss und Aufbruch
Text: Scheuermann, Anna, Offenbach
Haus Marlene Poelzig, Berlin
Abriss und Aufbruch
Text: Scheuermann, Anna, Offenbach
„Das Um- und Weiterbauen an bestehender Substanz ist vermutlich so alt wie das Bauen selbst – eine Praxis, die sich als anthropologische Konstante durch die Menschheitsgeschichte zieht.“ So hieß es in der Ankündigung eines Symposiums der Universität Stuttgart im November 2025. Doch für manches Gebäude reicht der kollektive Aufruf zum Erhalt nicht aus – stattdessen siegen Marktmechanismen gegen ökologische Fakten, das soziale Gewissen und die kulturelle Vielfalt. So geschehen ist es dem Wohnhaus der Familie Poelzig, das seit 1930 in der Tannenbergallee 28 im Berliner Westend stand, bevor es ab dem 1. November 2021 abgerissen wurde (Bauwelt 2.2021). Alle Bemühungen zum Erhalt des Gebäudes, besonders durch die kurz zuvor gegründete „Initia-tive Haus Marlene Poelzig“, die sich der Bedeutung von Marlene Poelzig als Bildhauerin, Designerin und Architektin widmet, waren vergeblich. Andererseits führten sie zu dem nun vorliegenden Buchprojekt „Haus Marlene Poelzig, Berlin – Abriss und Aufbruch“. Mit viel Sensibilität und Gespür für diverse Themen und Akteure rund um Entstehung, Nutzung, Umbau, Leerstand und Abriss des Gebäudes so-wie Zuversicht für einen kollektiven Veränderungswillen wird der Leser durch ein Jahrhun-dert deutscher Geschichte geleitet und auf die Zukunft vorbereitet.
Beginn und Ende des Buchs markieren klug gestaltete Collagen von schwarz-weiß-Fotografien aus der Entstehungszeit und aus dem Abrissjahr. Anschließend gibt es eine Führung in sechs Etappen durch Haus und Garten sowie auf die Straße, jeweils eingeführt durch auf Transparentpapier gedruckte Wege und Grundrisse sowie eine Beschreibung der jeweiligen Zeit-abschnitte durch die beiden Herausgeberinnen Hannah Dziobek und Hannah Klein. Darauf folgen mehrere Texte von Autoren, die teils konkret auf die Rolle von Marlene Poelzig bei Planung und Nutzung des Hauses abzielen, teils angrenzende Themen beleuchten.
Der Rundgang startet „Im Atelier von Marlene Poelzig“, wo ihr Werk eingeordnet und in das Archivieren eingeführt wird. Im nächsten Schritt geht es in das Arbeitszimmer von Hans Poelzig, in dem auf die Zusammenarbeit der Ehepartner und die Autorenschaft eingegangen wird. Der weibliche Blick und die Bedeutung von Care-Arbeit bestimmen den Garten-Abschnitt, während zurück „Im Wohn- und Speisezimmer“ über Diskriminierung und Gleichberechtigung diskutiert wird. Der Abschluss des Buchs mit „Unterm Dach“, über Denkmalschutz und Substanzwert, und „In der Ruine“, über Aktivismus und Protestkultur, bildet gleichzeitig die Grundlage für die Aktivierung und Motivation der Leserschaft für die Rettung ähnlich gefährdeter Bauten und die Aufarbeitung ähnlich komplexer Kunst- und Architekturgeschichten.
Somit ist dieses Buch ein Neuanfang, um ein kollektives Bewusstsein für unseren Baubestand zu schaffen und für den Erhalt einzustehen. Das im Buch integrierte Manifest für eine „Substanz-Gesellschaft“ definiert fünf Forderungen für das Reparieren, Verbessern, Weiterbauen und Fortschreiben des Bestehenden, an den sich seit 2024 weitere Initiativen und Akteure angeschlossen haben. Nun gilt es, die Inhalte und Forderungen des Buchs zu nutzen, um eine breite Basis in der Architektur und in der Gesellschaft zu bilden, auf der verschiedenartige demokratische Prozesse im lokalen, regionalen, nationalen und europäischen Kontext aufbauen können.







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