Bauwelt

Neue Armut


Lässt sich das Prinzip Loft auf den Sozialen Wohnungsbau übertragen? Atelier Kempe Thill hat im niederländischen Zwolle 64 Apartments in einen kompakten Achtspänner gepackt. Die Großzügigkeit der einzelnen Wohnung wurde mit einem rohen Treppenhaus und der hohen Dichte erkauft - so blieb noch Geld für die raumhohe Verglasung.


Text: Heiko Haberle


  • Das Loft als suburbane Wohnform? Das „Hiphouse" ist umgeben von Vorstadttypologien, im Hintergrund sind einige der 78 Reihenhäuser von MADE Architekten aus Rotterdam zu sehen.

    Das Loft als suburbane Wohnform? Das „Hiphouse" ist umgeben von Vorstadttypologien, im Hintergrund sind einige der 78 Reihenhäuser von MADE Architekten aus Rotterdam zu sehen. Foto: Ulrich Schwarz

    Das Loft als suburbane Wohnform? Das „Hiphouse" ist umgeben von Vorstadttypologien, im Hintergrund sind einige der 78 Reihenhäuser von MADE Architekten aus Rotterdam zu sehen.

    Foto: Ulrich Schwarz

  • Auch im Erdgeschoss ist der Kubus dicht mit Wohnungen bepackt, für Privatheit sorgen Vorhänge. Jede zweite der 2,40 x 2,50 Meter großen Scheiben lässt sich zur Seite schieben.

    Auch im Erdgeschoss ist der Kubus dicht mit Wohnungen bepackt, für Privatheit sorgen Vorhänge. Jede zweite der 2,40 x 2,50 Meter großen Scheiben lässt sich zur Seite schieben. Foto: Ulrich Schwarz

    Auch im Erdgeschoss ist der Kubus dicht mit Wohnungen bepackt, für Privatheit sorgen Vorhänge. Jede zweite der 2,40 x 2,50 Meter großen Scheiben lässt sich zur Seite schieben.

    Foto: Ulrich Schwarz

  • Zwei Felder im Fassadenrastersind für die kleine Eingangshalle auf der Südseite ausgespart. Ein Oberlicht beleuchtet das „Atrium" mit seinen über acht Geschosse reichenden Öffnungen in den Erschließungsebenen.

    Zwei Felder im Fassadenrastersind für die kleine Eingangshalle auf der Südseite ausgespart. Ein Oberlicht beleuchtet das „Atrium" mit seinen über acht Geschosse reichenden Öffnungen in den Erschließungsebenen. Foto: Ulrich Schwarz

    Zwei Felder im Fassadenrastersind für die kleine Eingangshalle auf der Südseite ausgespart. Ein Oberlicht beleuchtet das „Atrium" mit seinen über acht Geschosse reichenden Öffnungen in den Erschließungsebenen.

    Foto: Ulrich Schwarz

  • Die Wohnungen sind passiv belüftet und mit lackierten Holzdielen ausgestattet

    Die Wohnungen sind passiv belüftet und mit lackierten Holzdielen ausgestattet Foto: Ulrich Schwarz

    Die Wohnungen sind passiv belüftet und mit lackierten Holzdielen ausgestattet

    Foto: Ulrich Schwarz

  • Bild 5 / 6

  • Das Loftgefühl stellt sich vor allem ein durch die raumhohe Verglasung, die auch den kleinen Studentenwohnungen eine gewisse Weite gibt.

    Das Loftgefühl stellt sich vor allem ein durch die raumhohe Verglasung, die auch den kleinen Studentenwohnungen eine gewisse Weite gibt. Foto: Ulrich Schwarz

    Das Loftgefühl stellt sich vor allem ein durch die raumhohe Verglasung, die auch den kleinen Studentenwohnungen eine gewisse Weite gibt.

    Foto: Ulrich Schwarz

Zwolle kämpft mit einem provinziellen Image. Die 120.000 Einwohner zählende Hauptstadt der Region Overijssel besitzt eine typische Altstadt und ebenso typische Neubaugebiete. Ab 1957 entstand nordwestlich des Zentrums das Quartier Holtenbroek und an dessen Südrand kurz darauf die von Samuel Josua van Embden entworfene Reihenhaussiedlung Trapjeswijk. Wegen Bauschäden und energetischer Mängel plante die lokale Wohnungsbaugesellschaft SWZ, die Siedlung zu sanieren. Da ein kompletter Neubau aber günstiger zu werden versprach, wurde Trapjeswijk schließlich abgerissen. Den städtebaulichen Gesamtplan für die Neubebauung entwarf das Rotterdamer Büro De Zwarte Hond, das zusammen mit SWZ fünf Architekturbüros für die Einzelprojekte auswählte. Der Plan sieht hauptsächlich Reihenhäuser und am Südrand des Areals drei hohe Punkthäuser vor. Der östliche Abschnitt ist bereits neu bebaut. Auf dem westlichen Areal stehen bisher ein vom Büro broekbakema entworfenes Punkthaus mit Eigentumswohnungen und, als mittleres der drei Punkthäuser, das im Frühjahr bezogene „Hiphouse“ des Rotterdamer Büros Atelier Kempe Thill.
In dem Neubau befinden sich Studenten- und Sozialwohnungen für sogenannte „Starter“ auf dem Wohnungsmarkt. Das von der Genossenschaft erdachte Label „Hiphouse“ ist etwas plakativ – die offizielle Herleitung lautet: eine Mixtur aus Hiphop und House. Und nicht zu vergessen: In Holtenbroek sind die Straßen nach Komponisten und Musikern benannt. Doch das Image des geförderten Wohnungsbaus aufpolieren wollen auch Andre Kempe und Oliver Thill. Die Architekten fordern die „Emanzipation der Sozialwohnung“ und plädieren für einen architektonischen Luxus, der sich in Zwolle an einem großzügigen Entree, hellen Wohnräumen und einem kargen, aber edlen Erscheinungsbild ablesen lässt. Kempe Thill bauen darauf, dass sich der „Neue Reichtum“ heute oft als „Neue Armut“ präsentiert: spärlich ausgestattete Lofts, kahle Wände, improvisiertes Wohnen. Die Vorzüge des Lofts, bislang die „Wohnform einer gut betuchten Elite“, sollen auch den Mietern öffentlich geförderter Wohnungen zugute kommen.
Als Alternative zum günstigen, aber „sozial stigmatisierten“ Laubenganghaus schlagen die Architekten ein kompaktes Punkthaus auf einer Grundfläche von 23 mal 32 Metern vor. Auf jeder der acht Etagen befinden sich acht Wohnungen, es gibt nur Regelgeschosse. Jeweils zwei 50 Quadratmeter große Studentenwohnungen sind in der Mitte der längeren Gebäudeseiten angeordnet, einseitig ausgerichtet nach Ost oder West. An den räumlich interessanteren Ecken liegen Sozialwohnungen mit drei Zimmern auf 95 Quadratmetern oder vier Zimmern auf 115 Quadratmetern. Gemeinschaftseinrichtungen oder Außenanlagen, vom Parkplatz abgesehen, gibt es nicht. Durch die ökonomische Gebäudeform, die eine geringe Fassadenfläche und eine stringente innere Organisation bedingt, sowie durch Abstriche bei den Materialien und der Ausstattung konnten vor allem im Bereich der Fassade Sonderlösungen realisiert werden, ohne dass der für den Sozialen Wohnungsbau übliche Kostenrahmen überschritten wurde. Bei zehn bis fünfzehn Prozent höheren Baukosten als in Deutschland schlägt das Hiphouse mit 5,5 Millionen Euro zu Buche (vergleichbar hierzulande mit den Kostengruppen 300 und 400). Der Quadratmeterpreis liegt bei 869 Euro brutto (Nutzfläche) beziehungsweise bei 1218 Euro netto (Wohnfläche).
Je nach Blickwinkel, Wetter und dem Öffnungsgrad der Fassade wirkt der Baukörper monolithisch oder transparent. Er steht selbstbewusst an der Straßenecke, doch die Fassade aus Glas und eloxiertem Aluminium lässt ihn zurückhaltender erscheinen, als es die Kubatur vermuten ließe. Die Fassade wirkt zweidimensional: Es gibt keine Vor- oder Rücksprünge, keine Balkone, keinen außen liegenden Sonnenschutz, nicht einmal aufschlagende Fenster oder Türen. Die beiden gegenüberliegenden Eingänge ins Foyer sind mit elektrischen Schiebetüren ausgestattet, in den Wohnungen lässt sich jedes zweite Fenster komplett zur Seite schieben. Für die Fensterscheiben wurde das effektivste Sonnenschutzglas verwendet, das im Wohnungsbau zugelassen ist. Um die fast vollständige Verglasung auch an den Schmalseiten zu ermöglichen, musste bei der Konstruktion von der im niederländischen Wohnungsbau üblichen Schottenbauweise abgewichen und die beiden äußeren Schotten in Stahlstützen aufgelöst werden. Dabei war die Glasfassade keineswegs einfach durchzusetzen, denn niederländische Bauherren wünschen sich Klinkerfassaden. Die Überzeugungsarbeit gelang mit dem Argument, es werde gar keine Fassade gebaut, es gebe nur Fenster. Was anekdotenhaft klingt, zeugt von der Ablehnung eines „Konzepts der Fassade“. Die Architekten bevorzugen ein „Konzept der Performance“, das ausdrückt, was ein Haus kann und was in ihm passiert. Weil auch die Bewohner Teil der Performance sind, sieht man natürlich auch Fenster, deren untere Bereiche zugestellt sind, und über den Geländern hängende Wäsche. Dem Konzept des gerasterten Kubus kann das kaum etwas anhaben.
Man betritt das Hiphouse durch ein zweigeschossiges Entree und gelangt dann in ein 26 Meter hohes Mini-Atrium, das überrascht mit einer introvertierten, rauen, an eine Tropfsteinhöhle erinnernden Atmosphäre. Assoziationen an sakrale Räume, aber auch an Gefängnisse werden geweckt. Dabei war die Rohbauästhetik ungewollt. Für Sichtbeton, selbst für das Verputzen und ein Farbkonzept fehlte schlicht das Geld, so dass der Konstruktionsbeton schließlich unbearbeitet blieb. Nur an wenigen Stellen wurde gespachtelt. Um das in den Obergeschossen recht intim wirkende Atrium und den Erschließungskern mit den beiden eingehausten Fluchttreppenhäusern legen sich die nach innen gekehrten „Laubengänge“. Ihre Untersichten sind mit Akustikspritzputz versehen, der dem Bauherrenwunsch nach robusten und wartungsarmen Oberflächen entspricht. Da ein repräsentatives (oder auch nur alltagstaugliches) Treppenhaus fehlt, benutzen die Bewohner selbst für kurze Strecken den Aufzug. Auf Wände und Decken sind einfache Industrielampen geschraubt, die Brüstungen sind nur verzinkt, und die Wohnungseingänge bestehen aus einfachen Holztüren. In die schmalen Erschließungsgänge ragen grob durch den Beton gebrochene Löschwassereinspeisungen. Man darf gespannt sein, welche Benutzungsspuren das Atrium annimmt und wann erste „Verschönerungsmaßnahmen“ erfolgen.
Betritt man eine der Wohnungen, ist der Kontrast erneut riesig, denn die Architekten konnten bei einer vorgeschriebenen Raumhöhe von 2,60 Meter großzügige, helle Räume realisieren. Im Gegensatz zu Deutschland sind im niederländischen Sozialwohnungsbau offene Grundrisse möglich, da nicht die Raumgrößen, sondern die Mietpreise reglementiert sind. Die loftartigen Wohnküchen sind für Sozialwohnungen dennoch ungewöhnlich, wobei in den Studentenwohnungen eher von der aus Wohnheimen bekannten Küchenzeile in einem hier besonders großen Raum gesprochen werden muss. Lofts im Sinn flexibler Aufteilung bietet das Hiphouse nicht, denn die Grundrisse sind statisch und der Zuschnitt der kleineren Wohnräume eher herkömmlich. Lediglich in der Vierzimmerwohnung kann die Wand hinter der Küche entfernt werden. In den Eckwohnungen ist den beiden Nebenzimmern ein Wintergarten vorgelagert, über den sich ein Rundweg durch die Wohnung ergibt. Oliver Thill merkt an, in den nahezu unausgebaut übergebenen Wohnungen „fast nichts entworfen“ zu haben: Die Zimmertüren sind ein Standardmodell, auch die Küchenzeile ist nichts Besonderes. Geheizt wird mit Radiatoren, und im Bad fehlt eine Duschtasse, was es nebenbei barrierefrei macht. Es wurde vieles eingespart, um an anderen Stellen außergewöhnliche Lösungen zu verwirklichen. Die Architekten machen aus der Not eine Tugend, indem sie Einschränkungen der Entwurfsfreiheit in einen architektonischen Purismus verwandeln, mit dem vor allem eines erreicht werden soll: eine Wohnqualität, die sich als räumlicher Luxus versteht.



Fakten
Architekten Atelier Kempe Thill, Rotterdam
Adresse Obrechtstraat 21-147 8031 AN Zwolle


aus Bauwelt 47.2009

0 Kommentare


loading
x

16.2026

Das aktuelle Heft

Bauwelt Newsletter

Das Wichtigste der Woche. Dazu: aktuelle Jobangebote, Auslobungen und Termine. Immer freitags – kostenlos und jederzeit wieder kündbar.