Ködernde Bautafeln

Beatrix Flagner versucht noch den Projekttitel "Fox Cube Archibaldweg" einzuordnen

Text: Flagner, Beatrix, Berlin


Ködernde Bautafeln

Beatrix Flagner versucht noch den Projekttitel "Fox Cube Archibaldweg" einzuordnen

Text: Flagner, Beatrix, Berlin

Im Architekturstudium durchlebt es beinahe jeder kurz vor Ende des ersten Semesters: Nach anstrengenden Monaten braucht das Abschlussprojekt noch einen Namen. In viel zu großen Buchstaben schreibt man einen hochtrabenden Titel auf die Präsentationspläne: „Interface Embassy“, „Solar Glow“, „House Epsilon“. Hauptsache der Projekttitel ist mystisch und lenkt von den zu dünn gezeichneten Wänden ab.
Was einem im Studium irgendwann peinlich wird, findet man in der Praxis überall. Ein Superlativ nach dem anderen ziert die Baustellenschilder der neusten Vorhaben. Jetzt sollen die Überschriften nicht Zeichenfehler verbergen, sondern den richtigen Interessenten ansprechen.
Strategien zur richtigen Formulierung von marketingwirksamen Überschriften findet man auf dutzenden Internetseiten – einige lassen sich erstaunlich gut auf aktuelle Neubauprojekte übertragen.
Eine zum Beispiel im Sinne der „Zen-Formel“ gewählte Überschrift soll dem Leser die Lösung von Ängsten und Problemen versprechen. Das erfüllen sicherlich auch die Projekte „Glücksgefühl Germering“ in München oder „Unser Herzstück“ in Hamburg. Jedoch bleibt dabei offen, wodurch Sorgen und Stress verschwinden, weswegen auf Bautafeln die Verwendung der Key­word+Standort-Formel beliebter ist: „WAVE, waterside living berlin“, „Take it Isar“ oder die Hamburger Neubauten „WOW – Wohnen an der Au“ und „plietsch – Wohnen, wo die Alster läuft“. Das Wasser macht‘s!
Bei all jenen die nicht auf der Suche nach einer bescheidenen Oase sind, sondern nach vorzeigbarem Luxus im Stadtzentrum, funktioniert die Keyword+Vorteil-Formel besser. Der „Kaiser im Kiez“ mitten in Berlin sein, in München das „Big City Life“ genießen oder im „Munich Crowns“ passend zum Projektnamen bestmöglich eine Penthousewohnung ganz oben ergattern.
Als Architekt hat Sie noch keines der Projekte angesprochen? Wie stellen Sie sich den „Cube 4 you“ in Düsseldorf und die Projekte „Hábitat Verde“ und „Haussmann Homes“ in Stuttgart vor? Neugierig? Das ist die Zielgruppen-Formel. Offensichtlich waren hier keine übermüdeten Studenten am Werk. Oder doch?

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