Begegnungen mit Walter Gropius

in „The Architects Collaborative“ TAC

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig


Begegnungen mit Walter Gropius

in „The Architects Collaborative“ TAC

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

Es gibt ein Leben nach dem Bauhaus. Auch für Walter Gropius gab es weitere Lebens- und Karriereabschritte nach dem Rückzug aus Dessau. Erst, ab 1928, in seinem Berliner Büro, dann in der Emigration: 1934 nach England, 1937 in die USA.
Während Gropius’ Lehrtätigkeit an der Harvard Universität in Boston – er baute dort die Architekturabteilung auf, die Graduate School of Design, die auch der importierten Bauhauslehre zu internationalem Renommee verhalf – und sein bis 1941 mit dem Bauhaus-Kollegen Marcel Breuer betriebe­nes Architekturbüro bekannt sind, blieb sein späteres Wirken in dem programmatischen Architektenkollektiv TAC bislang eher unbeachtet. 1945, vom damals bereits 62jährigen Gropius mit fünf jüngeren Architekten und zwei Architektinnen auf die Beine gestellt, bestand das Kollektiv bis 1995, also 50 Jahre, weit über Gropius’ Tod 1969 hinaus. Deutschland verdankt diesem Büro mehrere Spätwerke Gropius‘ – etwa das Wohnhaus zur Interbau im Hansaviertel Berlin, dort auch die so bezeichnete Großsiedlung Gropiusstadt, im Fränkischen die Thomas-Glaswerke für die Rosenthal AG sowie das Bauhaus Archiv, erst für einen Standort in Darmstadt geplant, später in Berlin gebaut – das reserviert bis zwiespältig aufgenommen wurde und in den aktuellen Bauhausfeierlichkeiten keine Rolle spielt.
Der vorliegende Band befasst sich aus persönlicher Perspektive mit den früheren Jahren des Bürokollektivs. Autor Arnold Körte, bis 2001 Professor an der TU Darmstadt und weitläufig mit der Familie Gropius verwandt, kam nach abgeschlossenem Architekturstudium im Herbst 1960 aus München in die USA, machte in Harvard seinen Master und arbeitetet vom 1962 bis 1964 bei TAC. Danach folgten, nun aus Kanada, regelmäßige Besuche bei Gropius und Korrespondenzen bis zu dessen Tod. Die Schilderungen Körtes sind von einer Euphorie der Arbeit bei TAC und hoher Sympathie für die Person Gropius beseelt, was sie anekdotenreich und sehr kurzweilig lesbar macht, ihrem Wahrheitsgehalt sollte man vielleicht nicht immer trauen. Körte war als Entwerfer und Zeichner handgemachter Renderings, teils im Stile von Helmut Jacoby, an mehreren Bauvorhaben beteiligt, seine Tätigkeit wird durch eigenes Archivmaterial bebildert.
Die sieben TAC-Gründungsmitglieder kannten sich über berufliche Beziehungen, nicht primär durch Studien- oder private Kontakte zu Gropius. Die beiden Frauen (und Ehepartnerinnen zwei­er Architekten) waren Absolventinnen der Cambridge School of Architecture and Landscape Architecture, einer der Harvard Universität assoziierten Designschule für Frauen. Alle brachte die Idee eines „idealen“ Büros zusammen, das künstlerisch interdisziplinär ausgerichtet sein sollte. Hier kam dann „Grope“, so der von Gropius akzeptierte Spitzname in den USA, ins Spiel. Die Gruppe suchte einen senior practitioner, der den für Bauherren und Aufträge nötigen Status zu repräsentieren vermochte, aber nicht als master builder alter Schule, sondern moderner team player, der den Gedanken kollektiver Autorschaft selbstverständlich mittrug. Diese Aufgabe war vielleicht dem Direktorat des Bauhauses nicht ganz unähnlich und Gropius wohl angenehm.
So unterschiedlich und durchaus egomanisch die einzelnen Mitglieder des Kollektivs waren, so weit verstreut waren lange Zeit auch die Arbeitsstätten, bis 1965 auf wenigstens drei verschiedene Standorte in Cambridge. Gropius residierte im Erdgeschoss eines translozierten New England-Altbaus, das undichte Schiebefenster mit einer bestickten Wolldecke, ganz in Altberliner Art, gegen Zugluft abgedichtet. Er führte die Jungkollegen an der langen Leine, und auch in den Projektteams, die den sieben Partnern zugeteilt waren, muss eine jeweils eigene, ungezwungen individualistisch kollegiale Arbeitsatmosphäre geherrscht haben. Trotz aller persönlichen Eigenheiten wirkte TAC als Cambridge Modern stilbildend in die US-Moderne, entwickelte in seiner reifen Phase der 1960er Jahre einen distinguierten Kanon aus gut proportionierten Baumassen unter frei schwebenden, massiven Dachplatten, mit hellen Stahlbetontragkonstruktionen und partiell eingesetztem Mauerwerk. Sichtbeton wurde werksteinmäßig veredelt, das bush-hammering (Stocken) zum Markenzeichen von TAC, ebenso sorgfältig gerundete Kanten. Heute übliche Trockenbaukaschierungen waren verpönt, Haustechnik bis hin zu Steckdosen und Beleuchtungsauslässen wurde sorgfältig in die Massivbauteile integriert. Gerade kleinere Bauten wurden so zu fotogenen Kabinettstücken hoher Detailierungs-und Materialkultur.
Eine unaufhaltsame Expansion tat dem Büro nicht gut, nach dem Tod Gropius’ verschob sich das Auftragsspektrum zu kommerziellen Großbauten. Als globaler Akteur mit etwa 400 Mitarbeitern und Zweigbüros unter anderem in Rom und Kuwait erlebte TAC durch ökonomisch riskantes, langjähriges Engagement in Nahost und Nordafrika ein abruptes Ende im April 1995, eine Folge des Zweiten Golfkriegs. Und das Bauhaus? Es soll fast nie Thema, geschweige denn Referenzrahmen bei „The Architects Collaborative“ gewesen sein.
Fakten
Autor / Herausgeber Von Arnold Körte
Verlag Gebr. Mann Verlag, Berlin 2019
Zum Verlag
aus Bauwelt 10.2019
Artikel als pdf

0 Kommentare


Ihr Kommentar






loading
loading

14.2019

Das aktuelle Heft

Bauwelt Newsletter

Immer Freitags: das Wichtigste der Woche. Dazu: aktuelle Jobangebote, Auslobungen und Termine.