Keine Experimente mehr

Der geplante Neubau des Rathauses Ahlen mag durch eine gewisse Plastizität an seinen Siebziger-Jahre-Vorgänger erinnern. Ansonsten hat die westfälische Mittelstadt entschieden, dieses Mal nicht ihren gewohnten Maßstab zu überschreiten.

Text: Kasiske, Michael, Berlin

    1. Preis Gerber Architekten gelingt nach Ansicht der Jury allseits gute Bezugnahme. Die Verschränkung zweier Kuben ergäbe spannende Ausblicke. Die Etagen seien klar erschlossen. Abb.: Architekten

    1. Preis Gerber Architekten gelingt nach Ansicht der Jury allseits gute Bezugnahme. Die Verschränkung zweier Kuben ergäbe spannende Ausblicke. Die Etagen seien klar erschlossen.

    Abb.: Architekten

    Abb.: Architekten

    Abb.: Architekten

    Abb.: Architekten

    Abb.: Architekten

    Abb.: Architekten

    Abb.: Architekten

    ein 3. Preis RKW Architektur + Rhode Kellermann Wawrowsky entwicklen zur Werse und zum südlich
    liegenden Stadtbibliothek einen neuen Platz. Die gefaltete Dachform schien den Juroren zu konzeptionell und für die repräsentative Bauaufgabe deplaziert.
    Abb.: Architekten

    ein 3. Preis RKW Architektur + Rhode Kellermann Wawrowsky entwicklen zur Werse und zum südlich
    liegenden Stadtbibliothek einen neuen Platz. Die gefaltete Dachform schien den Juroren zu konzeptionell und für die repräsentative Bauaufgabe deplaziert.

    Abb.: Architekten

    Abb.: Architekten

    Abb.: Architekten

    ein 3. Preis Code Unique Architekten zeichnen mit einem geschwungenen Baukörper den Flußlauf nach. Zwar hält das Preisgericht den Entwurf für etwas fremd im Kontext, lobt jedoch die abwechslungs­reiche Fassade und die selbstbewusste Form.
    Abb.: Architekten

    ein 3. Preis Code Unique Architekten zeichnen mit einem geschwungenen Baukörper den Flußlauf nach. Zwar hält das Preisgericht den Entwurf für etwas fremd im Kontext, lobt jedoch die abwechslungs­reiche Fassade und die selbstbewusste Form.

    Abb.: Architekten

    Abb.: Architekten

    Abb.: Architekten

    Postkarte Rathaus Ahlen, ca. 1980
    Abb.: Krapohl-Verlag

    Postkarte Rathaus Ahlen, ca. 1980

    Abb.: Krapohl-Verlag

Keine Experimente mehr

Der geplante Neubau des Rathauses Ahlen mag durch eine gewisse Plastizität an seinen Siebziger-Jahre-Vorgänger erinnern. Ansonsten hat die westfälische Mittelstadt entschieden, dieses Mal nicht ihren gewohnten Maßstab zu überschreiten.

Text: Kasiske, Michael, Berlin

Ob das „Kultur- und Verwaltungszentrum“ als Vision betrachtet wird, wegen der man Bundeskanzler Helmut Schmidt zufolge den Arzt aufsucht, oder als solche eines zeitgemäßen Rathauses, ist keine offene Frage mehr. In einem von den „Rathausfreunden Ahlen“ initiierten Entscheid bestätigte die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger im März 2020 den Rats­beschluss gegen die Sanierung; nach Dissens zwischen Unterer und Oberer Denkmalpflege war ein Unterschutzstellen vom zuständigen Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung bereits abschließend verneint worden.
Dabei galt die nunmehr zum Abriss bestimm­te Großstruktur der Düsseldorfer Architekten Brigitte und Christoph Parade als ein bürger­naher Typus, in dem Verwaltung, Kultur, städtische Dienstleistung wie die Sparkasse sowie ein Café zusammengebracht waren. Durch Blickachsen mit der pittoresken, kleinteiligen Altstadt verbunden, steht das achtgeschossige Bauwerk seit 1978 am Ufer des hier eigens auf­geweiteten Flüsschens Werse, einer stolzen Bürgerburg gleich, freilich transparent und offen. Leider unterblieb eine kontinuierliche Instandhaltung, so dass nun eine komplexe Sanierung vonnöten gewesen wäre. Ähnlich wie beim Rathaus von Harald Deilmann im 90 Kilometer entfernten Gronau, wo ein Bürgerverein allerdings erfolgreich den Bestand sicherte (Heft 41.2012).
Die Stadt Ahlen will die gemeindlichen Aufgaben jetzt auf ein „Stadthaus“ und ein „Bürger­forum“ verteilen. Beide sollen nördlich und südlich des heutigen Rathauses entstehen, an des­sen Stelle gemäß Machbarkeitsstudie ein großer begrünter Parkplatz tritt. Unter dem Titel „Bürgercampus Stadt Ahlen – Abschnitt I. Stadthaus“ wurde ein nicht offener Wettbewerb für fünfzehn interdisziplinäre Teams aus Architektur und Landschaftsarchitektur ausgelobt, von denen fünf gesetzt und zehn gelost worden waren. Nach pandemiebedingter Verzögerung hat die Jury im Februar 2021 einen ersten und zwei drit­te Preise sowie zwei Anerkennungen vergeben.
„Der Entwurf überzeugt in jeder Hinsicht – städtebaulich-architektonisch und funktional“, lau­tet das Urteil über den siegreichen Beitrag des Dortmunder Büros Gerber Architekten. Orientiert an den Gebäudefluchten der gegenüberliegenden Altstadt, schieben sich zwei rechtecki­ge Körper ineinander, um in der hier über alle drei Geschosse offenen Überlappung zentral erschlossen zu werden. Der nördliche Gebäudekopf ist um ein weiteres Geschoss erhöht, der südliche sogar um zwei, wodurch ein taktvolles Hinweisen auf den zukünftigen Bürgercampus gelingt.
Die aus den Fassaden zurückspringenden Zugänge von der Altstadt, mit Bezug zum Marktplatz, und vom Werseufer sind versetzt, sodass die diagonal das Foyer Passierenden für eine beiläufige Belebung sorgen werden. Auch die Position des separat erschlossenen Standesamts im südlichen Erdgeschoss nahe einer Freitreppe zum Wasser ist zweifelsohne charmant erdacht. Die Organisation der Bürogeschosse als Dreispänner wirkt erstaunlich luftig, das Preisgericht würdigt die „lounge-ähnlichen Bereiche.“ Allein die streng gerasterte Fassade, deren „Elemente aus Werkstein mit Natursteinzuschlag in der Jury offen diskutiert“ wurden, scheint der einstigen Provinz Westfalen das sattsam bemühte Bild von einem preußischen Amtsgebäude präsentieren zu wollen. Im Kontrast dazu bleibt die Freiraumgestaltung offen und – anders als der Bestand – wunschgemäß „übersichtlich.“
Das vom Preisgericht beabsichtigte Abheben des ersten von den beiden dritten Preisen lässt sich in den Perspektiven nachvollziehen. Die Entwürfe der Münsteraner Niederlassung von RKWArchitektur + Rhode Kellermann und von CODE UNIQUE Architekten aus Dresden erscheinen unausgewogener und erheblich voluminöser. Dem Ersteren, der drei überwiegend fünfgeschossige Mini-Blöcke wie pendelnde Waggons aneinanderhängt, attestiert das Preisgericht „die Gestaltung verharre ein wenig im formalen Konzept“ und erzeuge, wegen der aufgesetzten, in Richtung Altstadt und Werse gerichteten Giebel, „eventuell auch ungewollte Assoziationen zum Thema Wohnungsbau.“ Die Qualitäten des Entwurfs wurden in den Innenräumen ver­ortet, insbesondere die Höfe, „die zu einer sehr angenehmen Stimmung und Arbeitsatmosphäre beitragen.“
Städtebaulich nicht anbiedernd, vielmehr wie ein Solitär im Park tritt der Entwurf von CODE UNIQUE Architekten auf. „Der Baukörper formuliert mit seiner durchgängigen Fünfgeschossigkeit und seiner ‚Aufdickung’ im südlichen Bereich eine klare Haltung zum Ort“ urteilt das Preisgericht. Das dort befindliche, über alle Geschosse sich erstreckende Foyer „wird als kla­res ‚Herz’ für das Stadthaus ausgebildet.“ Kritisch erscheint hingegen die nicht klar ersicht­liche Abtrennung der Nutzungseinheiten innerhalb des geschwungenen Riegels. Die Zonierung in ein durchgängig transparentes Erdgeschoss und vier nicht weniger offene, jedoch durch starke Rahmen kleinteilig gegliederte Obergeschosse würden „dem Anspruch eines Stadthauses gerecht.“
Der Ahlener Wunsch nach einem zuvörderst funktionalen Verwaltungsgebäude spiegelt exemplarisch den Bedeutungswandel des Rathauses wieder. Sollte es vor 50 Jahren ein Ort sein, an dem sich Bürgerinnen und Bürger präsentieren und gleichzeitig repräsentiert werden, steht nun effizienter Service an erster Stelle. Folgerichtig hat die zukunftsfreudige Bürgerburg ausgedient, der kühle Pragmatismus des Politikers Schmidt ist offenbar das Gebot der Stunde.
Wer übrigens nach dem Abriss des heutigen Rathauses ausdrucksstarke Architektur der Nachkriegsmoderne vor Ort sehen möchte, dem sei die Villa Dr. Steimann in der etwa zehn Gehminuten entfernten Robert-Koch-Straße anempfohlen: ein soeben sanierter reiner Sichtbetonbau aus dem Jahr 1967, der im Werk seines Architekten Deilmann wie das etwas später entstandene Gronauer Rathaus eine herausragende Stellung einnimmt.
Realisierungswettbewerb
1. Preis
(56.800 Euro) Gerber Architekten, Dortmund
3. Preis (35.500 Euro) RKW Architektur + Rhode Kellermann Wawrowsky mit nts Ingenieurgesellschaft, alle Münster
3. Preis (35.500 Euro) CODE UNIQUE Architekten mit
RSP Freiraum, beide Dresden
Anerkennungen (je 7100 Euro) Günter Hermann Architekten, Stuttgart mit w+p Landschaften, Offenburg; Peter Bastian Architekten, Münster, mit Bimberg Landschaftsarchitekten, Iserlohn
Jury
Alexander Berger, Herr Matthias Harmann, Thomas Kozler, Volker Droste (Vorsitz), Susanne Schamp, Franz Pesch, Christa Reicher, Frank Lohrberg
Ausloberin
Stadt Ahlen
Wettbewerbsbetreuung
Deutsche Stadt- und Grundstücksentwicklungsgesellschaft, Bremen/Bielefeld

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