Par(v)is

Behutsam aber mit deut­lichen Eingriffen in der ehemaligen Tiefgarage: Bas Smets gestaltet mit den Architekten GRAU und Neufville Gayet bis 2027 das Umfeld von Notre-Dame auf der Île de la Cité neu.

Text: Redecke, Sebastian, Berlin

    Preisträger Bas Smets, GRAU und Neufville-Gayet ersetzen den befahrbaren Bereich des Kathedral-Vorplatzes durch eine umgrünte, einheitliche Freifläche.
    Abb.: Verfasser

    Preisträger Bas Smets, GRAU und Neufville-Gayet ersetzen den befahrbaren Bereich des Kathedral-Vorplatzes durch eine umgrünte, einheitliche Freifläche.

    Abb.: Verfasser

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    Auch der Park hin­ter der Kathedrale mit einem Mahnmal für die von den Nazis deportierten Menschen wird umgestaltet.
    Abb.: Verfasser

    Auch der Park hin­ter der Kathedrale mit einem Mahnmal für die von den Nazis deportierten Menschen wird umgestaltet.

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    Die oberirdische „Promenade végétale“ ergänzt unter der Erde ein archäologischer Parcours mit Ausblick auf die Seine.
    Abb.: Verfasser

    Die oberirdische „Promenade végétale“ ergänzt unter der Erde ein archäologischer Parcours mit Ausblick auf die Seine.

    Abb.: Verfasser

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Par(v)is

Behutsam aber mit deut­lichen Eingriffen in der ehemaligen Tiefgarage: Bas Smets gestaltet mit den Architekten GRAU und Neufville Gayet bis 2027 das Umfeld von Notre-Dame auf der Île de la Cité neu.

Text: Redecke, Sebastian, Berlin

Mit dem Projekt Grand Paris werden seit 2008 umfangreiche Neuplanungen der französischen Hauptstadt im Verbund mit ihren umliegenden Gemeinden der Île-de-France geplant und in Teilen bereits realisiert. Noch enger vernetzt, will man den heutigen Anforderungen vor allem an den öffentlichen Verkehr und an das Wohnen gerecht werden. Zudem entstehen für die Olympischen Spiele 2024 Bauten und Infrastrukturmaßnahmen, die diese Neuorientierung und Vernetzung fördern. Diese Vorhaben bestimmen die aktuelle Entwicklung der französischen Hauptstadt. Die Bürgermeisterin Anne Hidalgo lancierte zudem im Stadtgebiet erfolgreich eine zielstrebige Verkehrswende (Bauwelt 19.2021).
Als vor drei Jahren das Dach der Kathedrale Notre-Dame auf der Île de la Cité in Flammen stand, schreckte man auf, und es wurde einem plötzlich bewusst, welche zentrale Bedeutung und welche Symbolik dieser Kirchenbau in der Herzkammer der Stadt hat. Alle im Fokus stehenden Großprojekte in Verbindung mit der „Couronne“ um Paris traten in diesem Moment völlig in den Hintergrund. Als dann mit viel Getöse der Vierungsturm, der die Doppeltürme überragt hatte, ins Kirchenschiff stürzte, und man erfuhr, dass der mit tonnenweise Blei ummantelte Turm erst 1854 von Eugène Viollet-le-Duc hinzugefügt wurde, war das Staunen groß, welche bauliche Entwicklung die Kathedrale im 19. Jahrhundert genommen hatte. Der Mut für Neues war groß.
Mit dem Großbrand hatte man zudem wieder das Projekt von 2017 einer veritablen „Runderneuerung“ der Insel vor Augen: Dominique Per­rault plante für den damaligen Staatspräsidenten François Hollande die Transformation der gesamten Île de la Cité als „Grand Projet“ seiner Amtszeit (Bauwelt 9.2017). Hintergrund war eine auch kommerzielle Neubelebung im Zusammenhang mit dem Leerstand des alten Justizministeriums auf der Insel, der sich durch den Umzug in einen Glasturm von Renzo Piano an der Porte de Clichy im Norden der Stadt ergeben hatte (Bauwelt 8.2018). Die Insel sollte in enger Verknüpfung mit den Altbauten bis 2040 mit einer teils unterirdischen Infrastruktur – 35 zusammenhängende Interventionen aus geschützten, Glas gedeckten Passagen und Höfen, begrünten Orten der Erholung, Restaurants, Eventlocations, Kultureinrichtungen und sogar einem Schwimmbad – neu erwachen. Die Finanzierung dieses komplex wirkenden und mit der Denkmalpflege schwierig zu vereinbarenden Vorhabens blieb weitgehend offen. Mit dem Wechsel der Staatsspitze auf Emmanuel Macron 2017 wurde das Projekt „Mission Île de la Cité 2040“ nicht mehr weiterverfolgt.
In Kenntnis, aber losgelöst von diesem früheren Projekt für die Insel soll nun viel konkreter das unmittelbare Umfeld von Notre-Dame einer größeren Neuplanung unterzogen werden. Die Stadt lud im letzten Jahr nach einer ersten Wettbewerbsstufe mit Bas Smets, Michel Desvigne, Jacqueline Osty und Atelier jours vier in Frankreich bekannte Landschaftsplaner ein, die jeweils mit einem Team von Architekten einen Entwurfsvorschlag entwickelten. Die Kathedrale wird nicht mutig ergänzt, wie es durch Viollet-de-Duc im 19. Jahrhundert möglich war, sondern nur vorsichtig funktional und gestalterisch neu „eingebettet“.
Zwei Kriterien standen beim Wettbewerb, der Ende Juni entschieden wurde, im Vordergrund: Die Einfassung mit grünplanerischer Umgestaltung mit einem deutlicheren Bezug zur Seine und ein Empfangszentrum unter dem Vorplatz für die jährlich rund 12 Millionen Besucher und Besucherinnen. Für das Empfangszentrum steht am Vorplatz eine unterirdische Tiefgarage aus den 1970er Jahren bereit, die umgenutzt werden soll. Dabei ist auf dieser tieferen Ebene durch Öffnungen der Kaimauer die direkte Verbindung zur Seine ein wichtiges Thema.
Bas Smets mit den Pariser Architekturbüros GRAU und Neufville Gayet planen in der Tiefgarage eine 60 Meter lange, hallenartige „Promenade intérieure“ mit einer Fläche von 3170 Qua­dratmetern. Um dies mit einer Raumhöhe von vier Metern möglich zu machen, wird die Betondecke zwischen den beiden Ebenen der Garage entfernt. Die breiten Pfeiler der Konstruktion werden freigelegt und mit einer sandgestrahlten Oberfläche versehen. Der Raum soll einen möglichst offenen Charakter erhalten und die Front der Kathedrale aus verschiedenen Blickwinkeln beim Hinaufschreiten der breiten Treppenanlagen erlebt werden. Hinter den Glaswänden der Halle liegen die Information, die Garderobe mit Schließfächern, Sanitäranlagen und Besucher-Gruppensäle. Im Süden gelangt man über Stufen zum gewünschten Außenbereich am Seineufer. Im Norden öffnet sich ein neuer Zugang in die „Crypte archéologique“, einen Raum mit archäologischen Funden aus 2000 Jahren Entwicklungsgeschichte der Insel. Diese Ausgrabungen aus den 1960er und 70er Jahren, die einige Jahre später öffentlich zugänglich gemacht wurden, und dort ausgestellte historische Modelle der Kathedrale Notre-Dame, erfahren mit dieser Anbindung an die Besucherhalle deutlich mehr Beachtung.
Oberirdisch plant Bas Smets eine Vielzahl unterschiedlich gestalteter Landschaftszonen. Hinter der Kathedrale, wo sich an der Inselspitze Georges-Henri Pingussons Mahnmal für die Opfer der NS-Deportation befindet (Bauwelt 6.2018), wird ein kompakter, von Zäunen abgeschotteter Park durch eine offene, von Bäumen umgebene Rasenfläche ersetzt, die sich mit Neupflanzungen entlang des südlichen Seineufers als „Promenade végétale“ erweitert und zum Vorplatz der Kathedrale führt.
Der Vorplatz ist als weite rechteckige Fläche vorgesehen, die punktuell einen Wasserfilm von wenigen Millimetern aufweisen wird. Karl der Große zu Pferd mit zwei Paladinen – ein umstrittenes Denkmal von 1879 am Rand des Platzes –, das früher einmal auf Drängen der Stadt nach Metz oder Aachen umziehen sollte, bleibt stehen. Insgesamt werden 131 Bäume auf vier Hektar Fläche gepflanzt und in den heutigen Baumbestand integriert. Die im Norden der Kathedrale befindliche Rue du Cloître Notre-Dame wird im Rahmen des Großprojekts der Bürgermeisterin, „Paris 2024“, verkehrsberuhigt. Wie die Besucher und Besucherinnen bei ihrer Ankunft zunächst zielgerichtet über die Treppen in die ehemalige Tiefgarage gelenkt werden sollen, wird im Entwurf nicht deutlich.

Geladener Realisierungswettbewerb
Preisträger Bureau Bas Smets, Brüssel, mit GRAU, Paris, und Neufville-Gayet, Paris
Teilnehmer Jacqueline Osty & associés, Paris, mit Bernard Desmoulin, Paris, und Orma Archittettura, Corte
Teilnehmer Michel Desvigne, Paris, mit Grafton Architects, Dublin, h2o architectes, Paris, und Urban Eco, Villejuif
Teilnehmer Aymeric Antoine und Pierre Dufour, Paris, mit Ateliers jours, Paris, und Auxilia
Ausloberin Ville de Paris

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