Gewölbtes

Die Davis Klemm Gallery ist eine kleine Kunstoase im Rheingau. Der Künstler Hein Spellmann zeigt dort derzeit seine „Berliner Mischung“

Text: Scheuermann, Anna, Offenbach am Main

    Blick in die Ausstellung Foto: Gregor Zawadzki

    Blick in die Ausstellung Foto: Gregor Zawadzki

    Fassade 312 Foto: Hein Spellmann

    Fassade 312 Foto: Hein Spellmann

Gewölbtes

Die Davis Klemm Gallery ist eine kleine Kunstoase im Rheingau. Der Künstler Hein Spellmann zeigt dort derzeit seine „Berliner Mischung“

Text: Scheuermann, Anna, Offenbach am Main

Unmittelbar an der Mündung des Mains in den Rhein liegt Kostheim (verwirrenderweise heißt der Stadtteil offiziell Mainz-Kostheim, gehört aber seit 1945 zu der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden). Viele Radfahrer kennen den Ort durch den beliebten Hessischen Radfernweg R6, der auf einer Länge von 400 Kilometern das gesamte Bundesland von Norden nach Süden durchquert und vor der Mainüberquerung ins Hessische Ried einmal durch Kostheim führt. Auch Weinliebhaberinnen werden die Kostheimer Lagen des Rheingaus kennen, Weingüter und Straußwirtschaften pflastern die Straßen. Doch selbst Ortskenner werden überrascht davon sein, dass sich ausgerechnet in dieser Umgebung nun auch eine Oase für moderne Kunst befindet. Die Davis Klemm Gallery hatte seit der Gründung im Jahr 2002 verschiedene Stationen in Frankfurt am Main und Wiesbaden, seit dem Sommer 2017 befindet sie sich im neuen Galeriegebäude in Kostheim (Entwurf: KAP Architektur Development, Ausführung und Innengestaltung: Leineweber Architekten). Schon die strenge Fassade aus diagonal angebrachten, natürlich alternden Lärchenholzlatten mit großzügigen bodentiefen Fenstern ist eine angenehme Abwechslung zu den weiß oder pastellfarben verputzten Nachbar-Wohnhäusern mit Lochfassade und Satteldach − und so hat sich bereits die ein oder andere neugierige Radfahrerin zum Anhalten und Absteigen bewegen lassen. In Holzständerbauweise konnte das kubische Gebäude in wenigen Monaten errichtet werden, sodass die erste Ausstellung in den eigenen Räumen wie geplant am 23. Juni 2017 eröffnete: „Werner Berges: Damals und heute“.
Diverse nationale und internationale Künstler werden von der Galeristen Erika Davis-Klemm vertreten. Ihre meist urbane Stammkundschaft aus aller Welt genießt mittlerweile den Ausflug in den heimeligen Rheingau, und die nächste Autobahnabfahrt im gut vernetzten Rhein-Main-Gebiet ist ja nicht weit. Doch ausgerechnet im zweiten Corona-Frühjahr 2021 zeigt sie nun die erste Ausstellung von Hein Spellmann – die Eröffnung war ursprünglich für 2020 vorgesehen, die Vernissage musste Pandemie bedingt Anfang März 2021 ausfallen, jetzt ist die Galerie bis auf Weiteres, außer für mögliche Einkäufe mit Click & Collect, wieder geschlossen. Wie traurig für all die Kunstliebhaberinnen und Architek­tur­interessierten, denn Hein Spellmanns Kunstobjekte, die zwischen zwei und drei Dimensionen changieren, verdienen eine weitaus größere Aufmerksamkeit!
Der Berliner Künstler hat in den vergangenen Jahren seine auf gewölbten Schaumstoff aufgezogenen Fotokunstwerke immer wieder verfeinert und leicht verändert. Während er mit Fotoausschnitten von Plattenbauten begann und diese in neuen Arrangements wieder zusammensetzte, zeigt seine Hängung in Kostheim eine Auswahl von Berliner Fassadenausschnitten und trägt den Titel „Berliner Mischung“. Seine Arbeiten mit reduzierten Titeln wie „Bürohaus“ oder „Botschaft“ hängen in dem weiß gestrichenen Ausstellungsraum auf Augenhöhe und ganz selbstbewusst nebeneinander. Jeder Ausschnitt zeigt sowohl geschlossene Fassadenelemente wie auch durchlässige Fenster, die einerseits die Umgebung reflektieren und andererseits ausgewählte Einblicke in das Gebäudeinnere ermöglichen. Diese Zweideutigkeit und weitere implizite Gegensätze (wie u.a. Reihung vs. Detail, Volumen vs. Fassade, Realität vs. Künstlichkeit, Immobilität vs. Mobilität) machen die Beschäftigung mit diesem Werkzyklus Hein Spellmanns so reizvoll. Je näher man an die Fotografien tritt, um weitere Details wie Zimmerpflanzen oder Wasserkästen zu entdecken, desto mehr mischt sich auch die Reflexion der Galerieräume mit in die Kunstwerke. Nur an einer Wand wird die klare Reihung aufgehoben, dort hängen die kleinformatigen Objekte, die allesamt „Fassade“ (durchnummeriert von 232 aus dem Jahr 2014 bis 394 aus dem Jahr 2020) heißen. Sie erinnern an bunte Bonbons oder futuristische Raummodule, der architektonisch versierte Betrachter beginnt hier zu träumen und eigene Szenen zu entwerfen.
Die Schau zeigt auf, vor allem in diesen von der Digitalisierung geprägten Monaten, wie wichtig die analoge Annäherung und Beschäftigung mit Kunst und Architektur ist, um aus den ständig präsenten virtuellen Ansichten auf unseren zweidimensionalen Bildschirmen wieder dreidimensionale und lebendige Welten vor unseren Augen und in unseren Köpfen entstehen zu lassen.

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