Catching A Slippery Fish – das Vermächtnis von Frank Gehry
„Wenn die Legende zur Wahrheit wird, druck die Legende“, sagt der Chefredakteur einer Zeitung in John Fords Western „Der Mann, der Liberty Valence erschoß“ von 1962. Kein amerikanischer Architekt seit Frank Lloyd Wright hat so eifrig einen Mythos um sich selbst geschaffen wie Frank Gehry. Ein Nachruf
Text: Dimendberg, Edward
Catching A Slippery Fish – das Vermächtnis von Frank Gehry
„Wenn die Legende zur Wahrheit wird, druck die Legende“, sagt der Chefredakteur einer Zeitung in John Fords Western „Der Mann, der Liberty Valence erschoß“ von 1962. Kein amerikanischer Architekt seit Frank Lloyd Wright hat so eifrig einen Mythos um sich selbst geschaffen wie Frank Gehry. Ein Nachruf
Text: Dimendberg, Edward
Frank Gehry gilt unbestritten als zentrale Figur der amerikanischen Architektur der letzten fünfzig Jahre und als einer der einflussreichsten Architekten seiner Zeit. Wie Wright war er eine überlebensgroße öffentliche Persönlichkeit und scheute sich nie, sein Genie hervorzuheben. Beide Architekten realisierten Hunderte von Bauwerken, darunter Wohnhäuser, Gewerbebauten, Bildungsstätten. Sie waren Pioniere, deren technische Innovationen und Raumkonzepte das Fachgebiet für immer veränderten. Und sie waren Träumer, deren gebaute und nicht gebaute Entwürfe in die Architekturgeschichte eingegangen sind.
Gehry, 1929 in Toronto geboren, war ein jüdisch-amerikanisches Wunderkind wie Bob Dylan, Philip Roth und Diane Arbus, deren Familien ebenfalls aus Europa in die Vereinigten Staaten emigriert waren und deren Werke bis dahin übersehene Dimensionen der amerikanischen Erfahrung herausstellten und zu einem festen Bestandteil der amerikanischen Kultur wurden. Gehry verstand sich als Architekt unter Künstlern und schätzte seine Freundschaften und Verbindungen zu Robert Rauschenberg, Richard Serra, Robert Irwin, dem Keramiker Kenneth Price und den mit der Ferus Gallery verbundenen Künstlern, wobei Ed Ruscha noch immer die wichtigste Persönlichkeit ist. Auch wenn es nicht immer leicht ist, Spuren ihrer Arbeit in seinen eigenen Werken zu erkennen, so lässt seine Begabung, die gebaute Umwelt auf neue Weise wahrzunehmen und alltägliche Materialien fantasievoll einzusetzen, keinen Zweifel an seiner Kreativität.
Als das ColorCore-Laminat von Formica, mit dem er an einem Projekt arbeitete, auf den Boden fiel und in Stücke zerbrach, fand Gehry, dass diese wie Fischschuppen aussahen, und verwendete sie in Lampen, die bald zu begehrten Sammlerstücken wurden und sich in den Fischskulpturen wiederfanden, die er in Kobe (1987) und Barcelona (1992) realisierte. Allerdings behauptete er wiederholt, seine lebenslange Faszination für Fische – ein zentrales Motiv in seiner Architektur – stamme von seiner Mutter, die in der Badewanne der Familie einen Karpfen hielt, um „Gefilte Fisch“ zuzubereiten, und diese Anekdote verlor trotz ihrer zweifelhaften Wahrhaftigkeit nie ihren Reiz und unterstrich seine Meisterschaft im Erzählen von Geschichten.
In den ersten Jahren seiner Karriere präsentierte er sich mit einer unbeholfenen „Was soll’s“-Haltung, die viele mit der Figur Columbo verglichen, die unvergesslich von Peter Falk in der gleichnamigen Fernsehserie gespielt wurde. Diese harmlose Erscheinung kam ihm bei seinen Kunden zugute und täuschte über die messerscharfe Präzision seiner architektonischen Ziele hinweg. Anfangs leugnete er jegliche Einflüsse und präsentierte sei-ne Architektur als völlig sui generis, was angesichts dessen, dass sie sich nicht in eine einzige Kategorie oder Bewegung (Modernismus, Postmodernismus, Dekonstruktivismus) einordnen ließ, durchaus plausibel erschien. In den letzten Jahrzehnten seiner Karriere wurde er lockerer und gab zu, sich intensiv mit den Werken von Richard Neutra, Rudolph Schindler, Gordon Drake sowie der mediterranen und japanischen Architektur beschäftigt zu haben. Als ich in den 1990er Jahren als Akquisitionsredakteur arbeitete, wandte ich mich an Gehry, um ihn zu einer Sammlung von Essays meines Lehrers Reyner Banham (ein früher Bewunderer seiner Arbeit) um einen Rat zu bitten. Er schickte mir einen sehr eingehenden Brief, und ich war überrascht, als er sich Gedichtbände als Honorar wünschte. Gehrys sorgfältig gepflegtes Image als Mann des Volkes täuschte über sein tiefes Wissen über Kultur und Geschichte hinweg, das sich in seinen Entwürfen für eine Ausstellung russischer Avantgarde-Kunst, in Bühnenbildern für Wagner-Opern und in vielen Kunstmuseen zeigte. Auch wenn er wenig schrieb, war er doch ein Intellektueller.
Nachdem er zunächst für den Wiener Einwanderer Victor Gruen, den Erfinder des Einkaufszentrums, im Bereich der Gewerbearchitektur gearbeitet hatte, führte die Kluft zwischen seinem Tagesjob und seinen eigenen architektonischen Neigungen zu einer wachsenden Dissonanz. Anfang der 1960er Jahre machte er sich selbstständig und gründete 1967 Frank Gehry and Associates. Frühe Werke wie der Merriweather Post Pavilion (1967) und die Davis Residence and Studio (1972) offenbarten seine Vorliebe für gewöhnliche Materialien, hochfliegende Räume und offene Raumkonzepte. Der Durchbruch gelang ihm mit seinem eigenen Haus, das er 1978 in Santa Monica fertigstellte. Dieser Bau war so originell, dass Jean-Louis Cohen, Herausgeber des ersten Bandes der gesammelten Werke des Architekten, behauptete, er hätte Gehry einen Platz in der Architekturgeschichte gesichert, selbst wenn er danach nichts mehr gebaut hätte.
Gehry umhüllte ein kleines Haus im niederländischen Kolonialstil auf einem Eckgrundstück mit einer Hülle aus Wellblech, Maschendrahtzaun und Sperrholz. Anschließend „entkleidete“ er das Innere und entfernte die Deckenverkleidung und Wände, wobei er manchmal Teile des alten Hauses mit einer Kettensäge wegschnitt. Die neuen Fenster wurden mit Drahtglas versehen, der Küchenboden wurde mit Asphalt gepflastert – Materialien, die Gehry als „billig“ bezeichnete und die man normalerweise nicht mit Wohnlichkeit in Verbindung bringt. Das Ergebnis war jedoch eine warme und gemütliche Umgebung, die die Grenzen zwischen Innen und Außen verschwimmen ließ und deren freiliegende Holzbalken und informelle Räume von Licht durchflutet waren und Ausblick in die Bäume boten. Trotz der anfänglichen Entrüstung seiner Nachbarn wurde das Haus bald zu einer Ikone in Los Angeles, das dessen widersprüchliche Elemente akzeptierte und fröhlich in das Reich der Kunst erhob. Es trug maßgeblich dazu bei, dass sein Architekt 1989 den Pritzker-Preis erhielt, eine von vielen Auszeichnungen, die noch folgen sollten. Als er es leid war, dass ständig Architekten und Studenten an seine Haustür klopften, zog Gehry aus und baute sich ein aufwendigeres Haus in Strandnähe.
Das 1997 fertiggestellte Guggenheim-Museum in der nordspanischen Stadt Bilbao setzte diese „Explosion of the Box” fort und war Vorreiter für die groß angelegte Umgestaltung von Städten und Regionen, die von der Deindustrialisierung betroffen waren, zu kulturellen Einrichtungen, die später als Beispiele für den „Bilbao-Effekt” gelobt oder geschmäht wurden (Bauwelt 13.1997). Nahezu alle Beispiele für „Architekturtourismus“ folgen heute diesem Weg.
Für die Gestaltung der geschwungenen, organischen, skulpturalen Formen des Museums musste die CATIA-Software (Computer Aided Three-Dimensional Interactive Application) umgeschrieben werden, die ursprünglich von der französischen Firma Dassault für die Konstruktion von Flugzeugen entwickelt worden war. Gehry verwandelte diese Innovation in ein hochprofitables Unternehmen, Gehry Technologies, und stellte damit seinen Geschäftssinn unter Beweis.
Das Guggenheim in Bilbao beschleunigte den Einsatz digitaler Design- und Fertigungstechnologien in der Architektur, und Gehry wies stolz da-rauf hin, dass das Museum drei Millionen Dollar weniger gekostet habe als das Budget von 100 Millionen Dollar. Dennoch war kein Raum im Inneren des Museums auch nur annähernd so beeindruckend wie sein Äußeres. Einige Stimmen kritisierten daher, Gehry habe seine Energie in die skulp-turale Hülle gesteckt und das Innere nur als Nebensache betrachtet. Der Vorwurf, er sei ein „Façadista”, der nicht ganz unberechtigt war, sollte ihn für den Rest seiner Karriere begleiten.
Ein solcher Vorwurf konnte jedoch nicht in Bezug auf die Disney Concert Hall (Bauwelt 46.2003) erhoben werden, in der geschwungene Metallformen einen Konzertsaal beherbergen, der stark von Hans Scharouns Berliner Philharmonie beeinflusst ist. In enger Zusammenarbeit mit dem japanischen Akustiker Yasuhisa Toyota entwarfen Gehry und sein Team einen Saal, dessen Akustik mit den besten Konzertsälen der Welt mithal-ten kann. Die gewundenen Korridore, der kleine Saal für Einführungsvorträge vor den Konzerten und der begrünte Innenhof erfreuen sich bei Einheimischen und Besuchern gleichermaßen großer Beliebtheit und machten die Disney Hall zum schönsten öffentlichen Raum und zum Wahrzeichen von Los Angeles. Wie Charles und Ray Eames war auch Gehry zu einem erfolgreichen Exporteur des Designs südkalifornischer Prägung in die ganze Welt geworden.
Die Disney Hall hatte mit Verzögerungen zu kämpfen und überschritt das ursprüngliche Budget von 100 Millionen Dollar um 174 Millionen. Anfangs blendete die glänzende Stahlfassade Busfahrer, versengte den Bürgersteig, überhitzte die umliegenden Wohnhäuser und musste nach der Fertigstellung modifiziert werden. Als das im folgenden Jahr eröffnete Stata Center am MIT Undichtigkeiten, Schimmelbefall und Entwässerungsprobleme aufwies, verklagte die Universität den Architekten und den Bauunternehmer. Die Umsetzung beispielloser Entwürfe, die mit der euklidischen Geometrie brachen und Formen in die Architektur einführten, die die Welt noch nie gesehen hatte, war nicht ohne Probleme zu erreichen. Dies hinderte Gehry jedoch nicht daran, sich von einem regionalen zu einem weltweit gefragten Architekten zu entwickeln. Das milde Klima Südkaliforniens, die unausgewogenen urbanen Gegensätze, die glamouröse Medienkultur, die wagemutigen Auftraggeber und das banale Stadtbild bildeten den Nährboden, auf dem seine Werke wuchsen. Heute fällt es schwer, nicht mit Wehmut an die Jahrzehnte vor der Globalisierung der Architektur zurückzudenken, als eine Karriere als regionaler Architekt noch nicht als Einschränkung galt.
Wenn Gehry Los Angeles guttat, so tat auch die Stadt ihm gut und beflügelte seine Arbeit auf eine Weise, die sich nicht immer auf seine Gebäude an anderen Orten übertragen ließ. Viele Projekte, die in den letzten Jahrzehnten seiner Karriere fertiggestellt wurden, erschienen einigen Be-obachtern als trockene formale Übungen, die dazu dienten, einen Standpunkt zu beweisen oder die Möglichkeiten neuer Technologien zu demonstrieren. Die DZ Bank in Berlin (Bauwelt 38.2001) galt manchen als Gehrys Sixtinische Kapelle, während andere den kokonartigen Veranstaltungsraum im Inneren als überdesignt empfanden.
Als hätte sie Gehrys ständiges Bedürfnis, zu schockieren und zu beeindrucken, vorausgesehen, schrieb seine enge Freundin Joni Mitchell, für die er einmal eine Treppe auf einer Konzertbühne entworfen hatte, 1974 in ihrem Song Woman of Heart and Mind: „The times you impress me most are the times when you don’t even try.“ Gehry versuchte es immer, aber wenn seine Architektur zu sehr darauf aus war, zu beeindrucken, konnte sie so formelhaft wirken wie die weißen Kästen des Modernismus, deren Infragestellung er seine Karriere gewidmet hatte. Die Rohheit des Lagerhauses, das er für das Los Angeles Museum of Contemporary Art (1983) in die Temporary (heute Geffen) Contemporary Galleries umwandelte, und die Integration einer Fernglas-Skulptur von Claes Oldenburg in den Hauptsitz der Werbeagentur Chiat/Day (1991) unterstreichen seine Fähigkeit, mit einfachen Mitteln kraftvolle Architektur zu verwirklichen.
Dass er zwischen dem Entwurf des rund neun Hektar großen Campus von Facebook im Herzen des Silicon Valley (2018) und der unentgeltlichen Umgestaltung einer Bank zum Sitz des Los Angeles Youth Orches-tra (2022) im benachteiligten Stadtteil Inglewood wechseln konnte, zeugt von einer umfassenden Sensibilität, bei der die nüchterne Erkenntnis, dass nur wohlhabende Firmenkunden seine Ambitionen unterstützen konnten, neben seinem lebenslangen Engagement für eine liberale Politik existierte. Gehrys Karriere fiel zeitlich mit dem Rückgang öffentlicher Auftraggeber während des globalen Aufstiegs des Neoliberalismus und der zunehmenden Monopolisierung innovativer Architektur durch multinationale Konzerne zusammen. Gehry war nie ein Utopist, sondern stets Realist, und gab sich nicht der Illusion hin, dass sein Beruf den Status quo grundlegend verändern könnte, auch wenn die Grundfesten vieler demokratischer Gesellschaften immer mehr ins Wanken zu geraten schienen. Aber er engagierte aufstrebende Architekten wie Michael Maltzan, Thom Mayne und Craig Hodgetts, die alle erfolgreich Karriere machten, und so kann Gehrys Studio durchaus als das wichtigste und am längsten bestehende Architekturbüro in der Geschichte der Stadt angesehen werden.
Mit dem Erwerb von Gehrys Archiv an Zeichnungen, Dokumenten, Geschäftsunterlagen und Modellen aus den Jahren 1954 bis zu seinem Wettbewerbsbeitrag für die Disney Hall im Jahr 1988 durch das Getty Research Institute wird es einfacher werden, sich mit seinen Leistungen und Grenzen auseinanderzusetzen. Heute scheinen seine Botschaft, sein völlig unzynischer Glaube, dass Kultur und Kommerz nicht unvereinbar seien, so-wie sein unerschütterlicher Optimismus und seine Willenskraft bereits Überbleibsel einer Zeit zu sein, die sich stark von einer eher dystopischen Gegenwart unterscheidet. Frank Gehry starb am 5. Dezember 2025 in Santa Monica.
Übersetzung aus dem Englischen: Beate Staib






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