Zuschreibungen

Die Architekturzeitschrift Arch+ beschäftigt sich mit dem wichtigen Thema Rechter Räume. Problematisch sind aber die politischen Zuschreibungen.

Text: Geipel, Kaye, Berlin

Touristen auf dem Walter-Benjamin-Platz mit Blick zum Boden, auf der Suche nach dem Zitat von Ezra Pound: „Bei Usura hat keiner ein Haus von gutem Werkstein. Die Quadern wohlbehauen, fugenrecht, dass die Stirnfläche sich zum Muster gliedert.“
Foto: Tobias Abel

Touristen auf dem Walter-Benjamin-Platz mit Blick zum Boden, auf der Suche nach dem Zitat von Ezra Pound: „Bei Usura hat keiner ein Haus von gutem Werkstein. Die Quadern wohlbehauen, fugenrecht, dass die Stirnfläche sich zum Muster gliedert.“

Foto: Tobias Abel


Zuschreibungen

Die Architekturzeitschrift Arch+ beschäftigt sich mit dem wichtigen Thema Rechter Räume. Problematisch sind aber die politischen Zuschreibungen.

Text: Geipel, Kaye, Berlin

Rechts und links sind klare Kategorien der räumlichen Orientierung und lassen wenig Spielraum für persönliche Interpretation. Das ist gut so, sonst könnten wir keine Straße gefahrlos überqueren. Die Diskussion um „Rechte Räume“, die in der Ausgabe 235 der Arch+ angestoßen wurde, versteht Stadtraum hingegen dezidiert politisch und stellt Architekten und Stadtplaner, die mit „Rekonstruktivismus“ – Beispiel Neue Frankfurter Altstadt – in Verbindung gebracht werden können, in die äußerste rechte politische Ecke. Die entsprechenden Zuschreibungen in dem Heft sind eindeutig: Hans Kollhoff wird ob seines Berliner Walter-Benjamin-Platzes von 2001 und des dort eingelassenen Zitats des amerikanischen Schriftstellers und Freund der italienischen Faschisten Ezra Pound zu einem Architekten, der „das Sagbare zunehmend nach rechts verschoben hat“ (Seite 222); die „Düsseldorfer Erklärung“ des Instituts für Stadtbaukunst von Christoph Mäckler und Wolfgang Sonne, zu der man sich mit guten Gründen kritisch positionieren kann, wird zu einem „Hort der reaktionärsten Kräfte des deutschen Architektur- und Stadtdiskurses“ (Seite 3); das Etikett einer „Beförderung reaktionärer Tendenzen“ bekommt Wolfgang Voigt, ehemals stellvertretender Direktor des DAM, umgehängt (Seite 11); Harald Bodenschatz und Hans Stimmann wird zugeschrieben „das populistische und sozial neutralisierte Geschäft identitärer Stadtentwicklung (zu) betreiben (Seite 10); der Bundesstiftung Baukultur wird unter der Überschrift „Baukulturelles Engagement als identitätspolitische Strategie“ (Seite 220) ein „intendiert allgemeinverbindlicher Begriff der Baukultur“ attestiert.
Diese Zuschreibungen erfolgen, so steht es in der Einführung des Heftes, im Zuge einer „notwendigen Repolitisierung der Debatte“: Zwar gäbe es, so gesteht der Stuttgarter Architekturtheoretiker Stephan Trüby zu, der das Heft initiiert hat, keine per se „rechte Architektur“. Aber es gehe um die „Sprechakte“ der Architekten. Gemeint sind Äußerungen der Architekten zu ihrer Architektur, die auch dort, wo sie sich selbst politisch anders positionieren würden, „mal bewusst, mal unbewusst“ als willige Helfer des rechten Denkens tätig seien. Ein solches Containermodell der Kommunikation, bei dem auf der einen Seite festgelegt wird, wer wo steht, und die Betroffenen mit diesen Zuschreibungen dann herumlaufen müssen, verhärtet Positionen und vermischt die politische Haltung von Architekten mit der politischen Auslegeordnung ihrer Architektur.
Viele Beiträge der ARCH+ -Ausgabe decken hinter der rahmenden Polemik eine solide und wichtige Recherche zur Verquickung von Architekturästhetik, Stadt und Rechtspopulismus auf, wie etwa der Beitrag von Andreas Rumpfhuber zur Situation in Österreich, der unter anderem beschreibt, in welcher Form öffentliche Räume als Auftrittsort einer extremen Rechten genutzt werden und wie die FPÖ die Bewohner des Wiener Gemeindewohnungsbaus zu Modernisierungsverlierern deklariert und damit eine Neiddebatte entfacht. Das gilt auch für den exzellenten Text von Sebastian Chwala über die (finanziellen) Abstiegsängste französischer Einfamilienhausbesitzer in Vorstädten, die den Erfolg des Front National miterklären können – während der Front im selben Augenblick dabei ist, den sozialen Wohnungsbau zu untergraben.
Dass dabei jedoch auch durchaus unscharf mit politischen Etikettierungen argumentiert wird, um eine Beweisführung dorthin zu bringen, wo man sie schließlich haben will, zeigt der Beitrag von Verena Hartbaum (Seite 225), der den Architekten vom Walter-Benjamin-Platz in eine gedankliche Nähe zu der 2003 in Italien gegründeten neofaschistischen Bewegung „CasaPound“ setzt: „Natürlich gibt es keine Kausalverbindung zwischen Kollhoffs unauffälligem Pound-Zitat und der neofaschistischen CasaPound, aber die ideelle Nähe ist dennoch kein reiner Zufall.“ Denn, so schreibt die Autorin weiter, der Architekt würde wie die italienische Partei seine kapitalismuskritischen Argumentationen nicht begründen, im Gegenteil: am Walter-Benjamin-Platz sei die „exkludierende, segregierende Wirkung der gegenwärtigen Ökonomie abzulesen.“ Kein Zweifel dass mit gediegen-historisierender Architektur heute Wertsteigerungen im globalen Immobi­lienmarkt erzeugt werden. Das von Kollhoff ausgewählte Pound-Zitat zeigt dabei eine grobe Ignoranz gegenüber den segregierenden Produktionsbedingungen von Architektur gerade im Wohnungsbau. Aber daraus ist kein Neofaschismus abzuleiten.
Das Thema „Rechte Räume“ ist heute mehr als virulent. Dafür stand in den letzten Wochen ein überall publiziertes Bild, auf dem Haus und Terrasse des von einem Rechtsterroristen erschossenen Walter Lübcke zu sehen war. Rote Absperrbänder der Polizei als Zeichen eines rechten Raums, in dem der Staat keine Sicherheit garantiert hat. Ein rechtsfreier Raum, zu dem man auch die öffentlichen Räume in verschiedenen Städten zählen muss, in denen sich Migranten Abends nicht mehr auf die Straße trauen.
Hier sind die Zuschreibungen „Rechter Räume“ dringend nötig. Nicht aber bei einem Platz in der Mitte von Charlottenburg, der zur Zeit vermehrt von Fachtouristen heimgesucht wird, die den Platz mit gezücktem Iphone auf der Suche nach der indizierten Schrift absuchen.
„Die Gefahr der rechten Propaganda“, so schreibt Stephan Trüby, „gehe nicht vom explizit Geschriebenen aus, welches zu Recht von der Meinungsfreiheit gedeckt wird, sondern von dem trickreichen Überbande-Spielen mit revisionistischen Inhalten im kulturellen Feld, mit dem rechte Terraingewinne auch in der Mitte der Gesellschaft erzwungen werden.“ Dieser Beobachtung stimmen wir zu. Nicht aber einer Methodik, mit der Architekten und Stadtplaner, die sich mit einer historisierenden Architektur aus­einandersetzen, in die rechte, identitäre oder faschistische Ecke gerückt werden.

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