Angst-Lust-Visionen der Mega-Stadt

Die Tchoban Foundation stellt Zeichnungen des Anime „Akira“ aus.

Text: Schulz, Bernhard, Berlin

Ein Höllenschlund von einer Stadt. Toshiharu Mizutani imaginiert Neo Tokyo.
Bild: MASH·ROOM/AKIRA COMMITTEE

Ein Höllenschlund von einer Stadt. Toshiharu Mizutani imaginiert Neo Tokyo.

Bild: MASH·ROOM/AKIRA COMMITTEE


Angst-Lust-Visionen der Mega-Stadt

Die Tchoban Foundation stellt Zeichnungen des Anime „Akira“ aus.

Text: Schulz, Bernhard, Berlin

Straßenschluchten ziehen den Blick in die Tiefe. Beidseits ragen Hochhäuser auf, noch höhere Bauten versperren im Hintergrund auch den letzten Zipfel des Himmels. Rechts ist ein Hochhaus mit gezackter Krone zu erkennen – eine Hommage an Fritz Langs Stummfilmklassiker. „Metropolis“ ist zu „Neo Tokyo“ geworden, jedenfalls im japanischen Animationsfilm „Akira“ von 1988. Die Handlung ist verschlungen, es geht um einen gewaltigen Terroranschlag, um die Zerstörung Tokios und den Wiederaufbau der Stadt, und dann wiederum um deren Zerstörung. Doch die Handlung wird hier nur in Stichworten angedeutet. Aus urheberrechtlichen Gründen können die handelnden Figuren nicht gezeigt werden, dafür aber die Hintergrundzeichnungen. Und die sind – Architektur vom Feinsten.
Der Film hat insgesamt 2200 Einstellungen, was bedeutet, dass ebenso viele Hintergründe erdacht und gezeichnet werden mussten. Art Director Toshiharu Mizutani hatte um die zwanzig Zeichner zu beschäftigen, herausragend neben ihm selbst Hiroshi Ono. Von beiden Zeichnern hat Ausstellungskurator Stefan Riekeles Originale ausleihen können; zusammen mit ein paar weiteren Leihgaben machen sie die 59 Originale aus, die nun im Berliner Museum für Architekturzeichnung zu sehen sind. Der Ausstellungstitel „Akira. Die Architektur von Neo Tokyo“ weist darauf hin, dass hier vor allem der architektonischen Vision gehuldigt wird, die die Zeichner geleitet hat. Es ist das moderne Tokio, wie es seit den sechziger Jahren entstand und zugleich dessen maßlose Übertreibung, von Angst-Lust gesteuert, wenn man so will. Denn Bedrohung und Schönheit halten sich die Waage.
Inspiration fanden die Zeichner bei den Metabolisten und beim Großmeister der Moderne, Kenzo Tange. Erstere traten 1960 mit einem „Metabolist Manifesto“ an die Öffentlichkeit. Ihr Vordenker Kiyonori Kikutake skizzierte darin eine „Ocean City“, eine im Meer schwimmende Stadt, die sich analog zu organischen Prozessen erweitern, alte Teile abstoßen und am Ende ihres Lebenszyklus’ selbst versenken sollte. Kisho Kurokawa, auf den der Name „Neo-Tokyo“ zurückgeht, sah hingegen eine dezentralisierte Struktur für ein künftiges Tokio vor. Kurokawas „Nakagin-Kapselturm“ von 1972, dieser inzwischen dem Abriss anheim gegebene Symbolbau der Metabolisten, fand bei den Filmemachern von „Akira“ allerdings keine Nachahmung.
Kenzo Tange gab dem modernen Nachkriegsjapan mit den Olympiabauten von 1964 ein internationales Gesicht. Drei Jahre zuvor aber war Tange mit einem radikalen Plan an die Öffentlichkeit getreten, der das unheimliche Wachstum der weltweit ersten Megacity Tokio in geordnete Bahnen lenken sollte und doch eine Vision für ein ganz anderes Jahrhundert war. Der „Plan of Tokyo for 15 million inhabitants“ – inzwischen hat die Einwohnerzahl bereits die doppelte Marke passiert! – sah vor, durch die Bucht von Tokio eine diagonale Superstruktur zu legen, auf der sich in regelmäßigen Abständen 150 bis 200 Meter hohe Wohnhochhäuser erheben sollten. Damit führte Tange einen konventionellen Plan der Japan Housing Corporation ad absurdum, der die Bucht durch Dämme abschließen und allmählich in Bauland verwandeln wollte.
Auf dieser Vision Tanges wie auch auf dem optimistischen Schwung seiner Olympiabauten beruht die Darstellung von „Neo Tokyo“ im Film „Akira“, dem Zwischenzustand nach der großen Zerstörung und vor der unheilvollen Weiterentwicklung seiner Protagonisten. Die seit 1982 als Manga erzählte und 1988 als Film dargestellte Handlung spielt im Jahr 2019, wobei eine Neuauflage der Olympischen Spiele für das folgende Jahr 2020 vorausgesagt wird – und tatsächlich wurden die 33. Olympischen Spiele 2013 an Tokio vergeben. Ein Hintergrundbild zeigt einen Bauzaun mit einer Schrifttafel, die das Datum der Spiele („noch 147 Tage“) angibt und die Aufforderung anschließt, „Mit unser aller Anstrengung machen wir sie zum Erfolg!“
„Neo Tokyo“ ist im Film kein Erfolg vergönnt, auch diese Neustadt geht unter. Das muss hier nicht interessieren, denn was die Ausstellung zeigt, sind liebevoll detaillierte Ansichten von Erdgeschosszonen und Fassaden, von Hochbahnbrücken und auch von Betonruinen wie nach dem furchtbaren Erdbeben von Kobe 1995. Aber das ereignete sich sieben Jahre nach dem Film! Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschmelzen in „Akira“ zu einer eigentümlichen Zeitlosigkeit. Tokio wie auch „Neo Tokyo“ werden zu Metaphern der Stadt an der Grenze ihrer Bewohnbarkeit.
Akira. Die Architektur von Neo Tokyo
Tchoban Foundation – Museum für Architekturzeichnung, Christinenstraße 18 A, 10119 Berlin
www.tchoban-foundation.de
Bis 4. September

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