Vor Gott und auf Glatteis
Ulrich Brinkmann hört lieber Musik, als im Winterwetter vor die Tür zu treten
Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin
Vor Gott und auf Glatteis
Ulrich Brinkmann hört lieber Musik, als im Winterwetter vor die Tür zu treten
Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin
Es ist schon eine Weile her, dass ich den „Zauberberg“ gelesen habe, doch erinnere ich noch gut jenes Kapitel, in dem der Protagonist des Romans in einem Schneesturm verloren zu gehen droht. So schlimm, dass ähnliche Erlebnisse auch am Breitscheid- oder Alexanderplatz zu befürchten wären, wütet der Winter zwar nicht in Berlin, aber nach vielen milden Jahresanfängen wird Anfang 2026 mal wieder deutlich, wie dünn der Boden ist, auf dem sich der städtische Alltag abspielt. Seit dem Blitzeis am 26. Januar sieht man Berlinerinnen und Berliner in Köpenick wie in Zehlendorf und selbst auf dem Kurfürstendamm über die nur partiell geräumten Trottoirs schlittern, und nicht immer geht das gut aus – allein in der Bauwelt-Redaktion zählen wir schon zwei Knochenbrüche. Dass Tage später noch immer kaum eine Straßenbahn fährt, überrascht nicht, solange man nicht ins nahe Potsdam kommt – dort ist, bei gleicher Witterung, keine Rede von Störungen. Dass Berlin schlicht zu cool ist, um zu funktionieren, vermag mich nicht zu trösten, wenn selbst eine Kopfreise in den sonnigen Süden nicht mehr ablenkt – denke ich an Sizilien und die Stadt Niscemi, gerate ich jedenfalls gleich ins Grübeln über die Sicherheit der bebauten Hanglagen im Spree-Athen: Ein Starkregen, und Prenzlauer Berg gerät ins Rutschen; ich halluziniere schon die vier Kilometer lange Abbruchkante entlang der Bernauer und Danziger Straße – nein, dann doch lieber Schnee. Der treibt derweil, vom eisigen Ostwind getrieben, waagerecht vor dem Fenster über den Olivaer Platz, doch auch Hans Castorp gelang es schließlich, sich aus dem Whiteout zu retten, und dabei halfen ihm keine Straßenlaternen. Wobei, es genügt ja schon ein Anschlag auf ein Stromkabel, und schon erlischt das trübe Licht für Tage. Der Kollege mit dem gebrochenen Arm überlegt schon, fortan mit dem Taxi die 250 Meter zu seiner Stamm-Imbissbude zu fahren. Dort immerhin hat die Wetterlage sogar Ihr Gutes: „Ob du deine Currywurst mit oder ohne Darm isst, ob reich du, oder arm bist, da guckt kein Schwein genauer hin, wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“, singen Element of Crime. „Wer nicht mehr stehen kann, fällt hin.“ Auf Glatteis sind wir alle gleich.







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