Das Schillermuseum in Weimar

Ein Stadtbaustein der Ostmoderne

Text: Kil, Wolfgang, Berlin


Das Schillermuseum in Weimar

Ein Stadtbaustein der Ostmoderne

Text: Kil, Wolfgang, Berlin

In Sachen Denkmalwürde rotieren die Wahrnehmungszyklen unerbittlich. Nach der Nierentisch-Ära wurden Spätmoderne und Brutalismus entdeckt, die Ostmoderne folgte mit leichter Verzögerung. Als nächstes steht dann wohl die Postmoderne auf der Agenda – hier allerdings mit der Einschränkung, dass zwischen Elbe und Oder (anders als bei den osteuropäischen Nachbarn) postmodernes Bauen so zögerlich in Schwung kam, dass bis zum politischen Untergang je­-nes „abgeschlossenen Sammelgebiets“ einfach nicht genügend Bauten entstanden, um heute eine süffige Theorie aus ihnen herzuleiten. Auf Typisierung trainierte DDR-Architekten hatten zum verspielten Zeitgeist der1980er Jahre ein eher skeptisches Verhältnis. Was nun nicht heißt, es hätte da keine einschlägigen Debatten gegeben, Zeitzeugen berichten von hochemotionalen Auseinandersetzungen. Immerhin sind PoMo-Manierismen hier und da vorgekommen. Umso wichtiger also, wenn ein markantes Vorzeige-Exem­plar einmal genügend Stoff abwirft für übergreifende Analysen.
Genau dieser Fall liegt mit dem Schillermuseum Weimar vor. Thüringens Klassikerstadt zählt zu jenen einschlägigen Orten, an denen eine hochschulbedingt überhöhte Architektendichte, bei aller sonstigen Provinzialität, baukulturellen Diskursen leichter zu überregionaler Resonanz verhilft. So auch geschehen im Jahr 1981, als, um das kleine originale Schiller-Wohnhaus von Touristen nicht vollends niedertrampeln zu lassen, ein Wettbewerb für ein separates Literatur-Museum ausgeschrieben wurde. Eingeladen waren allerelevanten Institutionen in der DDR, an denen noch über Architektur jenseits von Massenwohnungsbau nachgedacht wurde. Entsprechend kontrovers fielen die Einreichungen aus, der Jury bot sich praktisch ein Überblick sämtlicher damals in Weimar, Dresden und Ost-Berlin vertretenen Ästhetik-Positionen. Um sich – wiederum hochschulbedingt – auch im Lichte internationaler Stildebatten nicht zu blamieren, kam daraufhin landesweit eine Diskussion in Gang, die bis zur Baufertigstellung 1988 schließlich zu einem hybriden, in diverse nachbarschaftliche Kontexte tief eingewebten „Stadtbaustein“ führte, den sich zu Wettbewerbsbeginn so niemand hätte ausmalen können. Eine vielstimmige Schar unterschiedlichster Akteure hatte in ergebnis­offener Fachdebatte einen architektonischen Paradigmenwandel regelrecht „herbeidiskutiert“ (Simone Hain) – ein kulturell wie zivilgesellschaftlich höchst aufschlussreicher Prozess, in dem das reformbereite intellektuelle Klima in der späten DDR bis zum Vorabend der „Wende“ aufscheint und der sich sehr anschaulich aus den verschiedensten Quellen rekonstruieren lässt.
Die ehrgeizige Publikation versammelt eine Unmenge relevantes Material, erzählt die Vorgeschichte des originalen Schillerhauses als Museum, diskutiert den Denkmalwert des heute vierzigjährigen Neubaus und wagt sich, unter Hinzuziehung anderer „Verdachtsfälle“ aus Rostock, Halle oder Leipzig, sogar an die Etablierung einer spezifischen Postmoderne à la DDR. Dazwischen werden genüsslich Zeichnungen und Modellfotos ausgebreitet, die nach 1990 ausgeräumten musealen Inszenierungen der DDR-Zeit kommen noch einmal ins Bild, aber auch die in Ratlosigkeit dahindämmernden, zeitweise von Vandalismus bedrohten Interieurs im heutigen Zustand.
Ein Buch über ein Haus, dem deutlich mehr zu entnehmen ist als simple Lobeshymnen auf einen seinerzeit polarisierenden Architektenwurf. Leider hat die Hausherrin, ausgerechnet die Klassik Stiftung Weimar, für den Kulturwert ihres eingetragenen Baudenkmals keinen Sinn und verfügte kurz nach Erscheinen des Buches, dass durch hanebüchene Eingangsverlagerung dem prägnanten Fassadenbild empfindlichster Schaden zugefügt wurde.
Fakten
Autor / Herausgeber Klaus Aschenbach, Jürgen Beyer, Jürgen Seifert (Hrsg.)
Verlag M BOOKS, Weimar 2018
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aus Bauwelt 10.2019
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