Zukunft amtlich

Verwaltung als Vorbild? In Wiesbaden soll ein städtisches Bürogebäude entstehen, das klimaneutral, nachhaltig, langlebig und in seinen Grundrissen variabel ist.

Text: Crone, Benedikt, Berlin

    1. Preis Unten Stahlbeton, oben Holz: der aufgeständerte Verwaltungsbau von Die­trich | Untertrifaller Architekten an der Konradiner­allee.
    Abb.: Architekten

    1. Preis Unten Stahlbeton, oben Holz: der aufgeständerte Verwaltungsbau von Die­trich | Untertrifaller Architekten an der Konradiner­allee.

    Abb.: Architekten

    Dietrich | Untertrifaller Architekten entwar­fen einen die Straße begleitenden Büroriegel, neben den sie ein einfaches Systemparkhaus mit Rank­vorrichtung als Fassade setzten.
    Abb.: Architekten

    Dietrich | Untertrifaller Architekten entwar­fen einen die Straße begleitenden Büroriegel, neben den sie ein einfaches Systemparkhaus mit Rank­vorrichtung als Fassade setzten.

    Abb.: Architekten

    Hinter dem langgestreckten Baukörper soll ein grüner Hof mit Wasserbecken für Mitarbeiter, Besucher und Kinder einer Kita entstehen.
    Abb.: Architekten

    Hinter dem langgestreckten Baukörper soll ein grüner Hof mit Wasserbecken für Mitarbeiter, Besucher und Kinder einer Kita entstehen.

    Abb.: Architekten

    Abb.: Architekten

    Abb.: Architekten

    2. Preis Steimle Architekten planten einen L-Förmigen Baukörper mit offenem Zwischengeschoss, das als Parkdeck oder Arbeits- und Eventfläche dient.
    Visualisierung: VIZE

    2. Preis Steimle Architekten planten einen L-Förmigen Baukörper mit offenem Zwischengeschoss, das als Parkdeck oder Arbeits- und Eventfläche dient.

    Visualisierung: VIZE

    Plan: Architekten

    Plan: Architekten

    ein 3.Preis Birk Heilmeyer und Frenzel entwarfen eine durch Loggien aufgelockerte Rasterstruktur,
    die in ihrer Leichtigkeit an die Nachkriegsmoderne erinnert – ausgeführt in Holz.
    Abb.: Architekten

    ein 3.Preis Birk Heilmeyer und Frenzel entwarfen eine durch Loggien aufgelockerte Rasterstruktur,
    die in ihrer Leichtigkeit an die Nachkriegsmoderne erinnert – ausgeführt in Holz.

    Abb.: Architekten

    Abb.: Architekten

    Abb.: Architekten

    ein 3. Preis Die Spanier Temperaturas Extremas Arqui­tectos setzten auf einen in sich verschachtelten Baukörper, der mittig durch einen atriumartigen Erschließungkern geteilt und belichtet wird.
    Abb.: Architekten

    ein 3. Preis Die Spanier Temperaturas Extremas Arqui­tectos setzten auf einen in sich verschachtelten Baukörper, der mittig durch einen atriumartigen Erschließungkern geteilt und belichtet wird.

    Abb.: Architekten

    Abb.: Architekten

    Abb.: Architekten

Zukunft amtlich

Verwaltung als Vorbild? In Wiesbaden soll ein städtisches Bürogebäude entstehen, das klimaneutral, nachhaltig, langlebig und in seinen Grundrissen variabel ist.

Text: Crone, Benedikt, Berlin

Das 20. Jahrhundert war eine Ära der Verwaltung. Die Geschicke des Landes, die Träume jedes Einzelnen, selbst Kriege hingen von Papieren ab, die Menschen in Amtsstuben ausstellten oder verweigerten. Freilich waren diese Menschen keine Könige, sondern führten aus, was Menschen an anderen Schreibtischen zu Papier gebracht hatten. Entsprechend feierten ihre Büroschlösser nicht die Verherrlichung des einen Entscheiders, sondern mit der großen Zahl an Fensterachsen und Flurmetern die egalitäre Bedeutsamkeit der dort ihr Rädchen drehenden Beamten.
Im 21. Jahrhundert ist die Epoche der Verwaltung noch lange nicht vorbei. Doch erste Amtsabläufe werden (tatsächlich!) ins Digitale verlagert. Auch der oft übersehene Platzanspruch der Behördenlandschaft kann heute – man beachte Ressourcenverbrauch und Flächenversiegelung der Bürokomplexe – nicht mehr ignoriert werden.
Dass ein Verwaltungsgebäude Vorbildcharakter haben sollte, auch für die private Dienstleistungsgesellschaft, davon ist man zumindest in Wiesbaden überzeugt. Die hessische Landeshauptstadt führte in diesem Jahr einen nichtoffe­nen Realisierungswettbewerb für den Neubau eines Bürogebäudes durch. Der Neubau sollte so flexibel entworfen sein, dass er eine ungeklär­te Zahl an Behörden aufnehmen und bei weniger Bedarf Büroflächen und Gewerberäume im Erdgeschoss an private Mieter abtreten kann. Einen besonders hohen Anspruch stellte die Stadt Wiesbaden, in der seit 2019 Klimanotstand herrscht, aber an die Nachhaltigkeit des Gebäudes. Wer den Anforderungskatalog der Auslobung liest, sieht die ökologische Quadratur des Kreises vor sich: PkW-Stellplätze ja, aber nicht zu viel versiegeln, Dachbegrünung ja, aber auch Platz für Solarzellen lassen, klima-freund­liche Materialien verwenden, aber auch die Wirtschaftlichkeit und Instandhaltungskosten des Gebäudes auf einen Lebenszyklus von 50 Jahren im Blick behalten.
Bemerkenswert ist dieser Anspruch hinsichtlich der Lage der Baufläche südöstlich des Zen­t­rums. Das als Parkplatz genutzte Eckgrundstück grenzt an einen Verkehrskreisel der Weidenbornstraße und Konradinerallee. Im Wes­ten stehen bereits Behördenriegel, im Süden erstreckt sich ein Gewerbegebiet, und im Osten wechseln streifenweise Schrebergärten mit Stadtrandhäuschen. Sich in diesem Gemenge, das bei vielen nurein Achselzucken hervorru­fen würde, nicht für die einfache Lösung eines banalen Zweckbaus zu entscheiden, ist der Ausloberin anzurechnen. Entwürfe, die dem Wunschkatalog dann auch entsprechen, hatten wiederum die 17 Wettbewerbsteilnehmer zu zaubern.

Frischluftzimmer und Gräserlandschaften

Ausgezeichnet wurden von der Jury zwar offenkundige Verwaltungsbauten, die jedoch in neuem Gewand daherkommen, als hätte die Architektur der 60er Jahre die Öko-Ästhetik der Gegenwart für sich entdeckt. Birk Heilmeyer und Frenzel Architekten erhielten mit bäuerle landschaftsarchitektur + stadtplanung einen von zwei dritten Preisen für einen L-förmigen Baukörper, dessen fünfgeschossiger Büroteil auf einer schlanke Holzskelettkonstruktion mit Holz-Beton-Verbund-Decken basiert. Der Riegel wird von profiliertem Blech – auf der Visualisierung in markantem Mintgrün – bekleidet und in wechselnden Abständen von zweigeschossigen Loggien als berankte „Frischluftzimmer“ zur Stra­-ße geöffnet. Die Stellplätze für Autos und Räder sind in einem angegliederten Stahlbetonbau verstaut, um im Hof Platz für Grünflächen zu lassen.
Die wichtige Stellplatzfrage löste der Entwurf von Steimle Architekten mit Möhrle + Partner Landschaftsarchitektur (zweiter Preis) kreativer: durch ein offenes, die gesamte Gebäudeerscheinung prägendes Zwischengeschoss als Parkdeck. Dort lassen sich die Autos hinter ei­-ner Wand aus Balkon- und Kletterpflanzen verstecken. Ein Schelm, wer hierbei an das sprichwörtliche Feigenblatt denkt. Denn auch sonst soll der Neubau der Nachhaltigkeit frönen, durch eine Hybridkonstruktion aus Recycling-Beton (Tragwerk) sowie Holz (Ausbau und Fassade), einen großen Dachgarten mit Solartechnik plus Regenwasserretention, eine Querlüftung im Bau und einen begrünten Innenhof mit Sickerungsmulden. Trotz des Parkdecks bedarf es jedoch auch im Hof noch Stellplatzflächen für Besucher. Und ausgerechnet am ökologischen Effekt des Parkgeschosses äußerte die Jury ihre Zwei­-fel: Die offene Ebene sorge für ein ungünstiges Oberfläche-zu-Volumen-Verhältnis und erhöh­-ten Heizbedarf; Steimle Architekten dagegen betonen die bessere Durchlüftung des Areals durch das offene Geschoss (die Gegend leidet tatsächlich besonders unter dem Wärmeinsel­effekt).
Dem Gewinner Dietrich | Untertrifaller Architekten mit Storch Landschaftsarchitektur gelang ein leichtfüßiger Entwurf: ein aufgeständerter Büroriegel, hinter dessen Durchbruch im teilverglasten Erdgeschoss ein „verwunschener Garten“ mit „wilder Blüten- und Gräserlandschaft“ samt Wasserbecken wartet. Das Erdgeschoss und die Erschließungskerne sind massiv geplant, die vier Obergeschosse als reiner Holzbau mit Massivholzdecken und einer vorgehängten Holzfassade. Aufgeständert und mit dem Rhythmus der Fassade erinnert der Entwurf ein wenig an ein Wiesbadener Vorbild: das SOKA-Verwaltungsgebäude von Thomas Herzog Architekten und Latz + Partner aus dem Jahr 2003.
Neben dem Büroriegel entstünde ein einfaches Systemparkhaus, das wieder rückgebaut werden kann „nach der Verkehrswende“ (wann auch immer diese Ära anbricht, sie wird offenbar ohne parkende E-Autos sein). Und auch bei diesem Parkhaus sollen die Autos und Räder hinter Grün verschwinden, genaugenommen einer als Rankhilfe fungierenden Fassade aus Stahlseilen. Das Preisgericht lobte den „städtebaulich überzeugenden“ Baukörper des Riegels, die Offenheit der Erdgeschosszone und die Gestalt des Betontischs, der durch seinen Überstand „zum Verweilen“ einlade. Auch die große Treppe an der Straßenecke könnte „als informeller Treffpunkt“ dienen – was zumindest aus der Ferne die Frage aufwirft, ob es eines solchen Treffpunkts an diesem Ort tatsächlich braucht.
Vor allem aber lässt sich bei dem Entwurf auf eine weitere, die Nachhaltigkeit fördernde Eigenschaft hoffen: auf die Schönheit eines einfachen Bürogebäudes, das man auch in einer Zeit des Homeoffice gerne länger in Nutzung hält.
Nichtoffener Realisierungswettbewerb
1. Preis
(63.500 Euro) Dietrich | Untertrifaller Architekten, München; Storch Landschaftsarchitektur, Dresden
2.Preis (50.000 Euro) Steimle Architekten, Stuttgart;
Möhrle + Partner, Stuttgart
ein 3. Preis (27.500 Euro) Birk Heilmeyer und Frenzel, Stuttgart; bäuerle landschaftsarchitektur, Stuttgart
ein 3. Preis (27.500 Euro) Temperaturas Extremas Arqui­tectos – amann-cànovas-maruri, Axtu Amann, Madrid
Fachpreisgericht
Mikala Holme Samsøe (Vorsitz), Eike Becker, Matthias Fuchs, Ferdinand Heide, Peter Maurer, Franz Reschke
Ausloberin
Landeshauptstadt Wiesbaden
Wettbewerbsbetreuer
goedeking architekten, Frankfurt a. M.

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