Bauwelt

Si tacuisses

Die Städtischen Bühnen Frankfurt am Main und die Architektenschaft. Eine Polemik

Text: Santifaller, Enrico, Frankfurt am Main

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Seit 1963 besteht die Dop­pelanlage der Städtischen Bühnen: Opernhaus (links), Schauspielhaus (rechts)
und gemeinsames gläsernes Foyer am Willy-Brandt-Platz.
Foto: Uwe Dettmar

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Seit 1963 besteht die Dop­pelanlage der Städtischen Bühnen: Opernhaus (links), Schauspielhaus (rechts)
und gemeinsames gläsernes Foyer am Willy-Brandt-Platz.

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Si tacuisses

Die Städtischen Bühnen Frankfurt am Main und die Architektenschaft. Eine Polemik

Text: Santifaller, Enrico, Frankfurt am Main

Man stelle sich vor, Musiker, Sänger und Schauspieler, Regisseure, Dramaturgen und Handwerker wollten über die Arbeitsbedingungen von Architekten bestimmen. Raumbücher, die in enger Abstimmung mit diesen erarbeitet wurden, würden als „Wunschträume“ und „Maximalforderungen“ disqualifiziert. Und dann käme nach gefühlt tausenden Diskussionen, einer Reihe von teils in mehrjähriger Arbeit erstellten Gutachten und Studien und einer parlamentarischen, eindeutigen Abstimmung ein Architekturliebhaber daher. Verkündete, „endlich“ alle Karten auf den Tisch zu legen, verspräche „neue Denkansätze“ und „bewegende Erkenntnisse“. Und nachdem er und die Seinen dann doch nur olle Kamellen präsentieren können, käme dieser Liebhaber mit dem Verweis, dass sich die Welt seit 2020 mehrmals gedreht habe, auf die Idee, das Herunterschrauben von „funktional-technischen Ansprüchen“, eine „ideellere“ Herangehensweise und ansonsten mehr Bescheidenheit von den Betroffenen anzumahnen.
Was für einen Aufschrei würde das geben! Was für ein Schäumen! Man kann sich die Empörung der Zunft, einschließlich ihrer Standesvertreter und Propagandisten über eine solche Anmaßung fachfremder Personen vorstellen! Das Beklemmende an dieser Vorstellung allerdings ist, dass sie gar keine Vorstellung ist. Im Gegenteil, sie ist ganz real – nur andersherum. Es geschieht gerade in Frankfurt am Main. Und die Architekten, die über die künftigen Arbeitsbedingungen von rund 1200 an den städtischen Bühnen beschäftigten Musikern und Schauspielern, Regisseuren, Dramaturgen und Handwerkern bestimmen wollen, finden nichts dabei. Sie fühlen sich im Recht, weil sie es – warum auch immer – offensichtlich besser wissen.
Der vorerst letzte Akt dieser toxischen Mischung aus Arroganz und Heuchelei wurde kürzlich im derzeit ausgelagerten Deutschen Architekturmuseum (DAM) gegeben. Die Stiftung urban future forum lud zu einem stadtpolitischen Symposium. Ein Impulsvortrag, die Kurzvorstellung ei­ner alle praktischen Belange ausblendenden Studentinnenarbeit und eine anschließende Podiumsdiskussion sollten die auf dem Podium und im Publikum anwesenden Stadtparlamentarier dazu anhalten, ihre Entscheidung für den Abriss und Neubau der städtischen Bühnen zu überdenken. Der Impulsvortrag beschied das Publikum mit der ebenso richtigen wie banalen Erkenntnis, dass eine Sanierung der maroden Doppelanlage auch unter Berücksichtigung aller Arbeitsstättenrichtlinien möglich ist. Als ob dies jemals bestritten worden wäre! Die Frage ist nur, zu welchen Kosten.
Die Stadtverordnetenversammlung kam jedenfalls 2020 zu dem Ergebnis, dass eine Sanierung der Anlage unwirtschaftlich sei – weil man trotz der zu erwartenden hohen Kosten keine umfängliche Verbesserung der Situation gewährleisten könne. Und diese Entscheidung haben sich die Kommunalpolitiker nicht leicht gemacht. Sie stützen ihren Beschluss auf eine von Jörg Friedrich, PFP und einer Reihe hinzugezogener Fachplaner in dreijähriger Arbeit 2017 fertigstellte Machbarkeitsstudie, die neben einer Neubau- auch zwei Sanierungsvarianten untersuchte. Wobei bei allen drei Varianten Kosten zwischen rund 850 und 900 Millionen Euro errechnet wurden. Auch die vom Stadtparlament 2018 eingesetzte „Stabsstelle Zukunft der Städtischen Bühnen“ erarbeitete zwei Sanierungsvarianten unter der Bedingung, dass man bestimmte Teile der Bühnen – etwa Werkstätten und Lager – auslagere. Auch diese Versionen überzeugten das Stadtparlament nicht. Vielmehr beauftragte es ein weiteres Mal die Stabsstelle, Neubauvarianten zu erarbeiten. Nach der Sommerpause soll nun das Stadtparlament sich für eine von drei Neubauvarianten entscheiden.
Nun kann man sich mit allem Recht in ein Gebäude verlieben. Und seinen Erinnerungswert anmahnen. Gerade bei den Bühnen, die vorwiegend in den 60er- und 70er Jahren weit über die engen Frankfurter Grenzen hinausOpern- und Theatergeschichte geschrieben haben. Wobei auch heute noch Schauspiel und Oper hervorragende und immer wieder prämiierte Arbeit leisten. Aber gerade als Architekt sollte man schon zur Kenntnis nehmen, dass das 1902 fertiggestellte, im Krieg zerstörte, teilweise neugebaute, mit allen möglichen An-, Um- und Erweiterungsbauten versehene Gebäude neben der abgängigen Haustechnik erhebliche funktionale Mängel ausweist. Mängel, die von renommierten Architektenkollegen festgestellt wurden. Mängel, die darüber hinaus die Nutzer des Gebäudes ernsthaft befürchten lassen, ihre hervorragende Arbeit in 20, in 30, in 50 Jahren nicht mehr leisten zu können. Kann man das einfach übergehen? Und ist vor diesem Hintergrund der Aufruf zu mehr „Bescheidenheit“ und zur Reduktion von Ansprüchen nicht schlichtweg peinlich? Weil zwar einerseitsvon der Überheblichkeit der Architektenzunft, andererseits von deren Unlust kündend, das Gewohnte zu verlassen und sich wirklich Gedanken über die Zukunft von Theater und Oper zu machen?
Weit gefehlt bei Architekten, die sich neuerdings, gleichsam über Nacht den Erhalt der grauen Energie auf die Fahnen geschrieben haben. DAM-Direktor Peter Cachola Schmal konnte sich bei seiner Begrüßung der Gäs­-te die Spitze nicht verkneifen, auf dem Podium und im Publikum einige Planer von Ersatzneubauten entdeckt zu haben. Denen Gebäude zum Opfer gefallen sind, die wichtig für die Baugeschichte Frankfurts waren. Der Fairness halber sei gesagt, dass in der Regel Bauherren, nicht Architekten über einen Abriss entscheiden. Doch es sind die Architekten, die solche Entscheidungen mit Hinweisen auf fehlenden Brandschutz oder Funktionsmängel argumentativ orchestrieren. Plötzlich sollen diese Argumente nicht mehr gelten? Weil es keine Frankfurter Büros gibt, die eine Expertise in Sachen Theater- und Opernbau haben, und deswegen die Wahrscheinlichkeit eher gering ist, dass ortsansässige Architekten zu einem Neubau-Wettbewerb geladen werden?
Dem spätantiken Gelehrten Boethius wird der Satz „Si tacuisses, philosophus mansisses“ zugeschrieben. (Wenn du geschwiegen hättest, wärst du ein Philosoph geblieben.) Ein Stiftungssprecher wünschte, dass Architekten künftig mehr von der Politik gehört werden. Ein Wunsch, dem durchaus zuzustimmen ist. Möglichweise würde er mehr erhört, wenn Architekten manchmal besser schwiegen.

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