Bauwelt

Flugblätter der Moderne

Zeichnungen von Otto Wagner im Museum für Architekturzeichnung

Text: Schulz, Bernhard, Berlin

Flugblätter der Moderne

Zeichnungen von Otto Wagner im Museum für Architekturzeichnung

Text: Schulz, Bernhard, Berlin

Otto Wagner (1841–1918) ist der Architekt der Großstadt, ja mehr noch ihr Herold. „Großstadt“ und „Moderne“ waren für ihn Synonyme. Beiden Begriffen hat er theoretische Schriften gewidmet, „Moderne Architektur“ 1896 und „Die Großstadt“ 1911. Vor allem aber hat er gebaut, in seiner Vaterstadt Wien, die er um die Jahrhundertwende von 1900 herum geradezu im Alleingang zur modernen Großstadt umgeformt hat. Das ist um so erstaunlicher, als Wien in den Jahrzehnten vor Wagners reifer Tätigkeit schon einmal vollständig überformt worden war. Denn nach der Niederlegung der einengenden Stadtbefestigung ab 1848 wurde das großartige Konzept der Ringstraße mit ihren angrenzenden Straßen und rechteckigen Bauflächen verwirklicht, versehen mit Bauten in ihrem eigenen Stileklektizismus, eben des „Ringstraßenstils“.
In Wagners Ägide wurde Wien erneut „zur Großstadt demolirt“, wie der scharfzüngige Karl Kraus lästerte, der freilich nichts für die Nostalgiker von „Alt-Wien“ übrig hatte. Noch weniger Otto Wagner. Als ihm 1894 die Gestaltung der Bauten des neuartigen Verkehrsmittels der Stadtbahn übertragen wurde, sah er sich mit der Moderne in ihrem technisch-rationalen Kern konfrontiert. Dafür konnte es keine historischen Stilhülsen mehr geben. Und er baute zugleich kühne und elegante Viadukte und Brücken durch die gewachsene Stadt, wie es das neuzeitliche Verkehrsmittel erforderte.
Wagner hat seine Entwürfe gezeichnet und mit deren zunehmendem Umfang mehr und mehr zeichnen lassen. Dabei legte er auf größte Exaktheit wert. Nach seinem Tod im April 1918 wurden Teile seines Nachlasses für das Stadtmuseum erworben, jenes Museum, für das er selbst mehrere Entwürfe geliefert hatte, allesamt, wie so vieles, unausgeführt. Aus diesem, im Laufe der Jahrzehnte vervollständigten Bestand von inzwischen über eintausend Blättern ist nun eine Auswahl im Museum für Architekturzeichnung der Tchoban Foundation zu sehen, die nicht nur den Rang dieses Architekten unterstreicht, sondern vor allem seinen Beitrag zur Spezifik der Großstadt hervorhebt. In sechs Kapiteln sind die Blätter thematisch-chronologisch zusammengefasst und auf die beiden Ausstellungsgeschosse des Museums verteilt.
Gewiss wäre es falsch, Wagner auf den Architekten von Nutzbauten für die Infrastruktur der Stadt reduzieren zu wollen. Doch die Stadtbahn nimmt nun einmal einen herausragenden Platz in seinem Œuvre ein. Treffend ist das entsprechende Ausstellungskapitel mit „Architektur der Beschleunigung“ überschrieben. Binnen nur neun Jahren wurden allein 36 Stationsgebäude errichtet, dazu Dutzende von Brücken und Viadukten, darunter ingenieurtechnische Meisterleistungen wie die eiserne Brücke über die Wienzeile. Ihr ist eine der ausgestellten Zeichnungen gewidmet, und sie stammt von der Hand Joseph Maria Olbrichs, des späteren Jugendstil-Meisters und für einige Jahre wichtigsten Zeichners in Wagners zeitweise bis zu 70 Mitarbeitern umfassenden Betrieb.
Das Blatt ist beispielhaft für den Stil der Wagner-Zeichnungen, deren verschiedene Zeichner heute deutlicher erkennbar sind, wo ihre Leistung nicht mehr in der Anonymität des Großbüros übergangen wird. Allerdings hat Wagner seinen eigenen Zeichenstil quasi verbindlich gemacht. Kennzeichnend ist unter anderem die Kombination von Ansichten des ganzen jeweiligen Bauwerks mit Details einzelner Elemente auf ein und demselben Blatt. Es sind wahre Kunstwerke, vervollständigt durch Rahmungen oder gar, wie beim „Projekt für eine Pfarrkirche in Währing“ von 1898, durch einen quer über den Architekturentwurf gezeichneten blühenden Kirschzweig. Der wie stets bei den Ausstellungen des Museums vorzügliche Katalog übertrifft sich diesmal schier selbst mit durchgängig farbiger Illustration und mehreren Falttafeln – die vollständige Ausstellung im Buchformat. Die Reproduktion einer Doppelseite aus der Broschüre zum Karlsplatz von 1909 beleuchtet, wie gründlich sich Wagner über die eigentliche Bauaufgabe hinaus mit mit dem städtischen Raum beschäftigt hat.
Wie in seinen Verkehrsbauten, war Wagner in all seinen Projekten technisch auf der Höhe. Die Ausführung in Ziegelmauerwerk mit Fassadenverkleidung aus mit Bolzen befestigten Marmorplatten, und zwar sichtbar befestigten, erprobte er beim Entwurf des Kaiser Franz Josef-Stadtmuseums – dessen endlich ausgeführter Nachfolger das heutige Wien Museum ist – und bei den beiden ausgeführten Bauten der Kirche am Steinhof – für die „N.Ö. Landesirrenanstalt“ – und des Postsparkassenamtes. Zu allen drei Projekten sind Zeichnungen in der Ausstellung zu sehen, die Endzustand mit Details der Ausführung verbinden; belebt zudem durch kleine Staffagefiguren, wie sie immer wieder auf Wagners Zeichnungen auftauchen und einerseits den Maßstab der Darstellung verdeutlichen, andererseits auch so etwas wie Stellvertreter des Betrachters sind, der durch sie – und in ihrer geringen Größe – die ausgeführten Bauten betrachtet, ja bewundert. Gekleidet sind sie, dies ein bezeichnendes Detail, nach der jeweils neuesten Mode.
Wagner wurde erst mit dem Großauftrag des Stadtbahnbaus ab 1894 zum kompromisslosen Streiter für die moderne Großstadt. Dazu musste er sich aus seinen Anfängen befreien. Für Berliner Augen ist besonders interessant, dass Wagner ein Jahr lang auch in Berlin gelernt hat, an der Bauakademie Karl Friedrich Schinkels, der in Wagners Geburtsjahr verstorben war. Die Schinkelschule dominierte, als Wagner hier in ganz jungen Jahren studierte; erst danach ging er an die Wiener Akademie, wo er den Historismus der Ringstraßenarchitektur aufnahm. 1867 beteiligte er sich am Wettbewerb für den Berliner (protestantischen) Dom, und auch am Reichstags-Wettbewerb nahm er 1882 teil. Seine Entwürfe verbinden Schinkelschen Klassizismus mit barocken Elementen; doch nach und nach befreite sich Wagner von historischen Anleihen.
Ein kleines, programmatisches Blatt am Anfang des Rundgangs durch die beiden Ausstellungsgeschosse zeigt den Architekten am Zeichentisch. Beigefügt ist das ins Lateinische übersetzte Motto des älteren Gottfried Semper, „Nur einen Herren kennt die Kunst, das Bedürfnis“. Mit dem lateinischen „necessitas“ ist der Sinn noch deutlicher: Nur „Notwendigkeit“ wollte der reife Otto Wagner in der Baukunst gelten lassen. Dass er darunter mehr und Anderes verstand als wir Heutigen, machen die 67 Arbeiten der Ausstellung deutlich. Wagner, der am Ende seines Lebens vom Villenvorort in die Innenstadt und einen – natürlich von ihm selbst entworfenen – Geschosswohnungsbau zurückzog, entwarf die „unbegrenzte Großstadt“, ehe der Erste Weltkrieg dem Wachstum Wiens ein jähes Ende setzte.
Die Ausstellung endet mit Wagners Umschlagentwurf zu seinem letzten Buch, „Die Baukunst unserer Zeit“. Otto Wagner hatte keinen Zweifel, dass es gerade seine Architektur war, die als „Baukunst unserer Zeit“ gelten durfte.


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