Ton an!

Kirsten Klingbeil fragt sich, ob der unerträgliche Baustellenlärm vor ihrer Tür jemals aufhören wird

Text: Klingbeil, Kirsten, Berlin

Kirsten Klingbeil fragt sich, ob der unerträgliche Baustellenlärm vor ihrer Tür jemals aufhören wird

Kirsten Klingbeil fragt sich, ob der unerträgliche Baustellenlärm vor ihrer Tür jemals aufhören wird


Ton an!

Kirsten Klingbeil fragt sich, ob der unerträgliche Baustellenlärm vor ihrer Tür jemals aufhören wird

Text: Klingbeil, Kirsten, Berlin

Die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, ist laut dem Internet „eine große selbständige Stadt mit rund 70.000 Einwohnern“. Wie sich das Wort „groß“ in den Satz eingeschlichen hat, ist mir bei Besuchen in diesem ruhigen Idyll schleierhaft. Man verbringt hier inmitten der Natur eher einen Kurzurlaub: Aus der Tür tretend, ist man umgeben von Wald und Wiesen, und nachts sind die Sterne fast so klar sichtbar wie sonst nur am Atlantik. Annähernd urban hat es sich hier zuletzt in meiner Kindheit angefühlt. Als das letzte freie Grundstück, deutlich später als die Nachbarschaft, bebaut wurde, diente der Rohbau eines spitzwinkligen Einfamilienhauses trotz Klettergerüst und Sandkiste im Garten fortan als unser Spielplatz: diverse Sandhügel, gestapelte Baumstämme, ungesicherte Beton­treppen, große Wasserpfützen und allerlei Baustellenprovisorien. Mit seiner Fertigstellung und dem Einzug der neuen Bewohner kehrte die Ruhe ein. Geblieben ist mir der Reiz an dem unfertigen, fragmentarischen Stück Stadt.
Man hätte nun also annehmen können, als im letzten Winter die Berliner Verkehrsbetriebe ihr Bauschild an der unserer Wohnung gegenüberliegenden U-Bahnstation anbrachten, und darüber informierten, dass für die nächsten 12 Monate (eher 18), die Hochbahn, das Gleisbett und das Bahnhofsgebäude in Stand gesetzt würden, eine gewisse Freude bei mir aufkommen müsste. Nach den ersten 11 Monaten lässt sich festhalten: Visuell ist es tatsächlich ein großartiges Spektakel. Die oberirdischen Schienen liegen direkt auf Höhe unserer Fenster im zweiten Obergeschoss. Es wird gebuddelt, gestemmt, gehämmert, geschweißt, geschliffen, gestrichen. Baugerüste werden auf- und Tage später wieder abgebaut. Holzplanken als Schallschutz verkleiden erst 20 Meter rechts, dann 20 Meter links die Stahlstruktur. Ein gigantisches Zelt wird errichtet, zusammengepackt und wenig später wieder aufgestellt. Mal brennen Strahler die ganze Nacht; dann scheint alles still zu stehen. Die Straße wird auf drei Spuren verbreitert, dann auf eine reduziert, die Durchfahrt gesperrt. Autos werden abgeschleppt, versetzt und der Verkehr zum Erliegen gebracht. Es gibt nur eine Kleinigkeit, die dieses Schauspiel trübt: Es wird nicht geräuschlos aufgeführt.

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