Mailand: Die Krise als Moment vor einer Renaissance?

„Die Pest, von der das Gesundheitsgericht gefürchtet hatte, dass sie mit den alemannischen Banden nach Mailand kommen könnte, war bekanntlich wirklich gekommen und ebenso ist bekannt, dass sie hier nicht innegehalten, sondern einen guten Teil Italiens heimgesucht und entvölkert hat.“ Alessandro Manzoni, Die Verlobten, 1840, Kapitel XXXI

Text: Acerboni, Francesca, Mailand

    Porta Ticinese, Juni 2016
    Foto: Marco Introini

    Porta Ticinese, Juni 2016

    Foto: Marco Introini

    Dom ...
    Foto: Marco Introini

    Dom ...

    Foto: Marco Introini

    ... und Corso Vittorio Emanuele II, beide Juli 2013
    Foto: Marco Introini

    ... und Corso Vittorio Emanuele II, beide Juli 2013

    Foto: Marco Introini

    Galleria Vittorio Emanuele II, Mai 2015, ...
    Foto: Marco Introini

    Galleria Vittorio Emanuele II, Mai 2015, ...

    Foto: Marco Introini

    ... und Corso di Porta Romana mit Torre Velasca, Juli 2013
    Foto: Marco Introini

    ... und Corso di Porta Romana mit Torre Velasca, Juli 2013

    Foto: Marco Introini

    Piazza Missori mit Via Gonzaga und Via Albricci, Mai 2015, ...
    Foto: Marco Introini

    Piazza Missori mit Via Gonzaga und Via Albricci, Mai 2015, ...

    Foto: Marco Introini

    und Piazza Duomo mit Museo del Novecento und Blick zur Torre Velasca, Juli 2013
    Foto: Marco Introini

    und Piazza Duomo mit Museo del Novecento und Blick zur Torre Velasca, Juli 2013

    Foto: Marco Introini

Mailand: Die Krise als Moment vor einer Renaissance?

„Die Pest, von der das Gesundheitsgericht gefürchtet hatte, dass sie mit den alemannischen Banden nach Mailand kommen könnte, war bekanntlich wirklich gekommen und ebenso ist bekannt, dass sie hier nicht innegehalten, sondern einen guten Teil Italiens heimgesucht und entvölkert hat.“ Alessandro Manzoni, Die Verlobten, 1840, Kapitel XXXI

Text: Acerboni, Francesca, Mailand

Epidemien und Pest haben eine lange Geschichte in Mailand. Schon im späten 15. Jahrhundert – unter dem fortschrittlichen Herzog Francesco Sforza – wurde außerhalb der Stadtmauern ein Gebäude so ausgestattet, dass man die Kranken dort isolieren konnte, indem man sie von der „Stadt der Gesunden“ trennte: das Lazarett, ein innovativer Gebäudetyp auf quadratischem Grundriss mit 280 Zimmern, einem umlaufenden Graben und einer allseitig offenen Kirche im Innenhof, die noch erhalten ist.
Wie nie zuvor beschwören in diesen Tagen die überfüllten Intensivstationen der lombardischen Krankenhäuser das Renaissance-Lazarett herauf und die Quarantäne, die die Mailänder auch heute seit dem 8. März in ihre Häuser zwingt. Ausgestorben ist Mailand, metaphysisch wie auf den Gemälden von Giorgio de Chirico. Die urbanen Räume sind erfüllt von ohrenbetäubender Leere einer Stadt, die abstrakt wirkt durch die surreale Abwesenheit von Menschen. Doch die Dynamik dieser Stadt – vom Rest Italiens oft als frenetisch betrachtet – hat sich lediglich nach innen verlagert. In die Strukturen des Gesundheitswesens vor allem. Und in die Häuser.
Schwenken wir also den Blick nach innen, in die Architektur, in die Häuser der Architekten, hierher verbannt, um zu arbeiten; Häuser, die auch Büros geworden sind und Vorlesungssäle; wo sich Berufsleben mit Häuslichem mischt. Wo Mitarbeiter und Kunden anderswo, in anderen Häusern verstreut nur auf Bildschirmen sichtbar sind, auf Geräten und virtuellen Plattformen. Die Arbeit – jetzt digitalisiert und ausgelagert – wird nun zwingend smart und remote: keine Option, sondern die einzig mögliche Bedingung, sicher autonomer, aber weniger kollektiv. „In der Gefangenschaft erlaubt es die Telearbeit, organisiert weiterzuarbeiten, aber persönlich spüre ich den Mangel an ,Fleisch‘ im Entwurf, das, was live in der Zusammenarbeit produziert wird: die Dialogform des Projekts“, sagt Paolo Brescia von OBR, dem Büro, das er 2000 mit Tommaso Principi gegründet und als ein weit verbreitetes Kollektiv von Architekten zwischen Genua, Mailand und New York konzipiert hat. Gleicher Ansicht ist auch Cino Zucchi, weil das Zeichnen mit der Hand im Vergleich zum CAD eine solide Tradition hat, gerade in den frühen Stadien eines Projektes, „da es ein beim Entwerfen flexibleres Medium ist, synthetischer und lebendiger bei der Erläuterung planerischer Entscheidungen.“
Die Notwendigkeit von Synthese wird auch für das Büro Consalez-Rossi (sieben Personen insgesamt) ein grundlegender Aspekt, „die objektive Schwierigkeit führt zu einer Verfeinerung und größeren Präzision der Kommunikation“, bestätigt Lorenzo Consalez, mit einer Einschränkung allerdings: „Modelle sind im Nachteil, doch man kann dieselben Ergebnisse auch auf andere Weise erhalten.“
Am Polytechnikum von Mailand – 45.000 Studenten in Architektur, Design und Ingenieurwesen – hat das Team von Susanna Sancassani, Direktorin der Task Force „Learning Teaching Innovation“, Vorträge und Workshops ermöglicht, die die technischen Aspekte, aber auch Methodik und die menschliche Beziehung von Studenten und Professoren im Hinblick auf „Projektkultur“ im Dienste des Lehrens berücksichtigen. Was geschieht nun aber auf Ebene der Planung, der neuen Ideen, insbesondere mit Blick auf eine nahe Zukunft, die ungewiss ist, in der jedoch die Normalität wiederaufleben muss? Auf den Seiten der Finanzzeitung „Il Sole 24 Ore“ geht Architekt Stefano Boeri in der Tat von der wirtschaftlichen Erholung über den Bausektor aus und weist auf die Notwendigkeit hin, „sofort große öffentliche Investitionen im Bauwesen zu aktivieren, die auch dazu beitragen, die Wirtschaft des Landes wieder anzukurbeln“, durch die Stärkung der Infrastruktur, der Mobilität, den Wiederaufbau von Schulen, den Abriss heruntergekommener Gebäude zugunsten von energiesparenden Neubauten.
Italienische Geschichte und Kultur sind die Motoren, die die Zukunft bilden und verändern können. Wie Alfonso Femia sagt, „ist ein Wechsel der globalen Perspektive notwendig, und Italien mit seiner Fähigkeit, Gedanken und Planung zu koordinieren und den außergewöhnlichen Reichtum an historischer Erfahrung in ein System zu bringen, wird nicht nur die Krise überwinden und das Land wieder zur Normalität führen, sondern sich selbst verbessern und Herangehensweisen revolutionieren, die Mut und Vision haben: eine Wiedergeburt, eine Renaissance“. Der Gedanke ist in der positiven Botschaft eines ermutigenden Hashtag zusammengefasst: #ilpensieroitalianononsiferma.
Anpassung und Flexibilität sind auch Aspekte, die die gebaute Architektur integrieren muss, indem sie – so Zucchi – Räume schafft, die im Laufe der Zeit verschiedene Funktionen und Rollen übernehmen können, in denen „Architekturen und Städte eine große Trägheit haben. Anstatt neue Planungsstrategien vorherzusagen, überzeugt mich das, was geschieht, immer mehr von der Notwendigkeit, menschliche Umgebungen von einer derartigen ,Großzügigkeit‘ und Robustheit zu entwerfen, die dann aus sich heraus die mehr oder weniger vorhersehbaren Veränderungen der Zukunft umsetzen können.“
Im Idealfall, wünscht sich Paolo Brescia, wird auch die Figur eines neuen Menschen entstehen, der sich seiner Zerbrechlichkeit bewusster ist, „in der Lage, eine neue Kunst des Lebens zu erfinden, die, im Gegensatz zum globalisierten Menschen, der die Umwelt an sich anpasst, sich selbst an die Umwelt anpasst und die tiefen Werte zurückgewinnt, die uns zusammenhalten“. Es liegt schließlich in der Natur des Projektes, zu versuchen, der Zukunft eine Ordnung zu geben, zu versuchen, sie zu entwerfen, über die Krise hinaus. Erinnern wir uns an die Bedeutung des griechischen Wortes: krisis bedeutet Krise, Urteil, aber auch Interpretation, Ergebnis, enthält das Problem, suggeriert aber auch die Lösung.
Übersetzung aus dem Italienischen: Iris Lüttgert
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Die Fotografien von Marco Introini
Die Bilder von Marco Introini, Architekt, Fotograf und Dozent für Architekturfotografie am Politecnico di Milano, entstanden in den letzten Jahren, wann immer seine Heimatstadt mal verwaist anzutreffen war, etwa im Morgengrauen oder in Urlaubszeiten. Seit März aufgrund der Ausgangssperre ohne Möglichkeit, seinen fotografischen Streifzügen nachzugehen, widmet sich Introini derzeit dem Aufarbeiten seines Archivs: „Mir scheint, ich hätte eine verwundete Stadt gezeigt, weit entfernt von jenem surrealen Geist, der mich normalerweise antreibt, die Stadt zu sehen und zu studieren.“ (Francesca Acerboni)

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