Weichenstellen hinterm Kopfbahnhof

Die Entscheidung zur städtebaulichen Entwicklung des Stuttgarter „Rosenstein-Quartiers“ verdeutlicht die Schwierigkeiten der Stadtverwaltung mit dem Großprojekt „Stuttgart 21“. Einmal mehr hält die Jury eine Hintertür offen, Erst- und Zweitplatzierte sind zur Überarbeitung aufgefordert.

Text: Marquart, Christian, Stuttgart

    1. Preis asp Architekten und Köber Landschaftsarchitekten gelingt es nach Meinung der Jury gut, die angrenzenden Stadträume anzubinden. Im Gleisbogen sehen sie einen neuen Park vor, der in der weiteren Bearbeitung besser auf die bestehenden Freiräume abgestimmt werden soll.
    Abb.: Verfasser

    1. Preis asp Architekten und Köber Landschaftsarchitekten gelingt es nach Meinung der Jury gut, die angrenzenden Stadträume anzubinden. Im Gleisbogen sehen sie einen neuen Park vor, der in der weiteren Bearbeitung besser auf die bestehenden Freiräume abgestimmt werden soll.

    Abb.: Verfasser

    2. Preis Laux Architekten und terra.nova binden das Entwicklungsgebiet über einen „Super-Cycle-Highway“ an den Schlossplatz an. Ihren Vorschlag, das Rosensteinquartier deutlich von traditionellen Wohnformen abzuheben, diskutierte die Jury kontrovers.
    Abb.: Verfasser

    2. Preis Laux Architekten und terra.nova binden das Entwicklungsgebiet über einen „Super-Cycle-Highway“ an den Schlossplatz an. Ihren Vorschlag, das Rosensteinquartier deutlich von traditionellen Wohnformen abzuheben, diskutierte die Jury kontrovers.

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    3. Preis Herrmann + Hornung Architekten und der Landschaftsarchitekt Johannes Jörg reichten ein Konzept ein, dessen freiräumliche Verzahnung feinfühlig ausgearbeitet ist. Die Höhenentwicklung an der Parkkante erachtete die Jury als schwierig.
    Abb.: Verfasser

    3. Preis Herrmann + Hornung Architekten und der Landschaftsarchitekt Johannes Jörg reichten ein Konzept ein, dessen freiräumliche Verzahnung feinfühlig ausgearbeitet ist. Die Höhenentwicklung an der Parkkante erachtete die Jury als schwierig.

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    4. Preis Tovatt Architects und Ramboll Studio Dreiseitl Landschaftsarchitektur besetzen das Areal mit Blockstrukturen. Die Höhenunterschiede des Geländes behalten sie bei und bringen Funktionen in ehemaligen Bahnanlagen unter, die zum Park hin abtreppen.
    Abb.: Verfasser

    4. Preis Tovatt Architects und Ramboll Studio Dreiseitl Landschaftsarchitektur besetzen das Areal mit Blockstrukturen. Die Höhenunterschiede des Geländes behalten sie bei und bringen Funktionen in ehemaligen Bahnanlagen unter, die zum Park hin abtreppen.

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Weichenstellen hinterm Kopfbahnhof

Die Entscheidung zur städtebaulichen Entwicklung des Stuttgarter „Rosenstein-Quartiers“ verdeutlicht die Schwierigkeiten der Stadtverwaltung mit dem Großprojekt „Stuttgart 21“. Einmal mehr hält die Jury eine Hintertür offen, Erst- und Zweitplatzierte sind zur Überarbeitung aufgefordert.

Text: Marquart, Christian, Stuttgart

Wer sich für Strategien der Stadtentwicklung und für das planerische Besteck des Wettbewerbswesens interessiert, kommt ohne größeren Aufwand nicht weit: Recherchen in Fachblättern und einschlägigen Netz-Portalen sind unverzichtbar. Die Lokalpresse dagegen ist zum Erbarmen heruntergekommen; die Lektüre in den Sozialen Medien ambivalent. Festzuhalten ist, dass sich eine Schere auftut zwischen „partizipatorischen“ Verfahren einerseits und einer breiten Palette von Wettbewerbsformaten für Planer andererseits. Wo Erstere, im Kontext urbaner Projekte politisch vielleicht korrekt, bürgerschaftliches Engagement aufgreifen, das aber oft genug in paternalistischer Gestik tun und die Interessen vielmehr durcheinanderbringen als sie umsichtig zu organisieren, verspielen Letztere mitunter das Potential der Konkurrenz, indem sie auf gut vorbereitete und präzis fokussierte Aufgabenbeschreibungen verzichten und stattdessen nette Sprechblasen aufsteigen lassen.
Entsprechend lässig gehen planende Verwaltungen im Nachgang solcher Wettbewerbe dann bisweilen mit deren Ergebnissen um. Dürre Pressemitteilungen und die auf wenige Tage befristete Ausstellung von Siegerentwürfen und „Ankäufen“ sollen genügen. Baukultur? Planungskultur? Transparenz? Wenn Wettbewerbe in Rathäusern als Lotteriespiele begriffen werden, muss man aus deren Verläufen auch nichts lernen und darf die gründliche Präsentation und Dokumentation wichtiger Wettbewerbe als überflüssig abtun.
In Stuttgart, dem Schauplatz der umstrittenen Umwandlung eines Kopfbahnhofs in einen tiefgelegten Durchgangsbahnhof, werden seit Mitte der 90er Jahre unentwegt in dieser Art „Weichen gestellt“ – weder effizient, noch sehr zielgerichtet. Die Kosten des Projekts sind monströs gestiegen, aber wie die Stadt mit ihren ca. 100 Hektar Konversionsflächen kreativ umgehen könnte, das wurde und wird in immer neuen Planwerken be- und zerredet.
Die Zufahrtstunnel des Bahnhofs sind gegraben, die gigantische Baugrube des Tiefbahnhofs füllt sich mit Beton, und die überbauten Blöcke des neuen „Europaviertels“ nordöstlich der City machen wenig Appetit auf neue Anläufe zur „inneren Stadterweiterung“. Urbane Zukunfts-Euphorie sieht anders aus. Es dominieren Einfalt und Phantasiearmut, bisher jedenfalls. Eine auf das Jahr 2027 terminierte Internationale Bauausstellung (IBA Region Stuttgart) soll frische Ideen liefern.
Die neueste Runde „Weichenstellen“ wurde in diesem Zusammenhang im Sommer 2018 mit dem Wettbewerb „Rosenstein – Ideen für den neuen Stadtteil“ eingeläutet. 53 Büros beteiligten sich an dem offenen Verfahren, dessen zweite Phase im Frühjahr abgeschlossen wurde. Vier Preise wurden vergeben – zwei Hauptpreise, verbunden mit Hausaufgaben an die Erstplatzierten. Im Juli will die Jury eine Empfehlung abgeben. Die
passende Headline dazu hatte die Lokalpresse schon im Mai formuliert: „Um die Details kümmern sich die Planer später.“ Dass der Stuttgarter Öffentlichkeit in einer Ausstellung an der Universität überhaupt das ganze Spektrum der eingereichten Arbeiten präsentiert wurde, ist dem Lehrstuhl für Stadtplanung und Entwerfen von Martina Baum zu verdanken.
Der Rosenstein-Wettbewerb und seine Ergebnisse haben deutlich gemacht, dass auf dem Gelände ein paar „eingebaute“ Widersprüche und Konflikte verborgen sind. Bei dem Planungsgebiet handelt es sich um ein kurz nach 1900 aufgeschüttetes Plateau, dessen Fläche nach dem Bau des neuen „alten“ Kopfbahnhofs von Paul Bonatz fast gänzlich von einem „Fächer“ aus üppigen Gleisanlagen, Stellwerken und Lokschuppen belegt wurde; dazu kamen Brücken, Dämme (der sog. „Gleisbogen“) und langgestreckte „Überwerfungsbauwerke“ aus Stampf- und Eisenbeton, mit deren Hilfe Gleise und Züge aus verschiedenen Richtungen kreuzungsfrei an die Bahnsteige des Kopfbahnhofs herangeführt werden konnten. Diese Hinterlassenschaften des Bahnbetriebes stehen heute unter Denkmalschutz. Andererseits konnte die Bahn AG 2001 nach einem Immobiliengeschäft mit der Stadt Stuttgart (830 Millionen Euro für 85 Hektar Konversionsgelände) verpflichtet werden, das Gelände quasi besenrein bereitzustellen, sobald der neue Tiefbahnhof in Betrieb geht. Drittens soll das neue, deutlich erweiterte Rosensteinquartier städtebaulich und infrastrukturell nach allen Regeln der Kunst mit der umliegenden Stadt „verbunden“ werden – ungeachtet der besagten beachtlichen Vitalität im alten Kernbestand und enormer Höhenunterschiede von bis zu 24 Metern, aus denen teils derbe „Raumkanten“ resultieren. Hinzu kommt, dass die vielspurigen Stadtautobahnen und zahlreiche Bahntrassen den Rosenstein umzingeln, respektive durchkreuzen.
Im Wettbewerb ging es denn wesentlich um appetitlich terrassierte Wegenetze und Blickachsen (1. Preis: asp, Stuttgart), um maßvolle oder „kühn“ aufgetürmte Baumassen für Tausende neuer Wohnungen (2. Preis: Laux Architekten, München/Stuttgart) oder um eine Mischung aus allem; um die Positionierung kultureller „Leuchttürme“ im Quartier (Kongresszentrum, Konzerthalle, Museum, „Haus der Kulturen“) und allenthalben natürlich um Ökologie und Nachhaltigkeit. Vor allem ging es auch um klangvolle Worte: Mühelos könnte der Rosenstein so zum Dschungel schwerlich einlösbarer Metaphern werden, von der „Maker City“ über „Uptown“, „Urban Forest“ bis zu „Super Cycle Highway“.
Der markanteste Ertrag des Wettbewerbs: Eine qualifizierte Gruppe der Teilnehmer äußerte sich zugunsten der Erhaltung des ortsprägenden südlichen „Überwerfungsbauwerks“. Wenn auch nicht allzu konkret, denn seine Trigonome­trie ist hochkomplex und kann erst zur Wirkung kommen, wenn es aus der Schutthalde befreit ist, aus der es derzeit nur knapp herausragt. Der Verdacht liegt nah, dass sich Stuttgart die Mühe nicht machen will, dieses monumentale Baudenkmal mit Hilfe architektonischer Interventionen, gern auch temporärer oder experimenteller Natur, und mit einem kleinteiligen Nutzungs-Mix als „Scharnier“ zwischen der alten City und der inneren Stadterweiterung neu zu beleben.
Internationaler offener städtebaulicher Wettbewerb
1. Preis asp Architekten, Stuttgart, mit Köber Landschaftsarchitektur, Stuttgart
2. Preis Laux Architekten Stadtplaner,München, mit terra.nova landschaftsarchitektur, München
3. Preis Herrmann + Hornung Architektur und Stadtplanung, Stuttgart, mit Johannes Jörg Landschaftsarchitektur, Grünkraut
4. Preis Tovatt Architects & Planners, Johanneshov (Schweden), mit Ramboll Studio Dreiseitl Landschaftsarchitektur, Überlingen
Juryvorsitz
Franz Pesch, Stuttgart/Dortmund (Vorsitz)
Auslober
Landeshauptstadt Stuttgart, Amt für Stadtplanung und Stadterneuerung
Fakten
Architekten asp Architekten, Stuttgart; Köber Landschaftsarchitektur, Stuttgart; Laux Architekten Stadtplaner,München; terra.nova landschaftsarchitektur, München; Herrmann + Hornung Architektur und Stadtplanung, Stuttgart; Johannes Jörg Landschaftsarchitektur, Grünkraut; Tovatt Architects & Planners, Johanneshov (Schweden); Ramboll Studio Dreiseitl Landschaftsarchitektur, Überlingen

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