Warum sagt Brüssel plötzlich „Bauhaus“?

Vom Nowy Europejski Bauhaus zum Novo Bauhaus Europeu

Text: Geipel, Kaye, Berlin

    Gelandet! Container des Künstlers Luc Deheu am Brüsseler Boulevard Pachecho
    Foto: Jean-Marc Pierard, Alamy Stock Photos

    Gelandet! Container des Künstlers Luc Deheu am Brüsseler Boulevard Pachecho

    Foto: Jean-Marc Pierard, Alamy Stock Photos

    Agriculture Ein internationales Geographenteam hat 2014 auf knapp 200 Karten versucht, die drastischen Unterschiede in den europäischen Ländern in Form von „atmenden Geometrien“ darzustellen. Die drei abgebildeten Karten zeigen, wieviel Leute prozentual in der Landwirtschaft, der Indus­trie und der Dienstleistungsbranche arbeiten.
    Abb.: Dallas, Dorling, Henning: The Social Atlas of Europe, Bristol 2014

    Agriculture Ein internationales Geographenteam hat 2014 auf knapp 200 Karten versucht, die drastischen Unterschiede in den europäischen Ländern in Form von „atmenden Geometrien“ darzustellen. Die drei abgebildeten Karten zeigen, wieviel Leute prozentual in der Landwirtschaft, der Indus­trie und der Dienstleistungsbranche arbeiten.

    Abb.: Dallas, Dorling, Henning: The Social Atlas of Europe, Bristol 2014

    Industry
    Abb.: Dallas, Dorling, Henning: The Social Atlas of Europe, Bristol 2014

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    Abb.: Dallas, Dorling, Henning: The Social Atlas of Europe, Bristol 2014

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    Abb.: Dallas, Dorling, Henning: The Social Atlas of Europe, Bristol 2014

Warum sagt Brüssel plötzlich „Bauhaus“?

Vom Nowy Europejski Bauhaus zum Novo Bauhaus Europeu

Text: Geipel, Kaye, Berlin

Das Neue Europäische Bauhaus ist ein couragiertes Programm aus Brüssel für eine CO2-neutrale Architektur, das die 27 Mitgliedsländer zu einer Erneuerung ohne strikte Vorgaben ermutigen will. Im Kern bleibt es aber eng an ein technologiegetriebenes Verständnis des Green Deals gebunden und blendet die Notwendigkeit, die europäische Stadt auch sozial weiterzuentwickeln, weitgehend aus. Ohne eine bessere Kooperation mit den bestehenden europäischen Initiativen, die auf diesem Gebiet seit langem tätig sind, bleibt das Neue Europäische Bauhaus ein Rumpfprojekt.
Ein befreundeter Architekt macht mit seinen Gästen folgendes Spiel. Nach dem Abendessen legt er Papier und Bleistift auf den Küchentisch und bittet: „Augen schließen und an Europa denken.“ Dann dürfen die Gäste die Augen wieder öffnen und den Kontinent zeichnen, wie sie ihn sich vorstellen. Weitere Vorgaben gibt es keine. Als ich vor Jahren schon an solch einem Spiel teilnahm, blieb meine Skizze unvollständig. Ich hatte in der Mitte dicke Länder-Pakete ineinandergeschoben und dann eine Reihe mich animierender Zipfel wie Sizilien, Spitzbergen, Kreta und Zypern mit langen Linien an diese Mitte angebunden. Mit seinen stacheligen Rändern ähnelte die Zeichnung einer Corona-Virusvariante, allerdings brach sie auf östlicher Seite unvermittelt ab. Heute eine größere Genauigkeit: Erst die täglich in den Nachrichten präsentierten Karten des Kriegsverlaufs in der Ukraine haben mein mentales Europa nach Osten erweitert.
Eingeprägt hat sich mir damals der Moment, in dem ich die Augen schloss. Karten sind Repräsentationen von Realität und als solche immer auch subjektive Konstrukte. Von welchem Konzept gehen wir aus, wenn wir über Europa sprechen? Ganz einfach von einem geographischen Ensemble von 47 Ländern mit ihren jeweiligen Grenzen? Von sprachlichen Nachbarschaften und entsprechend kommunizierenden Wolken? Von gesellschaftspolitischen Ereignissen, wie sie sich in den variablen Bauformen nationaler Parlamentsgebäude spiegeln? Oder dokumentieren wir als Journalisten europäische Differenz, indem wir Kolleginnen aus den Nachbarländern um Texte für einen Sammelband bitten, so wie es Hans Magnus Enzensberger mit dem Ausruf „Ach Europa!“ vor dem Fall der Mauer noch in eigener Person getan hat?1 Die drei Abbildungen auf der nächsten Seite sind Teil eines aufwendigen, 2014 erstellten „Social Atlas of Europe“. Ein internationales Geographenteam hat auf knapp 200 Karten versucht, die drastischen Unterschiede der sozialen, kulturellen, ökonomischen und räumlichen Lebenswelten in Europa so darzustellen, dass sich diese in einer speziellen Geometrie widerspiegeln. Entstanden sind Länderprojektionen, die sich je nach thematisch betroffener Bevölkerung dehnen oder schrumpfen. Nur die angrenzenden Nachbarschaften bleiben gewahrt. Entstanden ist ein Versuch, für immer schon schwer vergleichbare Realitäten neue Abbilder zu finden.
Gibt es eine europäische Architektur?
Auch das „Neue Europäische Bauhaus“, kurz NEB genannt, ist solch ein mit Bedeutung vollgepacktes Konstrukt. Sein ambitioniertes Ziel: dem in Brüssel vereinbarten Green Deal in den Mitgliedsländern der EU auf die Sprünge zu helfen. Als Pate dient dabei das Bauhaus, eine mehr als 100 Jahre alte Architektur- und Kunstbewegung, die in ihrem Ansatz, der Transformation der Gesellschaft eine Form zu geben, so erfolgreich war, dass sie nicht selten mit der Moderne des frühen 20. Jahrhunderts gleichgesetzt wurde.
Die Fallstricke bei einer saloppen Verwendung einer längst kanonisierten Architektur- und Kunstbewegung sind offensichtlich: Lässt sich heute überhaupt noch von einer „europäischen Architektur“ sprechen, ohne in die Falle eines überkommenen eurozentrischen Geschichtsverständnisses von Architekturstilen zu tappen? Und bietet der in der Architekturtradition des 20. Jahrhunderts gründende Bauhaus-Begriff wirklich einen Hebel beim Umgang mit den multiplen, kaum mit damals vergleichbaren Gegenwartskrisen?
Der 2020 an Covid verstorbene italienische Architekt Vittorio Gregotti hat sich vor Jahren Gedanken gemacht, ob es so etwas wie eine über Grenzen hinweg wirksame, gesellschaftliche Relevanz einer „europäischen Architektur“ gibt. Er hat deren Elemente im Lauf der Jahrhunderte in einem Essay 2 herausgearbeitet. Gregotti skizziert ein Ensemble von wichtigen Merkmalen – etwa die Nutzungsmischung und das Wohnen in städ­tischen Kontexten –, die aus der ständigen Konfrontation regionaler und nationaler Divergenzen immer neue Formen ausbilden konnten, angestoßen durch eine „diagonale Transmigration der Ideen“. „Diagonal“ steht hier als Metapher für einen kulturellen Austausch, bei dem nationale Ländergrenzen kaum eine Rolle spielen. Für die Bewältigung der heutigen Klimakrise besonders bedeutsam dürfte Gregottis Feststellung sein, dass die „räumliche und soziale Modellierung (Gestaltung) des Territoriums“ immer schon zu den Kernaufgaben einer europäischen Architektur gehört habe. Die polyzentrische Stadtstruktur Europas, die in dieser Dich-
te nirgendwo sonst auf der Welt zu finden sei, sei nur möglich gewesen, weil Architektur immer auch als Teil eines größeren räumlichen Netzes verstanden wurde. Auch die beispiellose Qualität öffentlicher Räume, heu-te ein Trigger für Europas Attraktivität als Tourismusziel, sei ein Ergeb­nis einer gestaltenden Raumauffassung, die nicht an den Stadtgrenzen endet. Das alles sind Voraussetzungen, auf die das NEB auch heute gut bauen kann. Die lokalen Kreisläufe der Circular-City-Konzepte, die nie ohne eine gut durchdachte Abstimmung und Kooperation in weiter entfernte Räume funktionieren, können an diese Eigenschaften anknüpfen. Allerdings hat die aufeinander abgestimmte ökologische, soziale und räum­liche Gestaltung des Territoriums heute ernste Gegner. Bedroht wird sie etwa vom systematischen Aufkauf ländlicher Räume durch globale An­leger, gemeinhin als landgrabbing bezeichnet. Diese Spekulationen betrachten den Boden als Investment, nicht aber als Transformationspotenzial für gemeinsam mit den Nachbarregionen konzipierte grüne und blaue Raumsysteme. Diese Ressourcenvernichtung engt die Spielräume der Kommunen unwiederbringlich ein.
Bedroht wird sie aber auch durch demographische Entwicklungen. Je mehr Mobilität einer Gesellschaft abverlangt wird, desto lockerer und unverbindlicher werden die langfristigen Bindungen der Bewohner an die Entwicklung ihrer Herkunftsorte. Engagement für das eigene Wohnumfeld gibt es heute vor allem als interessen- und projektgebundene private Initiative, die sich einen Weg durch den Spekulationsdschungel schlägt, während gestiegene Land- und Immobilienpreise neue Ortsbindungen erzwingen. Was es weit weniger gibt, ist eine von Generation zu Generation getragene Identifikation mit einer Landschaft und mit dem Einsatz für die Weiterentwicklung ihrer baulichen und sozialen Infrastrukturen.
Warum sagt Brüssel plötzlich „Bauhaus“?
Die Initiatoren des Neuen Europäischen Bauhauses wischen solche Zweifel und Einwände an ihrem „Gesamtkonzept“ mit einer ansteckend naiven und für eine Brüsseler Behörde überraschend wagemutigen Antwort beiseite. Sie verweisen einfach top-down auf die existierenden Bottom-up-Initiativen und -Projekte, mit denen dem Green Deal vergleichbare Ziele in den 27 Mitgliedsstaaten bereits umgesetzt werden und holen diese als Vorbilder für weitere solcher Projekte in ihr Europäisches Bauhaus genanntes Boot. Unbestreitbar ist die Marke des New European Bauhaus bereits zu einer wirkungsvollen Chiffre geworden. Verwendet wird das Lehnwort inzwischen in vielen Nachbarländern, eingebettet in die Adjektive der Nehmersprachen. So gibt es ein Nowy europejski Bauhaus, ein Νέο ευρωπαϊκό Bauhaus, ein Novo Bauhaus Europeu, ein Nya europeiska Bauhaus usw. Ob es politisch klug war, dass eine deutsche Komissionspräsidentin für eines ihrer wichtigen Transformationsprojekte einen Germanismus in die Runde schickt, ist eine andere Frage. Architektinnen und Planer aus den nicht-deutschsprachigen Ländern reagieren auf Nachfrage, was sie mit dem Namen verknüpfen, schon mal mit irritiertem Achselzucken. Zugestanden wird dann, dass das originale Bauhaus mit seinem Bekanntheitsgrad ein cleverer Marketinghebel sei und das Konzept des heutigen Programms kaum etwas mit dem Erbe von Weimar und Dessau zu tun habe.
Wieviel Ästhetik braucht der Green Deal?
Gut gewählt ist das Lehnwort Bauhaus wegen der kulturellen Aufwertung, die es den gestalterisch meist wenig populären grünen Bautechnologien um die Schultern legt – sieht man einmal von Stefano Boeris mit Bäumen zugestellten Mailänder Hochhausfassaden ab, die es noch in fast jeden Zeitungs-Sonderteil zur grünen Erneuerung geschafft haben. Die Projekte des NEB stehen damit auch für eine erste beispielhafte Umsetzung des Pakets von Klimagesetzen ein, das 2021 von der EU unter dem Namen „Fit for 55“ verabschiedet wurde. Dieses Gesetzespaket macht gehörig Druck: Bereits bis 2030 sollen die Mitgliedsländer 55 Prozent weniger Treibhausgase verbrauchen und fast die Hälfte davon fällt im Bausektor an.
Das rührige Beraterteam Ursula von der Leyens hat sich deshalb eine Art Riesengießkanne einfallen lassen, mit der man alles ein bisschen wässern, düngen und fördern will, was unter dem Segel der CO2-Freiheit daherkommt. Dabei geht es nicht nur um Architektur, gefördert wird jede Form von produzierter Umwelt, vom biodiversen Spielplatz bis zur digitalen Verbrauchskontrolle. Das macht auch der auf Technologie und Managementqualitäten orientierte Beratungsstab deutlich, der für den EU-Forschungs- und Innovationsplan einsteht 3. Architekten sind in diesem langfristig arbeitenden Team nicht mit von der Partie. Präsent sind sie als Mitglieder eines „High-Level-Roundtable-Teams“, eine Art Start-up-Botschafter, zu denen Bjarke Ingels, Shigeru Ban und die Berliner Architektin Pia Maria Schriever zählen. Der Architektur fällt beim NEB die Rolle zu, neue ökologische Technologien und Reuse-Strategien zu kombinieren und entsprechend zu designen, während sich der „entwerfende“ und häuser- und städtebauende Architekt in der zweiten Reihe wiederfindet.
Die große Abwesende: Wieso fehlt die Stadt?
Neue EU-Programme, zu denen das NEB zählt, werfen immer eine entscheidende erste Frage auf: Für welche Problemlage wurden sie entworfen, und sind sie absehbar in der Lage, zu deren Lösung ein Stück beizutragen? Der baulichen Umsetzung des Green Deals, also der Klimaneutralität bis 2050, auf die Sprünge zu helfen ist die entscheidende Aufgabe des NEB. Ein großes Ziel, nachvollziehbar und wichtig. Das Bauen ist heute aber ebenso konfrontiert mit der Bewältigung einer Urbanisierungskrise, wie sie in einer in fast allen Mitgliedsländern spürbaren Wohnungsnot zum Ausdruck kommt. Wie groß der Handlungsbedarf ist, dazu gibt es seit 2018 ein Positionspapier, das an Drastik kaum zu überbieten ist. Aus der Einleitung: „... eine alarmierende Zahl von 82 Millionen Bürgern ist durch die Wohnkosten überlastet – viele sind sogar von Zwangsräumung bedroht. Städte, städtische Gebiete, Regionen und Länder in der gesamten EU benötigen stabile Rahmenbedingungen, um sicherzustellen, dass ihre Bevölkerung zugänglichen und erschwinglichen Wohnraum finden kann. Sie suchen nach Lösungen für die Bereitstellung neuer und die Erneuerungbestehender Wohnungen, für die Erschließung von Baugrundstücken für erschwinglichen Wohnraum, für die Entwicklung integrativer Nachbarschaften in Partnerschaft mit den Bürgern und für die Einrichtung von passenden Wohnungsbauprogrammen, die es aktuell noch nicht gibt.“4
Diese europaweit dringliche Agenda wäre ein idealer Ausgangspunkt, um sie mit dem EU-Ziel zu verknüpfen, 2050 als erster Kontinent klimaneu-tral zu werden. Doch das NEB, quasi ex nihilo gegründet, fungiert nahezu ohne Rückbindung auf die von den Mitgliedsländern mühevoll erarbeiteten städtebaulichen Chartas (Seite 26). Salopp gesagt fühlt sich das NEB für den sozialen Aspekt der anstehenden urbanen Transformation nur insofern zuständig, als über die Umsetzung des Green Deals keine zusätzlichen sozialen Belastungen entstehen dürfen. Die Themen der Transformation der Stadt spielen im Aufgabenstrauß des Neuen Europäischen Bauhauses keine eigene Rolle, und selbst das Stichwort „affordable housing“ wird nur an einer Stelle erwähnt.
Zwei Gründe lassen sich für dieses urbane Defizit auszumachen: Erstens geht es einfach schneller, über den Mechanismus der (grünen) Technologien auf der Mikro-Ebene der Architektur und der Umweltgestaltung einzugreifen, als sich auf eine langwierige Makro-Debatte über eine öko­logisch transformierte europäische Stadt und deren soziale Räume einzulassen. Die gerade auch in Deutschland festgefahrene Auseinandersetzung um die unverzichtbaren Eckpunkte einer „schönen Stadt“ sind ein warnendes Beispiel.
Ein zweiter Grund führt hinein in eine weitergehende Strukturdiskussion, wie aktiv das NEB von sich aus sein darf, ohne in hoheitliche Aufgaben der Länder einzugreifen. Dazu kommen praktische Erwägungen: Würde sich das Programm auch für eine Debatte um die Kernqualitäten der Stadt im Zeichen der CO2-Reduktion einsetzen, wäre der notwendige Organisationsaufwand unvergleichlich höher. Man müsste innovative Stadtentwicklungspolitiken miteinander vergleichen, bewerten und dann auch Aufträge für entsprechende Reallabore vergeben können. Der notwendige Forschungsaufwand wäre viel größer. Umzusetzen wäre dies nur über einen Forschungsverbund interessierter Universitäten und engagierter Städte aus den Mitgliedsländern. Momentan ist das Koordinationsteam des NEB unter der Leitung von Xavier Troussard dafür zu schwach besetzt. Die Ausblendung der Stadt und ihrer urbanen Themen bleibt das große Defizit des NEB, so widersprüchlich dies klingen mag.
Welche Rolle spielen existierende Netzwerke?
Weil uns dieses Defizit unübersehbar schien, haben wir dieses Heft zweigeteilt. Im ersten Teil stellen wir den aktuellen Stand des Neuen Europäische Bauhaus vor: Hier besprechen wir seine Programmbestandteile und die vor kurzem prämierten fünf Leuchtturmprojekte, in die aus existierenden EU-Fördertöpfen großzügig investiert wird. Diese Leuchttürme stellen gleichsam die Avantgarde dar, an denen sich das NEB in einigen Jahren messen lassen will. Im zweiten Teil des Heftes präsentieren wir dann einige auf europäischer Ebene arbeitende Netzwerke und Initiativen. Diese machen Grundlagenarbeit in der Vermittlung, wie etwa der Mies van der Rohe Preis, der sich in den letzten Jahren mehr und mehr auf beispielhaften sozialen Wohnbauprojekten fokussiert hat. Daran arbeiten auch die Kuratorinnen vieler europäischer Architekturmuseen mit ihren grenzüberschreitenden Ausstellungskooperationen. Viele weitere Initiativen haben wir in früheren Heften zu Wort kommen lassen. Zum Beispiel Europan, das über sein europaweites Wettbewerbsprogrammseit mehr als 30 Jahren eine beispiellose Debatte über vorbildliche Stadtentwicklung in Hunderten von Städten in Gang gesetzt hat, genauso wie die IBAs, die sich im Austausch mit Partnerstädten/-regionen positionieren.
Großer Maßstab, kleiner Maßstab: Wer vermittelt?
Das Europäische Bauhaus hat sich einen ausgesprochen hohen Anspruch gesetzt: Über die fachlichen Sektoren hinweg will es partizipativ umgesetzte und sozial inklusive Projekte im Sinne des Green Deals fördern und „co-designen“. Weil es immer nur aus der Ferne agieren kann, braucht es die Expertise vor Ort und muss die lokalen Macht- und Durchführungsverhältnisse akzeptieren. Entstanden ist bisher, aller Kritik zum Trotz, eine erstaunliche agile Wundertüte der Erneuerung, an der inzwischen 270 Organisationen partizipieren. Brüssel schlüpfte zu diesem Zweck in eine neue Rolle und vergab vor allem „weiche Ware“ – in Form von jeder Menge Awards, den Marshmallows einer zukunftsgerichteten Architektur.
Für die weitere Entwicklung bleibt ein grundsätzliches Dilemma: Einerseits verlangt die Klimawende nach Big-scale-Veränderungen und autoritärem Durchregieren mit nationalen und EU-Gesetzen, andererseits braucht es viele zehntausend Small-scale-Interventionen, ohne die die bewohner­orientierte Zielsetzung des Neuen Europäischen Bauhauses bloßes Geredegewesen wäre. Es bleibt das Problem der Fahrradkette – wer vermittelt zwischen diesen Maßstäben?
Auf dem Bauwelt-Kongress zur „15-Minuten-Stadt“ Mitte Mai kam es diesbezüglich zu einem beispielhaften Konflikt. Erst sprach Kristiaan Borret, der Stadtbaumeister von Brüssel, Tacheles zur europaweiten Entfremdung der Stadtbewohner durch einen globalen Immobilienbetrieb, der dem gelingenden Alltag des Wohnens und Arbeitens keine Achtung mehr schenkt. Borret forderte: „Vergesst endlich die großen Masterpläne, es braucht in Zukunft viele kleine Projekte, um die zerfallenen urbanen Strukturen und die Ungerechtigkeiten einer ungleichen Verteilung der Ressourcen zu lösen“. Dann betrat Philipp Misselwitz vom Bauhaus der Erde (Seite 64) die Bühne und sagte: Angesichts der Klimakrise genügen die kleinen Strukturen nicht mehr. Sie seien Denken von gestern, es brauche die großen Lösungen.
Die beiden Positionen markieren die Eckpfeiler eines Dilemma, das uns die ökologische Frage mit Wucht vor die Füße wirft – der kleine, der mitt­lere, der große Maßstab, die selbstverständlich ineinandergreifenden Skalierungen der herkömmlichen Planung vom einzelnen Haus bis zur Regionalplanung, bilden von sich aus keine logische Abfolge mehr. Es braucht andere Lösungen, es braucht neue kooperative Ansätze im Spagat zwischen lokalen Ansprüchen und globalen Vernetzungen. Die Suche nach alternativen Verknüpfungen der städtischen und der regionalen Mobilität, wenn auf private PKWs verzichtet werden muss, ist ein offensichtliches Beispiel, die klimagerechte Bewirtschaftung der Böden ein weiteres. Das was Vittorio Gregotti als Kernqualität einer europäischen Architektur benannt hat, die vorwärtsblickende, gemeinwohlorientierte Gestaltung des Territoriums, ist gefordert wie nie zuvor. Wenn das Neue Europäische Bauhaus Wirkung zeigen will, muss es raus aus der bloß „belohnenden“ Ecke.
1 Hans Magnus Enzensberger „Ach Europa“. Suhrkamp, 1987. Und ganz aktuell: 27 Positionen bei Olivier Guez, Le Grand Tour, Bernard Grasset, 2022
2
Vittorio Gregotti, Identità e crisi dell’architettura europea, Einaudi, 1999
3
Allgemeine Zielsetzung der Kommission 2020: https://eur-lex.europa.eu/resource.html?uri=cellar:91ce5c0f-12b6-11eb-9a54-01aa75ed71a1.0003.02/DOC_1&format=PDF
4
European Comission, 20.10.2020, Strategic Plan DG Research and Innovation, https://ec.europa.eu/info/sites/default/files/rtd_sp_2020_2024_en.pdf
5
Untersuchungsbericht zum Stand des Wohnungsbaus in Europa: https://ec.europa.eu/futurium/en/system/files/ged/final_action_plan_euua_housing_partnership_december_2018_1.pdf

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