Aurich, Dessau, Zürich, Atlanta

Avantgarde aus der Provinz: Hin Bredendieck war einer von vier Oldenburgern, die ans Bauhaus gingen

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

    Portrait von Hin Bredendieck von 1928.
    Foto: Sammlung Freese

    Portrait von Hin Bredendieck von 1928.

    Foto: Sammlung Freese

    Hin Bredendieck arbeitete nicht nur an Möbeln, sondern auch an Collagen.
    Abb.: Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg/Sven Adelaide

    Hin Bredendieck arbeitete nicht nur an Möbeln, sondern auch an Collagen.

    Abb.: Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg/Sven Adelaide

    Beide entstanden um 1930.
    Abb.: Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg/Sven Adelaide

    Beide entstanden um 1930.

    Abb.: Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg/Sven Adelaide

Aurich, Dessau, Zürich, Atlanta

Avantgarde aus der Provinz: Hin Bredendieck war einer von vier Oldenburgern, die ans Bauhaus gingen

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

Nicht erst zum Ende des Bauhausjubeljahres kam wohl bei so manchem Ernüchterung auf. Weniges von dem, was man während der letzten Monate zu sehen, zu hören und zu lesen bekam, überraschte mit Unbekanntem, originellen Zugängen oder Querbezügen. Die etablierte Bauhaus-Rezeption entlang der bekannten, prominenten Größen scheint erschöpft.
Umso erfreulicher, dass sich das Landesmuseum Oldenburg des Vermächtnisses seines Gründungsdirektors Walter Müller-Wulckow (1886–1964) besann (Bauwelt 46.2013), der in seiner vorherigen Tätigkeit als Kunstkritiker in Frankfurt der allererste publizistische Förderer des Bauhauses war und, nach seinem Amtsantritt 1921, dessen Programmatik durch Ausstellungen sowie Ankäufe in der Provinz vertrat. Und: Er ermutigte vier junge Männer aus dem hohen Nordwesten zur Ausbildung am Bauhaus.
Der künstlerisch Gewichtigste der vier war Hin Bredendieck, 1904 in Aurich unter bescheidenen Verhältnissen geboren, 1995 in Atlanta, Georgia, als Professor im Ruhestand verstorben. Seine Zeit in Dessau ist gut belegt: Nach seiner Tischlerlehre und für ihn unergiebige Studien an Kunstgewerbeschulen ging Bredendieck 1927, einige Monate nach dem Oldenburger Hermann Gautel (1905–1945), ans Bauhaus. Beide fanden dort eine bezahlte Tätigkeit im Produktionsbereich der Metallwerkstatt unter László Moholy-Nagy, ab 1928, Marianne Brandt. Bekannte Produkte sind die in großer Stückzahl vertriebenen Schreibtisch-, Haushalts- und Architekturleuchten für den Leipziger Hersteller Kandem. Im Dessauer Bauhaus Museum vertreten, bezeugten sie bereits 2017 in der Ausstellung „Das Handwerk wird modern“ die erfolgreiche Entwicklungsarbeit für die Industrie (Bauwelt 11.2017).
Das Duo „Hin und Her“ schuf auch betont am Gebrauchswert orientierte einfache Möbel – „Standardprodukte“ gemäß des Diktums von Bauhausdirektor Hannes Meyer –, wie 1930 einen Hocker aus Stahlrohrgestell und Sperrholzschale. Im selben Jahr erhielt Bredendieck das Bauhausdiplom Nr. 11 und ein Zeugnis, das seine spezi­elle Befähigung in der Beleuchtungstechnik hervorhob. Er arbeitete in Berlin bei Moholy-Nagy und Herbert Bayer, zudem immer wieder mit Gautel, der 1933 in Oldenburg ein Einrichtungsgeschäft mit eigener Tischlerei gründete.
Dass Bredendieck zu der großen Schar Emigranten zählt, die Bauhaus-Ideen für Berufspraxis und Hochschullehre international aufschloss, wurde von der Bauhaus-Forschung bislang weitgehend ignoriert. Dieses Desiderat sah man in Oldenburg, präsentierte nach zweijähriger Forschung in einer umfangreichen Ausstellung zum Jubiläumsjahr erste Einblicke in Biografie und Werk, gemeinsam mit den drei lokalen (sowie weiteren) Bauhauskollegen. Im Frühjahr 2020 soll eine zweisprachige Monografie zu Hin Bredendieck erscheinen. Der Nachlass aus 30 Kisten Briefen, Notizen, Fotografien, Skizzen und Entwürfen, der 2018 als Leihgabe nach Oldenburg kam und 2019 aus irischem Familienbesitz erworben werden konnte, liefert dafür wichtige Aufschlüsse. Das Symposium „Deutsche Design-Emigranten“ vertiefte zudem kürzlich die migrantischen Wege von Personen und Ideen nicht nur des Bauhauses in viele Kontinente, die Frage, wie neue Einflüsse Biografie und Werk prägten, aber auch nach einem möglichen gedanklichen Rückfluss in das Ursprungsland.
Eine bislang noch nicht ganz ausgedeutete Phase im Leben Bredendiecks ist etwa seine zweijährige Tätigkeit, ab 1932, in der Schweiz. Seiner Zusammenarbeit mit dem Kunsthistoriker und Ingenieur Sigfried Giedion verdankt das Schweizer Design unter anderem die bis 1967 vertriebene Indi-Leuchte der BAG (Schweizerische Broncewarenfabrik AG) in Turgi. Der freistehende Deckenfluter wurde in sechs Varianten, darunter auch als vereinfachtes „Volksmodell“, produziert, als eine in der Höhe ausziehbare Version und in Verbindung mit einer „Anhängelampe“ für gerichtetes Leselicht. Er kombinierte die gleichmäßige Ausbeute indirekten Lichts mit einem dezent effektvollen Lichtaspekt: Der Reflektor ließ durch einen umlaufenden Schlitz Streiflicht nach unten heraustreten, machte so die Leuchte selbst zum beleuchteten Objekt im Raum. Mit indirekter Lichttechnik illuminierte Bredendieck auch den Verkaufsraum der von Giedion mitbegründeten Wohnbedarf AG in der Zürcher Talstraße.
1934 zurück in Oldenburg, folgten neuerliche Arbeiten mit Gautel, Bredendieck inspirierte dessen Möbelentwürfe nun mit Anleihen aus dem Schweizer Interieur. So deutet Gloria Köpnick, die am Landesmuseum den Nachlass erschließt, ein aufgeständertes Bücherregal, eine variable Couch sowie den Einsatz eines Deckenfluters, nun von WMF. Als letzte gemeinsame Realisierung entstand die in Fragmenten im Landesmuseum erhaltene Schütte-Lanz-Ehrenhalle für zwei lokale Luftfahrtpioniere, bevor Bredendieck im September 1937 mit seiner amerikanischen Frau, der Bauhäuslerin Virginia Weisshaus, in die USA emigrierte. Dort wurde er Teil des nur ein Jahr dauernden Experiments New Bauhaus unter Moholy-Nagy und seiner Nachfolgeinstitutionen in Chicago. Er griff für den Unterricht auf Erfahrungen aus Dessau zurück, verließ jedoch die Materialgebundenheit dortiger Werkstätten zugunsten einer übergeordneten Gestaltungslehre. Nach Disharmonien im Kollegium und freiberuf­licher Tätigkeit folgte Bredendieck 1952 einem Ruf als Professor für Industriedesign an das Georgia Institute of Technology in Atlanta, hier initi­ierte er eine systematische Designlehre. Er publizierte in späteren Jahren, auch in der Zeitschrift „Form und Zweck“ in der DDR, besuchte dort 1983 das dritte Bauhaus-Kolloquium in Weimar und hielt Kontakt zum Bauhaus-Archiv in West-Berlin. Sein gestaltungstheoretisches Vermächtnis „Beyond Bauhaus“ wurde posthum veröffentlicht. Hin Bredendieck war kein begnadeter Selbstdarsteller: So kann man in ihm eine vollkommen zu Unrecht vergessene Persönlichkeit sehen, die durch ihre Arbeits- und Wirkungsbiografie eigentlich in die erste Reihe der Bauhäusler gehört.
Fakten
Architekten Hin Bredendieck, Oldenburg

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