Eine neue Bühne, gerahmt von NS-Architektur

Die Nürnberger Oper soll interimsweise in die Kongresshalle ziehen. Der zuvor geplante Konzerthaus-Neubau scheint gestorben. Damit vollzieht die Stadt einen radikalen baukulturellen Richtungswechsel.

Text: Tausch, Gunnar, Nürnberg

    Entwurf von gmp für die Interimsspielstätte der Oper: ein Holzbau im Hof der nicht vollendeten Kongresshalle auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände.
    Bild: gmp Architekten

    Entwurf von gmp für die Interimsspielstätte der Oper: ein Holzbau im Hof der nicht vollendeten Kongresshalle auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände.

    Bild: gmp Architekten

    2018 gewannen Topotek 1, super future collective und Johannes Kappler einen offenen Wettbewerb für den Neubau des Konzerthauses. Die Pläne hierfür scheinen nun aufgegeben.
    Bild: Topotek 1, super future collective, Johannes Kappler

    2018 gewannen Topotek 1, super future collective und Johannes Kappler einen offenen Wettbewerb für den Neubau des Konzerthauses. Die Pläne hierfür scheinen nun aufgegeben.

    Bild: Topotek 1, super future collective, Johannes Kappler

Eine neue Bühne, gerahmt von NS-Architektur

Die Nürnberger Oper soll interimsweise in die Kongresshalle ziehen. Der zuvor geplante Konzerthaus-Neubau scheint gestorben. Damit vollzieht die Stadt einen radikalen baukulturellen Richtungswechsel.

Text: Tausch, Gunnar, Nürnberg

Ein neues Konzerthaus – von diesem Bauvorhaben ging vor vier Jahren ein Aufbruchssignal für Nürnberg aus. Die Büros Topotek 1, super future collective und Johannes Kappler hatten 2018 einen offenen Wettbewerb mit 245 Teilnehmern gewonnen und wurde mit der Planung beauftragt. Neben dem Konzertsaal sollte im Zusammenspiel mit der Meistersingerhalle auch eine Ausweichspielstätte für die sanierungsbedürftige Nürnberger Oper entstehen. Nun aber gab es eine Kursänderung: Die Oper soll interimsweise in die NS-Kongresshalle. Am Konzerthaus wird nicht weitergeplant.
Bis zuletzt hatten die 1. Preisträger engagiert für das Konzerthaus als bessere und günstigere Lösung auch für das Opern­interim geworben. Doch selbst ein offener Brief an Staatsministerin Claudia Roth bewirkte wenig. Dabei ist der nun beschlossene Standort für die Oper in der Kongresshalle umstritten. Die Halle ist ein kolossaler, unvollendeter Bau der NS-Diktatur. Nach Hitlers Wunsch sollten in der Halle vor 50.000 Menschen die Rassengesetze verkündet werden. Doch der Bau konnte nie fertiggestellt werden, nach 1939 wurde nicht mehr an ihm gebaut. Geblieben ist ein sperriger, hufeisenförmiger Rohbau mit zwei Kopfbauten am Nürnberger Dutzendteich. Einer der Kopfbauten beherbergt seit 2001 das Dokumentationszentrum „Reichsparteitagsgelände“, das von dem Architekten Günther Domenig gestaltet wurde. In Zukunft soll die Kongresshalle den baulichen Rahmen für die Nürnberger Oper bilden.
Es könnte so der Eindruck entstehen, dass die Monumentalität der NS-Architektur als „production value“ großbürgerlicher Eventkultur recycelt wird. Hitlers Leidenschaft für die Oper und für Wagner wird dabei allerdings offenbar nicht als problematisch empfunden. In einer Machbarkeitsstu­die zur Nutzung der Halle, die als Vorbereitung zu einem Gutachterverfahren erstellt wurde, heißt es sogar: Ziel sei es, „einen kulturellen Kraftort von nationaler und internationaler Bedeutung und Strahlkraft zu schaffen“. Kraftort? Strahlkraft? Am Nürnberger Reichsparteitagsgelände? Man möchte entgegen: Passt auf, dass Wahnfried hier nicht bald den Reichswald zu laut rauschen hört!
Nun könnte man einwenden, am Erinnerungsort sei ja nur eine temporäre Nutzung geplant. Leider nein! Nachgedacht wird längst schon über eine langfristige Lösung. Offiziell soll die Interimsnutzung bislang zehn Jahre dauern, der Zeitraum, der angeblich nötig sei für eine Sanierung der alten Oper in der Stadt. Veranschlagt wurden jedoch Kosten von 100 bis 135 Millionen Euro allein für das „Interimsprojekt“ am NS-Bau. Es ist kaum vorstellbar, dass man diesen Betrag nur für zehn Jahr ausgeben möchte. Das Raumprogramm, das dabei umgesetzt werden soll, ist eine Wunschliste des Nürnberger Staatstheaters mit insgesamt 15.500 Quadratmeter Nutzfläche inklusive einer großen Seitenbühne, die es bislang nicht gab. Zudem sollen etwa 11.500 Quadratmeter Verwaltungs- und Nebenräume im „Hufeisen“ untergebracht werden. Über die Stadt verstreute Abteilungen der Oper sollen so gebündelt werden. Dieses Raumprogramm wäre im Altbau kaum umsetzbar, weil schlicht der Platz fehlt. Schon deswegen ist es fraglich, ob die Oper jemals in ihr Stammhaus zurückziehen wird. Ministerpräsident Markus Söder hat sich daher bereits im Februar öffentlich für eine Dauerlösung der Spielstätte in der Kongresshalle ausgesprochen. Die für die Sanierung der Oper in der Stadt bislang veranschlagten 500 Millionen Euro könnte man sich dann sparen. Doch alle Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen. Bislang fehlt an beiden Standorten die notwendige Planung, um von belastbaren Kosten sprechen zu können.
Bekannt ist immerhin, dass im Rohbau der Kongresshalle noch Kostenrisiken schlummern. Ein statisches Gutachten hat Risse im Mauerwerk, Abplatzungen im Beton, Korrosion bei den Kappendecken und das Fehlen einer Bewehrungsüberdeckung festgestellt. Ungünstig ist auch, dass der NS-Torso eigentlich gar keine Nutzflächen aufweist. Als überdimensionaler Erschließungsraum für 50.000 Menschen besteht er nur aus Treppen, sehr großer Wandelgänge und unbelichteten Nebenräumen. Zum Hof gibt es keine Fenster, weil in ihm der riesige Saal geplant war. In solch einem Bestand eine Verwaltung mit Nebenräumen der Oper unterzubringen ist so einfach wie aus einer Tiefgarage einen Kindergarten zu machen.

Ein Operngang wie ein Stadionbesuch

Der dauerhafte Auszug der Oper aus der Innenstadt würde für die Stadt auch einen Verlust an Urbanität bedeuten. In Zukunft läge die Oper in der Peripherie an einer vielbefahrenen Straße. Der Operngang würde atmos­phärisch zu einem Stadionbesuch verkommen. Nachhaltig ist allein die Verkehrserzeugung nicht. Unklar ist auch, was aus der Oper am Altstadtring werden soll, wenn das Haus nicht weiter als Oper genutzt wird. Böse Zungen in Nürnberg witzeln schon, dass in diesem Fall ja Gerd Schmelzer, ein stadtbekannter Baulöwe, die Opernimmobilie kostengünstig erwerben könne. Schmelzer hat mit der öffentlichen Hand in Nürnberg bereits gute Geschäfte gemacht. So gute Geschäfte, dass sich der Landtag im Mai des Jahres schon damit beschäftigen musste. Gerd Schmelzers Ehefrau Julia Lehner (CSU) ist derzeit Kulturreferentin und zweite Bürgermeisterin in Nürnberg. Sie ist zuständig für das Operninterim.
Das nun eingeschlagene Planungsverfahren für die Oper unterscheidet sich deutlich vom Verfahren für den Konzerthausneubau. Statt eines of­fenen, anonymen Wettbewerbs wurde ein Gutachterverfahren mit acht bekannten Büros durchgeführt: BIG, Snøhetta, Sauerbruch Hutton, gmp Architekten, Bez + Kock, glöcknerhochdrei, Hilmer Sattler Architekten und Lederer Ragnarsdóttir Oei. Nach dem Gutachterverfahren soll eine GÜ-Vergabe stattfinden. Städtische Angestellte haben zudem von ihrer Dienstherrin Lehner einen Maulkorb bekommen: Sie sollen sich nicht öffentlich über das Projekt äußern. Die Beiträge der acht Büros zeigen, wie problematisch die Aufgabenstellung ist. Denn neben dem kolossalen Hufeisen-Bau kann volumetrisch, maßstäblich und formal eigentlich kein Baukörper bestehen. Der imperiale Gestus der alten Mauern erdrückt alles durch sei-ne Masse und Größe. Die solitäre Form des Hufeisens tut ihr Übriges und verweigert sich durch ihre Rundung allen Einbauten innen wie Anbauten außen.
Nach Vorlage der acht Lösungen hat sich die Stadt für eine Bebauung des Innenhofs entschieden. Obwohl es keinen offiziellen Favoriten oder Preisträger gibt, erscheint gmp als das Pferd, auf das künftige GÜs setzen könnten. Das Büro hat in München den Ausweichssaal für den Gasteig errichtet, der viel gelobt und zur „Isarphilharmonie“ geadelt wurde. Und was in München funktioniert, kann in Nürnberg doch nicht falsch sein. Der Entwurf von gmp sieht im Hof einen orthogonalen Holzbau vor, der Abstand zuden Wänden des Hufeisens hält und nur über eine minimale Verbindung zum NS-Bau verfügt. Erschlossen wird die Oper nicht über den Bestand, sondern über die offene Seite des Rundbaus am Dutzendteich. Damit wird die Kongresshalle nicht selbst zum Gesicht der Oper. Der bislang leere Hof würde jedoch – unabhängig davon, welcher Entwurf realisiert wird – zugerümpelt. Der Freiraum zerfiele in Teilräume mit Abstands- und Restflächen. Vor allem ginge die Leere verloren. Dabei ist gerade die Leere für den historischen Blick auf das Bauwerk von Bedeutung. Günther Domenig hat den Hof bei der Gestaltung des Dokumentationszentrums in einem der beiden Kopfbauten ins Blickfeld gerückt und als Ende seiner dekonstruktiven Achse durch einen Ausblick inszeniert. Der Blick ins Nichts der NS-Ruine ist daher auch der Endpunkt der Führungen durchs Zentrum. Diese ausgestellte Leere könnte verschwinden, wenn nicht bald ein öffentlicher Aufschrei der Empörung zu vernehmen ist.
Videoaufzeichnung: Hearing zum Gutachterverfahren Opernhausinterim

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